https://www.faz.net/-gtm-9mcex
Bildbeschreibung einblenden

Dortmund gegen Schalke : Mit einer Pulle Bier über die A40

Die Farben sagen alles: Am Samstag ist Derbytag im Revier. Bild: dpa

Das Derby zwischen Meisterschaftsanwärter BVB und Abstiegskandidat Schalke 04 birgt große Brisanz über die ohnehin schon natürliche Rivalität hinaus – und weist Parallelen zum Jahr 2007 auf.

  • -Aktualisiert am

          Drei Strecken empfehlen die meisten Routenplaner für jemanden, der vom Fußballstadion in Dortmund zur Arena in Gelsenkirchen fahren will. Sie führen allesamt über die Autobahn 40, auf der laut Straßenverkehrsordnung nur Kraftfahrzeuge mit einer Höchstgeschwindigkeit von mindestens 60 Kilometern pro Stunde fahren dürfen. Das wusste gewiss auch Gerald Asamoah, doch in seinem Traum widersetzte er sich der lästigen Vorschrift. „Wenn wir in Dortmund Meister werden, laufe ich über die A40 zu Fuß nach Hause – mit einer Pulle Bier in der Hand“, kündigte der ehemalige Spieler des FC Schalke 04 im Mai 2007 an.

          Das war ein paar Tage vor dem Derby, Schalke 04 war Tabellenführer, die erste Meisterschaft seit 1958 schien zum Greifen nah. Zwei Spiele standen noch aus, das erste davon in Dortmund. Die Dortmunder Borussen hatten zwei Trainerwechsel hinter sich gebracht. Auf Bert van Marwijk folgte Jürgen Röber, der ging nach ein paar Wochen wieder, weil der Abstieg drohte. Thomas Doll bewahrte die Borussia davor, aber insgesamt war die Saison missraten.

          An diesem Samstag (15: 30 Uhr/ F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga, ARD und Sky) wird Gerald Asamoah als Teammanager des FC Schalke in das Dortmunder Stadion kommen. Dieses Mal träumt der Gegner von der Meisterschaft, Asamoahs Mannschaft muss noch um den Verbleib in der Fußball-Bundesliga bangen. Es gibt deutliche Parallelen, nur dass die Vereine die Rollen getauscht haben. „Es gab einen für uns ordentlichen Saisonabschluss“, sagte Michael Zorc am Donnerstag im Rückblick auf den Mai 2007.

          Ähnliche Saisonverläufe

          Der Sportdirektor des BVB gab sich dabei betont zurückhaltend, als sei damals nur ein Spiel gewonnen worden. Es war aber mehr, viel mehr. Drei Dortmunder Profis boten schon ein paar Stunden nach dem 2:0-Sieg über ihre Internetseiten T-Shirts zum Verkauf an, die den Gegner verhöhnten. „Meister der Herzensbrecher“ war auf ihnen zu lesen, in Anspielung auf die Saison 2000/01, als die Schalker so dramatisch das Duell mit dem FC Bayern verloren. Nur für vier Minuten hatten es die „Meister der Herzen“ gewonnen.

          Nur ein Ziel: Der BVB will Schalke „weghauen“.

          Einer der Profis, die an den T-Shirts verdienten, war Christoph Metzelder. Er spielte später für den FC Schalke und gilt weiterhin als Kandidat für den Posten des Sportdirektors bei den Gelsenkirchenern. Einige Fans lehnen ihn jedoch rigoros ab, auch wegen des 12. Mai 2007 und all der Häme, die sich in der Folge über Schalke ergoss. Erst recht, nachdem der VfB Stuttgart eine Woche später die Meisterschale überreicht bekam. Sieben Punkte hatten die Schalker in wenigen Wochen verspielt, die Dortmunder waren in dieser Saison mal neun Punkte vor dem FC Bayern. Inzwischen haben sie einen Punkt Rückstand. Nachdem das direkte Duell in München mit 0:5 Toren verloren worden war, schien die Meisterschaft viel weiter weg zu sein. Aber ein glücklicher Heimsieg gegen den 1. FSV Mainz 05 und ein vor allem wegen schön herausgespielter Tore überzeugendes 4:0 beim SC Freiburg gaben die Hoffnung zurück.

