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Dynamo Dresden : Verrückt nach Fußball

Dresden am Boden, Nürnberg obenauf: Torwart Axel Keller und Kapitän Maik Wagefeld stoppen in dieser Szene Nürnbergs Marek Mintal Bild: dpa

Im DFB-Pokal ist Dynamo Dresden am 1. FC Nürnberg gescheitert. Dennoch hoffen sie in Sachsen auf bessere Zeiten. Die Fanszene ist ruhiger geworden, eine neue Arena soll den Aufschwung bringen.

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          Michael Oenning wusste, wie sich ein guter Gast verabschiedet: mit einem Kompliment für den Gastgeber. „Mehr ein Fußballfest als ein Fußballfight“ sei es gewesen, sagte der Trainer des 1. FC Nürnberg über das Erstrundenspiel im DFB-Pokal bei Dynamo Dresden. Und Oenning bezog das weniger auf die sportliche Seite dieses Samstagnachmittags, das ungefährdete 3:0 (2:0) des Bundesliga-Aufsteigers gegen den Drittligaklub durch Tore von Kluge, Mintal und Gündogan.

          Oenning meinte vor allem die Atmosphäre im Rudolf-Harbig-Stadion – und das, obwohl er noch nicht einmal die volle akustische Dröhnung abbekommen hatte: Weil das Stadion derzeit für 43 Millionen Euro zu einer modernen Fußballarena umgebaut wird, können nur zwei der vier Tribünen genutzt werden. Dass Oenning dennoch von einer „tollen Kulisse“ sprach und die Hoffnung äußerte, diese „fußballverrückte Stadt“ werde bald wieder in einer der ersten beiden deutschen Spielklassen vertreten sein, wird den Dresdnern geschmeichelt haben. Schließlich bilden die Begriffe „Fußball“ und „verrückt“ zumeist keine gute Allianz, wenn es um die SG Dynamo und ihre Fans geht.

          Neue Arena, neue Zeit?

          Mit der neuen Arena jedoch soll endlich eine neue Zeit für den Dresdner Fußball beginnen: sportlich und wirtschaftlich, aber auch eine, in der ein Stadionbesuch ein Freizeit- und Familienvergnügen ohne Furcht vor Aggression und Randale wird. „Es hängt alles sehr stark mit dem Stadion zusammen“, sagt Geschäftsführer Stefan Bohne. Er schwärmt von der treuen Fangemeinde des achtmaligen DDR-Meisters, von 5000 verkauften Dauerkarten und einem kalkulierten Zuschauerschnitt zwischen 13.000 bis 15.000. Und er ist sicher, dass sich mit Logen, verbessertem Service und entsprechender Infrastruktur die Einnahmen noch einmal erheblich steigern lassen. Mit Sportfive wurde ein Vermarkter frisch engagiert. Am 15. September wird die Arena, die auch Spielort der Frauen-WM 2011 ist, gegen Schalke offiziell eröffnet, dann wird auch erstmals die Kapazität von 32.300 Zuschauern erreicht werden. Die 15.500 am Samstag bekamen schon einen Eindruck davon, wie die Dresdner Fußballzukunft aussehen könnte.

          Die Entscheidung für Nürnberg: Ilkay Guendogan schießt das 3:0

          Dass es für Dynamo derzeit noch ein ziemlich teurer Spaß ist, die von der Stadt und einem Investor finanzierte Arena zu nutzen (derzeit betragen die Kosten laut Bohne rund ein Drittel des Jahresetats von sieben Millionen Euro), stelle zwar ein „gewaltiges Problem“ dar, von dessen langfristiger Lösung viel für den Klub abhänge. An der vorsichtig optimistischen Grundstimmung ändert das jedoch wenig. „Es bewegt sich sehr viel“, sagt Bohne. Der Klub ist nach wie vor hoch verschuldet und dementsprechend „nicht auf Rosen gebettet“, wie Bohne sagt.

          Akut um die Existenz bangen wie noch im Februar müsse er aber derzeit nicht. Auch der Gedanke an die neue Konkurrenz durch das Engagement des Brauseherstellers Red Bull in Leipzig bereitet Bohne keine Bauchschmerzen. „Das sehe ich heute und morgen für uns nicht als Problem“, sagt er. Sportlich schließlich sorgt der niederländische Trainer Ruud Kaiser für solide Arbeit, so dass mancher Kollege dem aktuellen Team schon den Aufstieg zutraut.

          Fanszene ist ruhiger geworden

          Aber natürlich geht es bei Dynamo immer noch um etwas anderes, seit randalierende Fans den Ruf des Klubs nach Kräften ruiniert haben. Erst kürzlich klagte der sächsische Verbandspräsident Klaus Reichenbach darüber, dass die Dynamo-Fans ihm die „größten Probleme“ in seinem Fußballland bereiteten. Doch wenn der Eindruck nicht täuscht, ist es auch in dieser Hinsicht ruhiger geworden. Blutige Großkampftage wie 2002 nach dem Derby gegen den Dresdner SC hat es länger nicht gegeben. Zuletzt noch einmal im Oktober 2007, als die zweite Dresdner Mannschaft auf Lok Leipzig traf – doch dieses Datum sieht man heute bei der Dresdner Polizei als „Wendepunkt“, wie deren Sprecher Thomas Geithner sagt.

          Ausdrücklich lobt er die verbesserte Zusammenarbeit mit dem Klub, der sich inzwischen unmissverständlich von Gewalt distanziere und die Behörden bei der Verfolgung von Straftaten unterstütze. Zwar gebe es immer noch rund 600 Problemfans. Die würden aber nicht mehr so geballt in Erscheinung treten wie früher. „Die Zeichen stehen so gut wie lange nicht“, glaubt Geithner. Von einem „guten Miteinander“ spricht auch Torsten Rudolph, der Leiter des Dresdner Fanprojekts. Alle Seiten würden eher die Kommunikation als die Konfrontation suchen – was sich etwa in der Anstellung eines hauptamtlichen Fanbetreuers oder der gemeinschaftlich erarbeiteten Fancharta zeige. Gewaltfreiheit und das Eintreten gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit stehen ganz oben.

          Umso ärgerlicher ist es, wenn dann der eigene Kader für schlechte Presse sorgt. Dass drei Nachwuchsspieler kürzlich ein paar Flaschen Bier an einer Tankstelle mitgehen ließen, mag da eine Bagatelle sein. Eine Spur zu brenzlig dagegen war, wie Torwart Benjamin Kirsten den Sieg der zweiten Mannschaft im Sachsenpokal feierte: mit einem Bengalo in der Hand. Wie mühsam die Arbeit am eigenen Image ist, wissen der Klub und seine Fans schließlich nur zu gut. Und wohl auch, dass ihnen eine große Bewährungsprobe noch bevorsteht: die Spiele der aufgestiegenen Reserve in der Oberliga. Lok Leipzig und etliche Reserveteams der ostdeutschen Traditionsvereine – das sind Gegner, die nicht nur sportlich reichlich Zündstoff bergen.

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