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Kommentar : Dortmund muss Flagge zeigen

Die berühmte Dortmunder Südtribüne hat ihre Unschuld verloren. Bild: AFP

Die Dortmunder Südtribüne hat mit den Hassbotschaften gegen Leipzig ihre Unschuld verloren. Es stellt sich die Frage, ob das Problem nicht viel größer ist, als bislang vermutet. Die Antwort liegt nun auch bei den Fans.

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          An diesem Mittwoch geht das Flutlicht wieder an: Das Dortmunder Stadion, Tempel des deutschen Fußballs, Sehnsuchtsort der Romantiker dieses Sports – doch vieles, fast alles dürfte anders sein, wenn an diesem Abend die Borussia Hertha BSC zum Pokalspiel empfängt (20.45 Uhr / Live in der ARD, bei Sky und im DFB-Pokal-Ticker bei FAZ.NET). Das Flutlicht, es ist diesmal auch ein Scheinwerferlicht in einem anderen Sinn, ein Schlaglicht: darauf, wie die Dortmunder Fans mit den Ereignissen vom vergangenen Samstag umgehen.

          Von außen betrachtet, das ist klar, wird die Südtribüne, der Inbegriff traditionalistischer Fußballkultur, für den die Dortmunder bislang bewundert oder gar beneidet wurden, fürs Erste nicht mehr dieselbe sein. Natürlich war auch diese Bewunderung immer eine oberflächliche, ein idealisierter Blick auf die Realität, der einen Teil ausblendete oder zumindest herunterdimmte – für diejenigen, die es ein bisschen genauer wissen wollten, war es beileibe kein Geheimnis, dass dieses Farbenmeer in Schwarz-Gelb in Wirklichkeit ein heterogener und diffuser Kosmos ist, in dem auch allerlei düstere Gestalten und Gesinnungen Heimat beanspruchen, nicht zuletzt Mitglieder der rechtsextremen Szene.

          Der Verein Borussia Dortmund hat viel dafür getan, die falschen Freunde in ihren Möglichkeiten zu begrenzen und eine zivile Fankultur zu stärken. Das Heimspiel gegen Leipzig aber hat das Bild radikal verändert. Die Südtribüne hat, auch für den Letzten zu erkennen, ihre (vermeintliche) Unschuld verloren. Die Dortmunder waren nicht nur zu lax bei den Kontrollen und unfähig, auf die zur Schau gestellten Hassbotschaften angemessen zu reagieren. Es stellt sich auch die Frage, ob das Problem in Wahrheit nicht viel größer ist, als man das bislang sehen wollte.

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          Die Antwort liegt nun auch bei den Fans. Als Reinhard Grindel, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, einen „Aufstand der Anständigen“ forderte, mochte das wie ein etwas frommer Wunsch klingen – in der Sache wäre genau das jetzt neben den strafrechtlichen und sportjuristischen Verfahren geboten: ein Signal von innen, dass da etwas aus dem Ruder gelaufen ist. Oder zumindest eine ernsthafte Auseinandersetzung derjenigen, die dort ihren Platz sehen, mit der Frage, wofür diese Tribüne stehen will. Wem und welchen Botschaften sie Raum geben soll und wem nicht. Was also „echte Liebe“ ist.

          Gegen die Hertha, aber auch in den Wochen danach, singt und jubelt die „Süd“ nicht nur unter Beobachtung, sondern auch auf Bewährung. Einfach so wie vorher kann es, zumindest aus der Sicht eines Außenstehenden, nicht sein. Da mutet dieser mitunter mythisch besetzte Ort beschädigt an – weil diejenigen, die in ihm den schönsten überhaupt sehen, ein Paradies des Fußballs und noch mehr, mit (selbst-)zerstörerischer Kraft zu Werke gingen.

          Christian Kamp
          Sportredakteur.

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