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Dortmund-Trainer Klopp : Systemtreu, aber voller Emotionen

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Der beste Dortmunder Transfer seit langem: Trainer Jürgen Klopp hat den BVB nach oben gebracht Bild: dapd

Jürgen Klopp schien einmal fest verbandelt mit Mainz. Mittlerweile wird er in Dortmund schon wieder so verehrt wie einst bei seinem alten Klub. Am Sonntag (15.30 Uhr) kehrt er zum Spitzenspiel an die alte Wirkungsstätte zurück.

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          Als Jürgen Klopp im Sommer vor zwei Jahren bei Borussia Dortmund die Arbeit aufnahm, kannte der Hype um den charismatischen Fußball-Lehrer kaum Grenzen. Nur Jürgen Klinsmann, der gleichzeitig beim FC Bayern anfing, konnte mithalten. Aber es gab auch Skeptiker. Würde dieser telegene Mann, der in Mainz den Kürzeln ZDF und FSV (s)ein Gesicht gegeben hatte, auch bei den Westfalen zurechtkommen? Würde er das Format besitzen, einen neuen Stil zu prägen und dabei auch noch den Erfolg zurückzubringen – nach mageren Jahren und wirtschaftlichen Balanceakten, die in Dortmund fast zur Pleite geführt hätten?

          Michael Zorc, der Sportdirektor des BVB, hatte zuvor bei der Auswahl von Trainern, gelinde gesagt, wenig Fortune gehabt. Für Klopp sprach neben Aussehen und Ausstrahlung sein Wirken in Mainz. Gemeinsam mit Manager Heidel hatte er dort einen karnevalistisch angehauchten Fußball-Biotop zu einer Marke erster Güte entwickelt, nach Aufstieg und Fall der Mainzer aber letztlich eine Mannschaft zweiter Klasse zurückgelassen. Neben den von Anfang an elektrisierten Fans hatten also auch die Zweifler durchaus ihre Argumente; nicht jeder glaubte, dass die Dortmunder Mannschaft so gut spielen werde, wie Klopp reden kann.

          Mehr als zwei Jahre später steht die Borussia als Bundesliga-Zweiter so gut da wie seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr. Ohne je einen Tabellenplatz als Richtgröße genannt zu haben, steht Klopp für die Erfüllung eines Versprechens. Er hatte „Vollgasfußball“ angekündigt, und die Fans haben „Vollgasfußball“ bekommen, der die Sehnsucht nach dem Urwüchsigen des Fußballs über das Taktieren stellt. Die Strategen des Vereins ziehen beglückt Bilanz. Zorc feiert den Trainer als den „besten Transfer“, der ihm je gelungen sei – und damit auch sich selbst. Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke hat Klopp öffentlich angeboten, den ohnehin bis Juni 2012 datierten Vertrag jederzeit zu verlängern, „gern auch unbefristet“.

          Innige Freundschaft: Jürgen Klopp mit dem Dortmunder Maskottchen
          Innige Freundschaft: Jürgen Klopp mit dem Dortmunder Maskottchen : Bild: dapd

          Klopps Leidenschaft

          Scheinbar mit Mainz so fest verbunden wie der Karneval, hat Klopp zwei Dinge richtig gemacht, die ihm geholfen haben, vom Emporkömmling zu einem Etablierten der Branche zu werden. Das erste war zu erwarten. Klopp hat der Mannschaft eine Mentalität vorgelebt und vermittelt, deren Basis Siegeswille und Spaß am Spiel sind. „Wir wollen immer Gas geben, in jedem Spiel“, sagt Nuri Sahin. Der Mittelfeldstratege verkörpert den intelligenteren Teil der emotionsgesteuerten Vorwärtsverteidigung à la Klopp. Mit Übersicht und Ruhe, ja einer gewissen Langsamkeit schafft er auf dem Rasen ein Korrektiv zu der ungebremsten Leidenschaft, die der Trainer entfacht.

          Das kann Klopp nur recht sein. Er grämt sich darüber, dass die pure Lust auf Fußball, die er weckt, zuweilen als reine Laufarbeit, als eindimensionales Arbeiten „gegen den Ball“ gedeutet wird. Diese Interpretation mag im ersten und zeitweise im zweiten Jahr zugetroffen haben. Im ersten Viertel der aktuellen Saison erweist sie sich als falsch. Inzwischen weiß die Mannschaft Kraft und Kultur zusehends zu kombinieren, muss aber immer noch darauf achten, dass ihr nicht die Luft ausgeht.

          Klopps Lernfähigkeit

          Klopp hat nicht nur seinen Profis etwas beigebracht. Er zeigt sich auch selbst lernfähig. Hier kommt der zweite Punkt zum Tragen. Während Mainz unter seiner Regie nicht gerade als Jugendzentrum galt, hat er in Dortmund eine wesentliche Vorgabe des Vereins akzeptiert und mit Leben gefüllt. Zur Geschäftsidee der gesundenden Borussia gehört es, auf junge Spieler zu setzen, aus wirtschaftlichen Gründen, aber auch weil die im Aufbau befindliche Mannschaft und ihr Trainer so (noch) mehr Kredit erhalten.

          Klopp begriff diese Strategie als Chance, auch für sich. Sukzessive hat er Talente eingebaut, die Frische und Fortschritt in die Mannschaft bringen, erst Neven Subotic und Marcel Schmelzer, dann Kevin Großkreutz und Sven Bender, zuletzt Shinji Kagawa und Mario Götze, den Jüngsten der Jungen und einen der Begabtesten. Parallel zieht bei Altgedienten wie Dede oder dem häufig verletzten Kapitän Kehl die Dämmerung auf. Und Klopp hat den Mut, die Schwächen der Stars zu nutzen oder gar voranzutreiben.

          Unterstützt von seinen Assistenten hat er ein System entwickelt, an dem nicht gerüttelt wird. Die Spieler, die für sein 4-2-3-1 vorgesehen sind, tauscht Klopp mit Blick auf die Startelf in der Regel nur ungern aus. Insofern ist er prinzipientreu und verleiht seiner emotionalen Herangehensweise auch eine sachliche Konstante, gegen das Votum von Kritikern, die angesichts der aufwändigen Spielweise die Frage nach der Rotation aufwerfen, zumal nach zuletzt rückläufigen Ergebnissen. Was Formationen und die dafür benötigten Personen betrifft, scheint sein Mainzer Gegenüber Thomas Tuchel flexibler. Das macht den Systemvergleich an diesem Sonntag zusätzlich spannend.

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