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Doping-Affäre Hoffenheim : „Kontrolle war eine Alibi-Veranstaltung“

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Der DFB-Kontrollausschuss stellt das Ermittlungsverfahren gegen die Hoffenheimer Spieler Ibertsberger und Janker vorläufig ein. Dagegen werde der Ausschuss gegen den Verein und dessen Dopingbeauftragten beim DFB-Sportgericht Anklage erheben.

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          Der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hat das Ermittlungsverfahren gegen die Hoffenheimer Bundesligaprofis Andreas Ibertsberger und Christoph Janker vorläufig eingestellt. Den Spielern war vorgeworfen worden, nach dem Bundesligaspiel gegen Mönchengladbach am 7. Februar gegen die Richtlinien für Dopingkontrollen verstoßen zu haben, weil sie erst rund zehn Minuten nach Spielende im Dopingkontrollraum erschienen. Sie wurden dann negativ getestet. „Den Spielern konnte der Tatbestand der Weigerung nach Aufforderung nicht nachgewiesen werden“, sagte Kontrollausschuss-Mitglied Robert Weise am Freitag auf einer Pressekonferenz des DFB in Frankfurt.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Das Gremium des Verbandes hat nach eigenen Angaben mittels einer „akribischen“ Untersuchung und umfassender Anhörungen herausgefunden, dass die Spieler nicht wie vorgeschrieben von ihrer Auslosung für die Dopingkontrolle informiert wurden. „Wir haben alle Zeugen befragt und die Fernsehaufzeichnungen studiert. Nach unserer bisherigen Auffassung haben die Spieler nicht schuldhaft gegen die Anti-Doping-Richtlinien der Fifa (Internationaler Fußball-Verband) verstoßen. Der DFB räumte aber ein, dass die Aussagen der Zeugen, Mitglieder von Hoffenheim und vom Gegner Mönchengladbach auch Schutzbehauptungen sein könnten. „Falls es neue Beweise für einen schuldhaften Verstoß der Spieler gibt, werden wir das Verfahren wieder aufnehmen“, fügte Weise hinzu.

          „Die Dopingkontrolle war eine Alibi-Veranstaltung“

          Während Ibertsberger und Janker vermutlich aus dem Schneider sind, müssen sich 1899 Hoffenheim sowie der Anti-Doping-Beauftragte des Vereins, Peter Geigle, vor dem Sportgericht des DFB in einer mündlichen Verhandlung verantworten. „Die Dopingkontrolle war eine Alibi-Veranstaltung“, sagte Rainer Koch, Vorsitzender der Antidoping-Kommission im DFB.

          Auf Anti-Doping-Kurs: Präsident Theo Zwanziger (l) und Vize Rainer Koch
          Auf Anti-Doping-Kurs: Präsident Theo Zwanziger (l) und Vize Rainer Koch : Bild: REUTERS

          Nach Darstellung des DFB ist der Anti-Doping-Beauftragte von Hoffenheim zwar ordnungsgemäß über die Auslosung der Spieler unterrichtet worden. In den Vernehmungen aber habe der Hoffenheimer Mitarbeiter erklärt, er habe die Spieler nicht, wie vorgeschrieben, direkt nach Abpfiff der Partie in den Kontrollraum geführt. „Er hat lediglich beim Jubeln auf dem Spielfeld den Hoffenheimer Mannschaftsarzt Dr. Beks mit den roten Formularen mit der schriftlichen Aufforderung zur Dopingkontrolle in Händen gesehen und sei daher davon ausgegangen, dass sich Dr. Beks um den Ablauf der Dopingkontrolle kümmere“, schilderte der DFB. Erst im Kontrollraum ist dann angeblich aufgefallen, das Ibertsberger und Janker fehlten.

          „Schuldhafter Organisationsmängel“

          „Das ist absolut gegen die Regeln“, sagte DFB-Mann Koch. Die Anklage gegen Hoffenheim wegen „schuldhafter Organisationsmängel“ kann zu einer Geldstrafe in Höhe von 150.000 Euro führen. Bei der Feststellung eines schweren Verstoßes sind Punktabzüge möglich. Geigle könnte seines Amtes enthoben werden.

          Über das Verfahren gegen die Hoffenheimer hinaus hat die Anti-Doping-Kommission eine Suspendierung des DFB-Doping-Kontrollarztes und seines Assistenten bis zur völligen Klärung beschlossen. Der DFB-Beauftragte hatte die schriftliche Aufforderung zur Dopingkontrolle statt an den Anti-Doping-Beauftragten des Vereins an den Spielleiter von 1899 übergeben.

          Das „Chaperon-System“ soll helfen

          Das DFB-Präsidium soll auf Antrag der Anti-Doping-Kommission so schnell wie möglich das im Kodex der Welt-Antidoping-Agentur festgeschriebene „Chaperon-System“ einführen. Bei dieser Methode werden zur Dopingkontrolle vorgesehene Athleten von einem unabhängigen Kontrolleur sofort nach Ende eines Wettbewerbs in Empfang genommen und unmittelbar in einen Dopingkontrollraum gebracht. Das „Chaperon-System“ ist unter anderem im Radsport eingeführt worden, weil gedopte Sportler den Zeitraum bis zur Abgabe von Urinproben zu Manipulationen genutzt hatten. Etwa um sich Fremd-Urin einzufüllen.

          Abgestoßen von solchen Methoden gegen den Geist des Sports wiederholte DFB-Präsident Theo Zwanziger in Frankfurt das Bekenntnis seines Verbandes, gegen Doping so scharf wie möglich vorzugehen. „Gehen sie davon aus, dass wir im Präsidium bei der Abstimmung über das Chaperon-System zu einer einvernehmlichen Entscheidung kommen.“

          „Die Dinge nicht unter den Teppich kehren“

          Zwanziger schloss nicht aus, dass sich Vergehen wie das der Hoffenheimer wiederholen werden. „Aber es kommt darauf an, die Dinge nicht unter den Teppich zu kehren, sondern aufzuklären und die Konsequenzen daraus zu ziehen.“ Laut Koch hat der DFB die Verstöße in Hoffenheim selbst aufgedeckt. Zu weiteren Erkenntnissen über eine mögliche laxe Haltung in der gesamten Bundesliga reichte es aber nicht.

          Nun reagiert der DFB mit einer weiteren Massenaufklärung. Sämtliche Manager und Dopingbeauftragte der ersten und zweiten Liga sowie alle Dopingkontroll-Ärzte des DFB werden noch einmal geschult: „Vielleicht“, sagte Koch, „hat der ganze Fall ja auch eine pädagogische Wirkung.“

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