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Dortmund : Blindes Vertrauen in Klopp

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In Mainz prägte er den FSV Klopp 05, formt er in Dortmund BVB Klopp 09? Bild: AP

Fußball, Freude und viel Vorschusslorbeer: Jürgen Klopp garantiert auch bei Borussia Dortmund gute Unterhaltung. Über sportliche Ziele für die neue Saison schweigt sich der neue BVB-Trainer allerdings aus - und wird selbst dabei von der Vereinsführung gestützt.

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          In seiner Eigenschaft als Fernsehstar, als fachkundiger Begleiter der Nationalelf, als ungelernte Kraft im Spannungsfeld zwischen Entertainment und Analyse, hat Jürgen Klopp viel, fast alles erreicht. Also kann er sich, als neuer Cheftrainer von Borussia Dortmund, wieder auf das Wesentliche konzentrieren und in den Kreis der handelnden Personen zurückkehren.

          Endlich sei die Zeit vorbei, in der über Fußball nur geredet werde. „Ich bin froh, dass ich selber wieder anpacken und eingreifen kann.“ Aller Anfang war leicht. Klopp wurde in Dortmund empfangen wie eine blonde Lichtgestalt. Seine Popularität habe erheblich zum abermals riesigen Verkaufserfolg bei den Dauerkarten beigetragen, sagt BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke.

          Nicht jeder wird am ersten Trainingstag von 9000 Fans empfangen

          Mehr als 47 000 Abonnements abzusetzen ist auch für einen notorischen Publikumsmagneten wie Borussia Dortmund nicht selbstverständlich, wenn er in der Bundesliga seit Jahren Mittelmaß verkörpert und zuletzt als Finalteilnehmer im nationalen Pokalwettbewerb eher zufällig den Uefa-Cup erreicht hat.

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          Dortmund : Blindes Vertrauen in Klopp

          Natürlich besitzt fast jeder Trainer, der bei einem neuen Verein seinen Dienst antritt, einen gewissen Kredit. Aber nicht jeder wird am ersten Trainingstag von 9000 Fans im Stadion mit stehenden Ovationen empfangen. An jenem heißen Julitag hießen Fans wie Verantwortliche nicht bloß einen Angestellten aus der Zweitligaprovinz Mainz willkommen; sie feierten ihn wie eine Koryphäe, die über jeden Zweifel erhaben ist. Wären Emotion und Ausstrahlung die Währung, erhielte Klopp in Dortmund jeden Kredit; so groß ist sein Vertrauensvorschuss - und das ohne jede Sicherheit.

          Jetzt kommt der Medientrainer

          Selbst wenn er es versteht, einen leicht verstärkten Tabellendreizehnten anzutreiben oder gar taktisch zu verbessern, könnte der Weg nach oben weiter und beschwerlicher sein, als mancher in der ersten Begeisterung meinen mag. Aber es ist nicht nur der Fan an der Basis, der Klopp blind vertraut. Die Kreditlinie zieht sich bis in die Geschäftsführung.

          Watzke schätzt den 41 Jahre alten Trainer keineswegs nur als fotogene und vor allem telegene Figur. Auch die rhetorischen Stärken seines neuen Fußball-Frontmannes weiß er zu loben. Es sei „schon toll“ zu sehen, wie er sich vor Publikum bewege und ausdrücke. Klopp muss vieles richtig gemacht haben, nicht nur auf dem Trainingsplatz. Der Medienkanzler, das war einmal. Jetzt kommt der Medientrainer.

          „Wem nützt es denn, einen Tabellenplatz als Ziel auszugeben?“

          Nur Jürgen Klinsmann, der Guru auf der Bayern-Bank, besitzt vor dem Start noch mehr Strahlkraft, ruft noch größeres (Medien-)Interesse hervor. Klinsmanns erstes Vorbereitungsspiel gegen den Sechstligaverein SV Lippstadt 08 wurde sogar live im Regionalfernsehen übertragen. Klopps erste Tests verliefen im Ergebnis nicht sonderlich beeindruckend. Beim „Halleluja-Cup“, einer karitativen Veranstaltung in Bochum-Wattenscheid, vermochte Dortmund weder gegen den Viertligaklub Rot-Weiß Essen noch gegen den Bundesliga-Absteiger MSV Duisburg ein Tor zu erzielen und verlor jeweils nach Elfmeterschießen.

          Aber solche Ergebnisse mögen Klopp auf gewisse Art gelegen kommen. Schließlich geht es bis Mitte August vor allem darum, „realistische Erwartungen“ zu wecken und die Grenzen der eigenen Ansprüche auszuloten. Wo diese Grenzen verlaufen, wollen weder der Medienliebling Klopp noch sein Vorgesetzter verraten. „Wem nützt es denn, einen Tabellenplatz als Ziel auszugeben?“, fragt Watzke. Es reiche doch, dieses Ziel intern fixiert zu haben. Wem nützt es, dieses Ziel als geheime Kommandosache zu behandeln?, lautet die Gegenfrage. Vor allem nützt es Klopp. Der Unterhaltungsexperte darf in Ruhe über vage Ansprüche fabulieren, er kann Geduld einfordern.

          Aus Klopps Mund klingt alles wie eine bedeutende Botschaft

          Weil ihm nahezu ganz Dortmund zu Füßen liegt, kann Klopp es sich erlauben, fürs Erste nur guten Willen (und nicht unbedingt gutes Spiel) zu versprechen. Die Mannschaft werde leidenschaftlich kämpfen „bis ans Limit“. Welche Klasse sich damit verbindet, mag der weitere Verlauf zeigen. Niemand murrt deswegen, obwohl dieses Drumherumreden schon im Vorjahr nichts gebracht hatte. Auch ohne erklärtes Ziel wurde die vergangene Spielzeit allseits als enttäuschend aufgenommen.

          Anders als sein rhetorisch limitierter Vorgänger Doll ist Klopp imstande, einen noch so unverbindlich und vage gehaltenen Anspruch, hinter dem sich letztlich die (vorsorgliche) Bitte um Aufschub verbirgt, als bedeutende Botschaft zu verkünden: bloß keine zu hohen Erwartungen wecken für den Anfang. „Sonst haben wir keine Chance.“ Und Watzke eilt zu Hilfe: Nicht unbedingt in diesem oder im nächsten Jahr, sondern im Zeitraum „bis 2011“ müsse der BVB mit aktuell führenden Klubs wie Bremen, Schalke oder Hamburg „auf Augenhöhe“ sein.

          Ganz Dortmund scheint daran zu glauben, dass die Rechnung aufgeht

          Das große Vertrauen in Klopp äußert sich auch im aufwendigsten Transfer, den sich das börsennotierte Unternehmen in diesem Sommer geleistet hat. Gegen Zahlung einer Ablöse von fünf Millionen Euro durfte der Mainzer Innenverteidiger Neven Subotic seinem Herrn und Meister nach Dortmund folgen. Für deutsche Verhältnisse ist das eine immense Investition für einen wenn auch hochbegabten, 19 Jahre alten Abwehrspieler mit einem Bundesligaeinsatz.

          Skeptiker hält Klopp nonchalant entgegen, er sei doch „nicht so bescheuert, einen Blinden mitzubringen“. Natürlich weiß der Trainer sein Abweichen von den ausgetretenen Pfaden auch hier zu begründen. „Normalerweise bezahlt man Geld für etwas, was schon geleistet wurde. Wir haben jetzt eben mal Geld ausgegeben für etwas, was noch geleistet wird.“ Ganz Dortmund scheint daran zu glauben, dass die Rechnung aufgeht, nicht nur bei Subotic.

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