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„Da wären alle tot gewesen“ : Warum ein früherer BVB-Spieler in Beirut bleibt

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Dem Sport treu geblieben: Im Libanon betreibt Johannes Theodor Bücker eine Fußballakademie. Bild: dpa

Einst lief Theo Bücker für Borussia Dortmund, den MSV Duisburg und den FC Schalke 04 auf. Doch schon seit langem lebt und arbeitet er in der arabischen Welt. Die Explosion im Libanon traf auch das Büro seiner Fußball-Akademie.

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          Die Mitarbeiter hatten pünktlich um 5.00 Uhr nachmittags Feierabend gemacht – dafür ist Theo Bücker bis heute dankbar. Das Büro der Fußball-Akademie des früheren Bundesligaprofis im Libanon lag am Hafen der Hauptstadt. Als dort am 4. August, um kurz nach sechs Uhr abends, riesige Mengen der hochexplosiven Chemikalie Ammoniumnitrat detonieren, verwüstet die Druckwelle große Teile der Stadt. Auch das Büro der Fußball-Akademie erwischt es schwer.

          „Da ist alles weg. Kein Bleistift, kein Telefon mehr, alles weg“, sagt der 72-jährige Bücker, der während der Explosion gerade in Deutschland war. „Da wären alle tot gewesen, kein Mensch wäre da rausgekommen. Da wird man ganz ehrfürchtig, wenn ich überlege, wie oft ich auf der Straße am Hafen gefahren bin.“ Kurz nach der Detonation sagt sein Partner der Akademie am Telefon: „Von heute an feiern wir jeden Tag Geburtstag.“

          Bücker rannte einst für Borussia Dortmund, den MSV Duisburg und Schalke 04 über den Platz. Als Mittelfeldspieler war er wegen seiner Kondition berühmt und gefürchtet. Ausdauer braucht Bücker seit einiger Zeit auch im Libanon. Denn die vielen Krisen des Landes gehen an seiner Fußball-Schule für Nachwuchsspieler auch nicht spurlos vorbei.

          Ende der 1970er Jahre verschlug es den Sauerländer mit seinem Ziehvater Dettmar Cramer nach Saudi-Arabien, erst als Spieler, später als Trainer. Seitdem hat er fast sein ganzes Lebens in der arabischen Welt verbracht. Vor 20 Jahren kam er in den Libanon. Coach von Erstliga-Teams war er hier, und Nationaltrainer, bis Spieler gegen Geld absichtlich Spiele verloren. Mittlerweile betreibt er mit Partnern die Fußball-Akademie Athletico SC, die einheimische Talente entwickeln will. Und er coacht den Zweitligaklub FC Jounieh.

          Schwere Zeiten

          Doch das Land verlangt seinen Einwohnern viel ab. Da ist die Korruption. Und seit Monaten erlebt der Libanon die vielleicht schwerste Wirtschaftskrise seiner Geschichte. Das libanesische Pfund ist abgestürzt, die Preise schießen nach oben. Weil dem Land die Devisen ausgehen, dürfen die Menschen nur noch sehr begrenzt Dollar abheben. Viele sind in die Armut abgerutscht. Erst hat die Corona-Pandemie die Lage weiter verschärft, dann die Explosion.

          Bücker verschwendet keinen Gedanken an eine Rückkehr nach Deutschland: „Meine Heimat ist hier. Ich bin mittlerweile mehr Araber als Deutscher.“
          Bücker verschwendet keinen Gedanken an eine Rückkehr nach Deutschland: „Meine Heimat ist hier. Ich bin mittlerweile mehr Araber als Deutscher.“ : Bild: dpa

          Das bekommt die Fußball-Akademie zu spüren. Zunächst verschwanden die fünf französischen Trainer, weil sie nicht mehr in Dollar bezahlt werden konnten. Alle Ausländer im hiesigen Fußball seien weg, sagt Bücker. „Ich bin noch der einzige.“ Dann blieben viele der rund 1200 Spieler der Akademie mit mehreren Standorten wegen Corona zu Hause, für die ihre Eltern sonst 150 Dollar im Monat an Beiträgen bezahlen. Eine Summe, die sich nur besser betuchte Familien leisten können.

          „Fußball ist alles für mich“

          Von Bücker sind keine Klagen zu hören. Er weiß, dass er zum Kreis der Bessergestellten in diesem Land gehört. Sein Körper wirkt mit 72 so drahtig und fit, als könnte er jederzeit selbst wieder auflaufen. Er ist mit einer Libanesin verheiratet, von seinem Haus schaut er aufs Meer, er geht Golf spielen. Und noch immer steht er mit den Nachwuchsspielern auf dem Platz: „Fußball ist alles für mich.“

          An diesem Abend ermahnt er einen der Jungs im freundlich-väterlichen Ton, weil dieser zuletzt beim Training fehlte. „Ich war nicht zufrieden“, sagt Bücker. „Wir brauchen dich.“ Dann macht er ihnen am Ball vor, wie sie sich richtig aufwärmen sollen. „Ihr müsst euch bewegen und dabei den Ball kontrollieren“, ruft er ihnen zu.

          An eine Rückkehr nach Deutschland verschwendet Bücker keine Gedanken. Das Leben im Libanon sei leichter als in Deutschland, auch jetzt noch nach der Explosion, sagt er. Die Vorstellung, den Rest seines Lebens im verregneten Sauerland zu verbringen, habe ihm schon früher die Haare zu Berge stehen lassen. Er werde oft gefragt, wann er denn nach Deutschland zurückkomme, sagt Bücker und legt eine kleine Kunstpause ein. „Dann antworte ich: Vielleicht 14 Tage über Weihnachten. Meine Heimat ist hier. Ich bin mittlerweile mehr Araber als Deutscher.“

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