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Fußball im Osten : Es gibt ein Leben jenseits von RB Leipzig

Ein Klub, der Groß und Klein bewegt: Beim 1. FC Magdeburg ist so viel Optimismus im Spiel wie schon lange nicht. Bild: Sportfotos_MD/Possiencke/Harbke

Der Osten, eine verödete Fußball-Landschaft? Eine Zukunft oberhalb der dritten Liga sehen viele bloß noch in Leipzig, wo die Brause-Millionen nur so sprudeln. Aber das stimmt so nicht.

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          „So viel anders kann Bundesliga gar nicht sein.“ Der Reporter muss fast brüllen, um diesen Satz durchzubringen gegen den Lärm von allen Seiten. Eigentlich ist er ja Fan, bis vor kurzem saß er bei den Heimspielen noch auf der anderen Seite des Stadions und nicht hier oben, auf der Pressetribüne. Sein Urteil ist ohne Zweifel das eines Befangenen. Aber wenn man es nicht wüsste – was wäre der Unterschied?

          Unten, am Spielfeldrand, wird Maik Franz verkabelt, als Experte für die Live-Übertragung im Fernsehen. Um den grünen Rasen jagen Werbebotschaften über LED-Screens, der Schiedsrichter, der die Mannschaften auf das Feld führt, ist Florian Meyer, ein früherer Fifa-Referee. Und auf den Tribünen: fast 20.000 Menschen im Ausnahmezustand. Willkommen in Magdeburg, willkommen in der dritten Liga.

          Die Bundesliga mag sportlich weit weg sein an diesem Samstagnachmittag. Noch weiter weg aber kommt einem ein Bild vor, das in diesen Tagen gern bemüht wird. Das vom Fußball-Osten als verödete Landschaft. Ein Haufen abgehängter Traditionsklubs, die in der Drittklassigkeit ihr Dasein fristen und sich in Nostalgie ergehen, 25 Jahre nach dem Ende der DDR. Zukunft im Osten, die sehen viele bloß noch in Leipzig, wo die Millionen nur so sprudeln, seit der Brausegigant Red Bull dort wie ein Raumschiff gelandet ist, um neue Welten und Märkte für sich zu erobern. Aber das stimmt so nicht.

          Beim 1. FC Magdeburg zum Beispiel spürt man so viel Leben, so viel Zukunft wie schon lange nicht. Die Stimmung ist prächtig, nicht nur an diesem Nachmittag, beim Spiel gegen Energie Cottbus. Bei 18.700 liegt der Zuschauerschnitt in dieser Saison, das ist mehr, als viele Klubs in der zweiten Liga haben, darunter so große Namen wie Bielefeld, Duisburg oder Karlsruhe.

          „Der Druck, der aufgebaut wird, ist nicht gesund“

          Vom U-Block, wo die Ultras zu Hause sind, geht eine Stimmungs-Choreographie aus, die das ganze Stadion umfasst. „Vorwärts, Magdeburger Jungs“, von allen Seiten, immer lauter, minutenlang. Dazu schieben sich ganze Zuschauer-Blöcke in Kolonnen über die Tribünen, von rechts nach links und zurück: alles in Bewegung.

          „Diese Stadt liebt diesen Verein“, sagt Jens Härtel. Er ist seit gut einem Jahr der Trainer der Mannschaft. Vorher war er bei Rasen-Ballsport Leipzig für die U 19 verantwortlich, ein Traumjob eigentlich, doch Härtel konnte sich mit der Kultur des Fußballunternehmens nicht anfreunden, die Macher dort nicht mit ihm. „Der Druck, der da aufgebaut wird“, sagt er, „ist nicht gesund.“ Härtel vermisste die nötige Wärme, als sich die Gelegenheit bot, war er weg.

          Im Mai 2015 stiegen die Magdeburger in Offenbach in die dritte Liga auf.

          In Magdeburg ist er der gefeierte Mann, seit er auf Anhieb etwas geschafft hat, was dem ersten Fußballklub der Stadt, dreimaliger Meister und einziger Europapokalsieger der DDR, zuvor in 25 Jahren Bundesrepublik nicht gelungen war: den Aufstieg in den Profifußball. Seitdem heißt es, ein Riese sei erwacht.

          Zum Spiel gegen Cottbus ist ein Team des englischen Senders BT Sports für ein paar Tage da, Dreharbeiten für eine Serie über große europäische Klubs der Vergangenheit. „What a story“, sagt der Redakteur über das nicht mehr für möglich gehaltene Comeback der Magdeburger, die 2012 nur deshalb nicht aus der Regionalliga abstiegen, weil die Ligastruktur reformiert wurde.

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