          Die Hoffnung der Schalker auf den Klassenverbleib gründet vor allem auf der Schwäche der Konkurrenz. Der VfB Stuttgart weist als Tabellensechzehnter sechs Punkte weniger und die deutlich schlechtere Tordifferenz aus. Als Huub Stevens im März zum Nachfolger von Domenico Tedesco ernannt wurde, waren es nur vier Punkte. Die Zahlen belegen einen Aufwärtstrend, doch Schalkes Weg hin zur Rettung ist zäh, sehr zäh. „Wir können nicht verleugnen, dass sie um die Meisterschaft spielen und wir um etwas anderes“, sagte Trainer Stevens zwei Tage vor dem Derby, das den Gesundungsprozess des Meisterschaftszweiten der vergangenen Saison arg beschleunigen könnte. Stevens hat Zweifel. Immer wieder ließ er in den vergangenen Wochen durchklingen, dass er derzeit gerne einen anderen Job hätte. „Ich hoffe, dass wir mit elf Spielern anfangen. Nicht, dass einer die Absprache vergisst“, mäkelte er während der Pressekonferenz vor dem Derby.

          Die Trainer geben Rätsel auf

          Seit Wochen liegt ihm etwas auf der Zunge. Der Trainer ergießt sich in Andeutungen über den Zustand einer Mannschaft, die mit dem Begriff Mannschaft vermutlich auch nur vage umschrieben ist. „Ich kann und darf nicht ehrlich alles sagen“, sagte er – Stevens hält sich also noch zurück. Vielleicht werde er es bald sagen, „vielleicht intern, vielleicht öffentlich“.

          So sieht Verzweiflung aus: Schalke-Trainer Huub Stevens.

          Nahezu zeitgleich gab Lucien Favre auch Rätsel auf. Der Dortmunder Fußballlehrer tat kund: „In den Spielen, die ich gesehen habe, war Schalke gefährlich.“ Favre ist dafür bekannt, dass er die Gegner über Gebühr lobt. Dass er jedoch ein Team, das seit Monaten durch planloses Offensivspiel auffällt, „gefährlich“ nennt, war arg übertrieben. Borussia Dortmund hat 40 Tore mehr geschossen als die Schalker, das brachte einen Vorsprung von 42 Punkten ein. Die Lücke zwischen den beiden Klubs ist historisch groß. „Schalke ist besser, als es der Tabellenplatz aussagt“, versuchte auch Zorc, die psychologische Last ein wenig zu verringern, die dem turmhohen Favoriten aufliegt.

          Borussia Dortmund ist am Ende einer Saison des Umbruchs in einer Situation, die im vergangenen Sommer kaum zu erwarten gewesen war. Vielleicht ist es für viele Jahre die letzte Chance, Meister zu werden. Der FC Bayern München hat schon für viel Geld neue Kräfte gekauft, er dürfte noch mehr ausgeben. RB Leipzig hätte bei besserem Start schon jetzt ein ernster Konkurrent sein können, bald kommt Julian Nagelsmann als Trainer. Es hängt sehr viel an diesem einen Spiel gegen den abgestürzten Erzrivalen, der wieder mal vor einer Neuausrichtung steht. Wenn sie wenigstens vorher dem BVB die Meisterschaft verderben könnten, würden die Fans des FC Schalke den Mannschaftsbus bestimmt über die A40 nach Hause schieben.

          Weitere Themen

          Bayern und die große Lewandowski-Show

          3:0 bei Schalke 04 : Bayern und die große Lewandowski-Show

          Nach dem Remis zum Start der Saison zeigen die Münchner „auf“ Schalke ihre ganze Klasse. Beim klaren Sieg ragt vor allem der Torjäger heraus. Es ist ein Spiel voller denkwürdiger Momente.

          Topmeldungen

          Brände im Regenwald : Das ökologische Endspiel am Amazonas

          Der Amazonas-Regenwald produziert gut ein Fünftel des Sauerstoffs, den wir atmen. Die andauernden Waldbrände und der Raubbau an ihm sind nicht nur eine ökologische Katastrophe – sondern auch eine humanitäre.
          Noch baumelt der Golf an den Greifarmen im Zwickauer VW-Werk. Bald soll ihn das Elektromodell ID ablösen.

          VW-Werk : Zwickau wird elektrisch

          VW produziert im sächsischen Zwickau bald nur noch Elektroautos. Das Werk wird damit zum Modell für die ganze Branche. Was bedeutet das für die Arbeiter? Ein Besuch im Versuchslabor.
          Wohl dem, der einen Torjäger wie Robert Lewandowski in seinen Reihen hat.

          3:0 bei Schalke 04 : Bayern und die große Lewandowski-Show

          Nach dem Remis zum Start der Saison zeigen die Münchner „auf“ Schalke ihre ganze Klasse. Beim klaren Sieg ragt vor allem der Torjäger heraus. Es ist ein Spiel voller denkwürdiger Momente.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.