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Borussia Dortmund : Die Zweifel des Lucien Favre

  • -Aktualisiert am

Besessen vom Fußball: Lucien Favre reagiert in stressigen Situationen oft über. Bild: dpa

Der BVB-Trainer ist vom Fußball besessen. In seiner ersten Saison in Dortmund ist er sehr erfolgreich und kann noch Meister werden. Doch Lucien Favre hat auch Schwächen, die für einige Probleme sorgen.

          Der Spielplan meint es gut mit Lucien Favre. Wenn der Trainer von Borussia Dortmund an diesem Samstagabend (18.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei Sky) nach der Partie bei Werder Bremen darum gebeten wird, die Lage im Meisterschaftsrennen der Bundesliga einzuschätzen, dann kennt er alle relevanten Ergebnisse. Er weiß dann, ob der FC Bayern München gegen Hannover 96 gewonnen hat, wovon bestimmt 99 Prozent der Fußballfans ausgehen.

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          Doch so hoch war in der vergangenen Woche gewiss auch die Anzahl derer, die davon ausgingen, dass die Bayern beim 1. FC Nürnberg gewännen. Aber sie kamen nur zu einem 1:1. Die Bayern also meinten es vom Ergebnis her gut mit Favre. Andererseits schafften sie dem Schweizer Fußballlehrer eine Diskussion an den Hals, die absurde Züge annahm. Sie gipfelte in der Forderung eines Kolumnisten der „Bild“-Zeitung, der BVB müsse sich nach der Saison von Favre trennen, falls ein anderer Klub Meister werde.

          Lucien Favre hatte nach dem 2:4 seiner Dortmunder im Revierderby gegen den FC Schalke 04 den Titel als verspielt angesehen: „Das ist klar.“ Er war von vier Punkten Rückstand auf den FC Bayern vor den letzten drei Saisonspielen ausgegangen. Es sind aber nur zwei. Der BVB-Coach stand also da als einer, der vorschnell aufgibt, der den Kampf verweigert, der zu schnell die Nerven verliert. „Wir waren alle in einer tiefen Depression nach der Niederlage gegen Schalke“, nahm Sportdirektor Michael Zorc den Trainer am Freitag in Schutz. Auch Favre, der am Freitag gesundheitlich angeschlagen die Pressekonferenz abhielt, verteidigte sich: „Alle haben gedacht, dass es vorbei ist, nicht nur ich. Es war nicht geplant, dass die Bayern nur unentschieden spielen.“ Seine belegte Stimme ließ es kaum zu, aber der Trainer versuchte, kämpferisch zu wirken: „Jetzt ist wieder alles möglich. Wir müssen das Spiel in Bremen gewinnen. Da gibt es keine andere Lösung.“

          Nach seiner aus dem Frust heraus getätigten Aussage hatte er Widerspruch von seinen Vorgesetzten erhalten. Zorc wiederholte am Freitag, dass es „unsere Verpflichtung“ gegenüber den Anhängern sei, an die Meisterschaft zu glauben: „Es ist auch unsere Überzeugung.“ Zorc zeigte sich davon irritiert, dass ihm sogar der „kicker“ die Frage nach Favres Zukunft gestellt habe. Der Vertrag des Trainers ist noch bis Sommer 2020 gültig. Der BVB sei gewillt, ein neues Papier auszuhandeln. Die Gespräche würden allerdings erst nach dem Saisonende geführt werden.

          Ähnlich hatte sich auch Hans-Joachim Watzke schon geäußert. Der Geschäftsführer war schon am Tag nach der Derby-Niederlage bemüht, Favres Aussage einzuschränken. Solange rechnerisch die Möglichkeit bestehe, Meister zu werden, wolle der BVB es versuchen, sagte Watzke. Das sei der Verein auch den Anhängern schuldig. Fans sind eine Komponente, die in Favres Denken offenbar erst mit Verspätung vorkommen. Er ist besessen vom Spiel Fußball. Er zerlegt es in kleinste Einheiten, setzt die Teile wieder zusammen, um einen Plan zu entwickeln, mit dem seine Mannschaft gewinnen kann. Probleme entstehen jedoch, wenn der Plan schiefläuft.

          Favre sieht so etwas schnell. Aber er handelt spät, zögert, zaudert. Er bleibt in seiner Haut. Die Geschichte des 61 Jahre alten Fußballlehrers ist auch die des Zauderers, der von Zweifeln geplagt wird, auch von Selbstzweifeln. Aus seiner Zeit in Mönchengladbach, sportlich bisweilen wie auf anderen Stationen überaus erfolgreich, bot er mehrmals seinen Rücktritt an. Der Verein lehnte stets ab. Nach einer für ihn außergewöhnlichen Niederlagenserie zu Beginn der Saison 2015/16 ignorierte Favre das Veto und ging einfach. In stressigen Situationen reagiert Favre oft über. Das passierte ihm auch nach dem Derby. Allerdings gab es dafür einen anderen Beleg als die verständliche Enttäuschung über eine Niederlage und zwei Rote Karten gegen Marco Reus und Marius Wolf. Favre überdrehte, als er die Handregel und vor allem deren Auslegung kritisierte.

          „Das ist der größte Skandal der Fußballgeschichte“, raunzte er mit weit aufgerissenen Augen. Das ist dank vieler sehr großer Skandale in der Fußballgeschichte ein ebenso abwegiges wie bezeichnendes Urteil. Favre war in jenem Tunnel, als er es fällte, und nahm in seinem eingeschränkten Blickfeld nur das eigene Leid wahr. Er setzte Emotionen zur falschen Zeit frei. Seine in der Regel kühle, analytische Art wird Favre als Makel vorgeworfen. Zumindest nach außen fehlt ihm die Leidenschaft, die sie in Dortmund bei Jürgen Klopp sieben Jahre lang in einem anderen Extrem erlebten. Als Favre am Freitag gefragt wurde, ob die weiterhin intakte Chance, Meister zu werden, bei ihm Emotionalität hervorrufe, musste er lächeln.

          Favre ist Favre. Er wird sich nicht mehr grundlegend ändern können und wollen. Das gab er zu, als er nach seiner Zukunft und einem möglichen neuen Vertrag gefragt wurde: „Ich brauche immer meine Zeit, um mich zu adaptieren. Hier habe ich noch nicht alles gemacht, was ich will.“ Noch einmal sprang ihm Zorc zur Seite. Es sei doch schon sehr erfreulich, dass der BVB in einem solchen Stadium einer Saison des Umbruchs noch von der Meisterschaft reden dürfe: „Jetzt geht es darum, dieser Saison vielleicht ein Krönchen aufzusetzen.“ Eines für König Lucien, den Wankelmütigen.

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