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Ehrenrat von Schalke 04 : Kritik an Entscheidung im Fall Tönnies

  • Aktualisiert am

Clemens Tönnies wird sein Amt im Schalker Aufsichtsrat für drei Monate ruhen lassen. Bild: dpa

Der Ehrenrat von Schalke sieht den Vorwurf des Rassismus von Clemens Tönnies als „unbegründet“. Er lässt sein Amt im Aufsichtsrat nun für drei Monate ruhen. Eine Politikerin kritisiert die Entscheidung deutlich.

          SPD-Politikerin Dagmar Freitag hat die Entscheidung des Ehrenrates von Schalke 04 im Fall Clemens Tönnies kritisiert und den Deutschen Fußball-Bund (DFB) in dieser Angelegenheit zum Handeln aufgefordert. Auf NDR Info sagte die Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, sie sei enttäuscht, wie das Gremium auf die Äußerungen des Aufsichtsratschefs reagiert habe. Freitag forderte den DFB auf, deutlicher Kritik zu üben. Sie erinnerte an den Fußball-Slogan „Say no to Racism“ – „Sage nein zu Rassismus“. „Alleine das müsste den DFB natürlich in seiner Linie bestärken, eine klarere Haltung zu finden“, sagte Freitag.

          „Natürlich, wenn ich einen ganzen Kontinent und seine Bevölkerung letztlich in eine Ecke stelle, dann erfüllt das für mich schon eher den Tatbestand des Rassismus als ‚nur‘ den der Diskriminierung“. Freitag warnte zugleich vor der gesellschaftlichen Wirkung solcher Aussagen: „Solche Entgleisungen sind ein Tabubruch ohne Skrupel (...) – und ihre Wirkung in die Gesellschaft, die sie haben, ist – insbesondere in diesen Zeiten – verheerend.“

          Der fünfköpfige Schalker Ehrenrat war am Dienstag zu dem Schluss gekommen, dass der gegen Tönnies erhobene Vorwurf des Rassismus „unbegründet“ sei. Vorzuwerfen sei ihm allerdings, „gegen das in der Vereinssatzung und im Leitbild verankerte Diskriminierungsverbot verstoßen zu haben.“ Tönnies habe „ein weiteres Mal sein Bedauern zum Ausdruck gebracht“, hieß es in einer Mitteilung. Tönnies werde sein Amt drei Monate lang ruhen lassen und danach seine Tätigkeit im Aufsichtsrat wieder aufnehmen.

          Tönnies hatte am Donnerstag vergangener Woche bei der Festveranstaltung zum „Tag des Handwerks“ in Paderborn eine Rede zum Thema „Unternehmertum mit Verantwortung – Wege in die Zukunft der Lebensmittelerzeugung“ gehalten. Der Schalke-Boss empfahl dabei die Finanzierung von Kraftwerken in Afrika und sagte: „Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn´s dunkel ist, Kinder zu produzieren.“

          Die DFB-Ethikkommission wird sich auch nach der Entscheidung des Schalker Ehrenrats noch mit den Aussagen von Tönnies beschäftigen. Der Vorsitzende des Gremiums, Nikolaus Schneider, bestätigte der Deutschen Presse-Agentur, dass der Fall weiterhin auf der Agenda für die nächste Sitzung am 15. August steht. Die Kommissionsmitglieder könnten aber auch zügig entscheiden, das Thema für sich zu den Akten zu legen. Die DFB-Ethikkommission kann selbst kein Urteil fällen. Das dreiköpfige Gremium kann lediglich Anklage erheben, über die dann die DFB-Gerichtsbarkeit entscheiden muss.

          Der Afrikabeauftragte der Bundeskanzlerin, Günter Nooke (CDU), hält die umstrittenen Äußerungen von Tönnies zum afrikanischen Bevölkerungswachstum für diskussionswürdig. „Die von Tönnies angesprochenen Probleme wie das Verschwinden des Regenwalds und das Bevölkerungswachstum auf dem afrikanischen Kontinent sind real, und darüber muss gesprochen und gegebenenfalls kontrovers diskutiert werden“, sagte Nooke dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (Mittwochsausgaben).

          Nooke kritisierte allerdings die Wortwahl des Schalke-Aufsichtsratschefs, der sein Amt inzwischen nach Rassismus-Vorwürfen ruhen lässt. „Leider erschweren Sätze wie die von Herrn Tönnies jede konstruktive Diskussion“, sagte der Afrikabeauftragte. „Wir müssen uns alle um eine angemessene Sprache bemühen. Jeder sollte sich mit Respekt behandelt fühlen.“ Nooke hält den Vorschlag zum Bau von Kraftwerken für unzureichend: „Es wird nicht reichen, Geld für Kraftwerke in Afrika bereitzustellen“, sagte er. Es gebe „dort in vielen Ländern mangelhafte Rahmenbedingungen für sichere Investitionen“ und „zu wenig Vertrauen in viele der afrikanischen Regierungen“.

          Großes Bevölkerungswachstum heiße nicht, dass Afrika überall übervölkert wäre. „Es gibt sogar so dünn besiedelte Gebiete in Afrika, in denen Kraftwerke oder die Anbindung ans nationale Stromnetz nicht wirtschaftlich sind.“ Deshalb seien Tönnies' Lösungsvorschläge „unterkomplex“. Nooke war in der Vergangenheit selbst für Äußerungen zu Afrika kritisiert worden. Vergangenes Jahr etwa warfen ihm die Grünen wegen einer Wortmeldung zur Kolonialzeit Rassismus vor. Nooke hatte damals zu den Folgen der Kolonialzeit in Afrika gesagt: „Es gibt schon Nachwirkungen. Schlimm waren die Sklaventransporte nach Nordamerika. Auf der anderen Seite hat die Kolonialzeit dazu beigetragen, den Kontinent aus archaischen Strukturen zu lösen. Experten, auch Afrikaner, sagen: Der Kalte Krieg hat Afrika mehr geschadet als die Kolonialzeit.“

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