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Dritte Fußball-Liga : Sportlich reizvoll, wirtschaftlich heikel

  • -Aktualisiert am

Trainer Boysen vom Zweitliga-Absteiger Kickers Offenbach Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die dritte Fußball-Liga erfüllt in ihrer Premierensaison noch nicht alle Erwartungen. Die Vereine fordern mehr Fernsehgeld - und wünschen sich mehr Zuschauer. Jörg Daniels analysiert das „Premiumprodukt“ dritte Liga am Beispiel Kickers Offenbach.

          Flutlichtspiel an diesem Freitag in Offenbach: Die Fußball-Drittliga-Profis der Kickers fiebern der Begegnung am Abend gegen die zweite Mannschaft von Bayern München schon entgegen - wegen der erwarteten besonderen Atmosphäre im Stadion, die als sogenanntes „Feeling Bieberer Berg“ bezeichnet wird. Nur bei der Vereinsführung des Zweitliga-Absteigers hält sich die Begeisterung in Grenzen.

          Anders als die ostdeutschen Traditionsklubs Dynamo Dresden, Carl Zeiss Jena oder Union Berlin, die mehrere tausend Zuschauer nach Offenbach mitbrachten, sind die „kleinen Bayern“ für deren Gegner mit Blick auf den Publikumszuspruch oft eine große Last. „Je mehr zweite Mannschaften von Erstliga-Klubs den Sprung in die dritte Liga schaffen, desto mehr wird diese Spielklasse zur toten Liga. Sie verliert an Attraktivität und irgendwann auch an Bedeutung“, sagt Thomas Kalt, der Vizepräsident der Offenbacher Kickers.

          „Die Liga hat die Lücke nach oben kleiner gemacht“

          In der Premierensaison der neuen Klasse haben Bayern München, Werder Bremen und der VfB Stuttgart ihre Nachwuchsteams ins Rennen geschickt. Vier hätten es sein dürfen, erst von der Spielzeit 2009/2010 an wird die Begrenzung aufgehoben. Wenn Thorsten Judt wie am ersten Spieltag mit Rot-Weiß Erfurt vor rund 13.000 Zuschauern gegen Dresden spielt, spürt der Mittelfeldspieler nicht, dass er seinem Beruf nicht mehr in der zweiten Liga nachgeht.

          Doch im Vergleich dazu gibt es auch schlecht besuchte Drittliga-Begegnungen, in denen ihm sein Abstieg mit den Offenbachern deutlich vor Augen geführt wird. Kurz vor Abschluss der Hinrunde liegt der Zuschauerdurchschnitt in der dritten Liga bei 5500. Während Bremen und Stuttgart aber nur 700 beziehungsweise 1000 Fußballanhänger zu ihren Heimspielen begrüßen, können Braunschweig und Düsseldorf auf die Unterstützung von 13.800 und 12.000 Fans zählen. Sportlich habe die dritte Liga „durchaus ihren Reiz. Sie hat die Lücke nach oben kleiner gemacht“, sagt Kalt. Wirtschaftlich hingegen sei der Sprung von der zweiten in die dritte Liga „zu tief und radikal. Denn die Anforderungen und Auflagen sind fast die gleichen.“

          Forderung nach höheren Fernsehgeldern

          Bis auf die zweiten Vereinsmannschaften erhält jeder Drittliga-Klub 588.000 Euro Fernsehgeld vom Deutschen Fußball-Bund (DFB). Erforderlich wären nach Ansicht des Offenbacher Vizepräsidenten jedoch 1,5 Millionen Euro. „Bei dieser Summe fängt es an, dass man sagen kann, man kann irgendwo wirtschaften. In ein neues Produkt sollten nicht immer nur die Vereine investieren müssen. Es ist immer leicht, zu fordern, aber schwierig, zu leisten. Dass muss auch der DFB sehen“, so Kalt. Er weist darauf hin, dass die dritte Liga „die höchste Spielklasse des DFB“ sei. In der kommenden Saison könnte der Betrag pro Klub auf etwa 850.000 Euro steigen. Insgesamt stehen dann Fernsehgelder in Höhe von 15,8 Millionen Euro für die dritte Liga sowie die drei Regionalligen zur Verfügung. Noch ist die Aufteilung der Summe nicht festgelegt worden.

          „Das ist im Vergleich mit anderen Sportarten, die, wenn sie überhaupt TV-Gelder für ihre höchste Spielklasse erwirtschaften können, ein sehr hoher Betrag“, sagte DFB-Präsident Theo Zwanziger unlängst. Auf vier Regionalkonferenzen unter anderem in Berlin, München und Düsseldorf traf sich der DFB, der die Klasse als Premiumprodukt anpreist, im November zum Meinungsaustausch mit Vereinsvertretern aus der dritten Liga. Neben der Forderung nach höheren Fernsehgeldern ist dabei auch über den bisher fehlenden Liga-Sponsor diskutiert worden.

          „Sehr attraktiv für Vereine und Fans“

          Mit der Präsenz im Fernsehen hingegen sind die Klubs zufrieden. „Sie ist gut. Nur was dafür bezahlt wird, ist halt zu wenig“, so Kalt. Trotz seiner Kritik würde der Offenbacher Vizepräsident an der Einführung der neuen Liga „nicht rütteln“ wollen. Und ist damit im Einvernehmen mit Helmut Sandrock. Für den Direktor Spielbetrieb dritte Liga war die Gründung „absolut richtig. Die dritte Profiliga ist sehr attraktiv für die Vereine und Fans und zudem ein sehr guter Unterbau für die Bundesligen. Was allerdings nicht bedeutet, dass man in Zukunft nicht einige Dinge besser machen kann“, so Sandrock.

          Spätestens in der kommenden Saison wollen sich die Offenbacher, die mit einer neu formierten, jungen Mannschaft im Moment Platz sieben einnehmen, wieder nach oben orientieren. „Die dritte Liga kann man wirtschaftlich immer nur auf Zeit überstehen“, glaubt Kalt. Lag der Bruttoetat der Kickers in der zweiten Liga bei knapp elf Millionen Euro, beträgt er in dieser Runde nur noch etwa fünf Millionen Euro. Immerhin ist der Publikumszuspruch bei den Hessen, die mit 7000 Zuschauern kalkuliert haben, bislang nicht hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Allerdings stellt sich vor Weihnachten noch die zweite Mannschaft des VfB Stuttgart auf dem Bieberer Berg vor. Schon beim Hinspiel in der Stuttgarter WM-Arena vor lediglich gut 1000 Fußballanhängern waren die OFC-Fans deutlich in der Überzahl.

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