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Dimo Wache : „Ich darf ein zweites Mal ein Fußballmärchen erleben“

Vergangenheit und Gegenwart: Dimo Wache trifft als Torwarttrainer von Darmstadt 98 auf seinen alten Klub Mainz 05 Bild: Picture-Alliance

Bei Mainz 05 ist Dimo Wache Ehrenspielführer. Für Darmstadt 98 arbeitet der frühere Schlussmann nun als Torwarttrainer. Vor dem Duell „seiner“ Klubs spricht er im Interview über Parallelen zwischen den Aufsteiger-Geschichten und Erzählungen von früher.

          3 Min.

          Eine Quizfrage: Hatten Sie mit Mainz 05 nach Spieltag sieben im Aufstiegsjahr 2004 mehr oder weniger Punkte auf dem Konto als nun Darmstadt 98 mit seinen zehn Zählern vor dem Duell mit ihrem ehemaligen Klub (20.30 Uhr/ live in Sky und F.A.Z.-Liveticker)?

          Daniel Meuren

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ich weiß noch, dass wir mit einer Niederlage gegen Stuttgart gestartet sind und dann zuhause gegen den HSV den ersten Sieg gefeiert haben. Aber ich weiß wirklich nicht mehr, wieviele Punkte wir nach sieben Spielen hatten.

          Sie hatten zwölf Punkte, nach dem achten Spiel und einem 2:1 gegen den aktuellen deutschen Meister Werder Bremen gar 15 und waren Tabellendritter noch vor Bayern München.

          Richtig: Ranisav Jovanovic wurde da kurz vor Schluss eingewechselt und hat beide Tore vorbereitet. Das war dann ein ganz guter Start.

          Relativiert das nun den Überraschungsstart Ihrer „Lilien“ mit „nur“ zehn Punkten aus sieben Spielen?

          Nein. Das ist beides gut zu seiner Zeit.

          Werden bei Ihnen derzeit viele Erinnerungen an die Zeit damals in Mainz wach?

          Natürlich gibt es da viele Ähnlichkeiten und Parallelen. Wie bei uns damals in Mainz ist jetzt bei uns in Darmstadt jeder bereit, sich in jeden Ball zu schmeißen und sich ins Gesicht schießen zu lassen, wenn es nötig ist für die Mannschaft. Der Peter Niemeyer hat das jetzt erst eindrucksvoll bewiesen, als er  mit seinem Nasenbeinbruch weiterspielen wollte.

          Können Sie nun in Ihrer Rolle als Teil des Trainerteams Ihrer Mannschaft etwas vermitteln aus Ihrer eigenen Erfahrung von damals?

          Ich bin sicher nicht bekannt dafür, dass ich allzu viel spreche. Aber wenn ich mal was sage, ist es hoffentlich hilfreich. Und ich glaube schon, dass ich den Spielern authentisch vermitteln kann, dass es etwas bringt, als absoluter Außenseiter in der Bundesliga mehr als hundert Prozent zu geben, über die Schmerzgrenze hinaus zu gehen. Ich habe ja damals als Spieler miterlebt, dass wir dann mithalten konnten.

          „Wie bei uns damals in Mainz ist jetzt bei uns in Darmstadt jeder bereit, sich in jeden Ball zu schmeißen“

          Können Sie Beispiele nennen, was Sie dann erzählen?

          Wir halten das alles in der Kabine. Es geht einfach darum, nicht irgendwelche Geschichten zu erzählen von früher. Ich versuche, die Mentalität zu vermitteln, immer alles für den Erfolg zu geben. Die brauchen wir. Das fängt schon an, wenn wir im Bus Mau-Mau spielen. Da soll auch Ehrgeiz dabei sein. Ich will vermitteln, wie man mit bestimmten Situationen umgehen kann.

          Betrifft das auch die Arbeit im Trainerteam?

          Ja, auch. Eine von Dirk Schusters ganz großen Stärken ist, dass er sich viel anhört von allen bei uns im Trainerteam, ehe er entscheidet. Und er weiß natürlich, dass ich in Mainz eine ähnliche Situation als Spieler erlebt habe.

          Erleben Sie zum zweiten Mal ein Fußball-Märchen?

          Absolut. Und dafür bin ich extrem dankbar, dass ich nun als Teil des Trainerteams noch mal etwas ähnliches erleben darf wie einst in Mainz. So etwas wird es wohl nicht noch einmal geben in den kommenden Jahren.

          Auch in Mainz sagte man damals: So etwas wird es nicht noch einmal geben.

          Ja, aber in Mainz war die Geschichte schon ganz anders, geprägt vom Scheitern vor dem Aufstieg. Wir waren zwei Jahre zuvor wegen eines Punkts und dann ein Jahr vorher im Fernduell mit der Eintracht wegen nur eines Tores gescheitert. Da sind Tränen geflossen, die uns zusammengeschweißt haben. Vor allem aber hatte der Klub Zeit, die Strukturen zu verbessern, sodass wir besser aufgestellt waren zum Zeitpunkt des Aufstiegs als nun hier in Darmstadt. Der Aufstieg 2004 kam genau zur richtigen Zeit.

          Rekordspieler und Ehrenspielführer in Mainz: „Die 15 Jahre in Mainz sind nicht spurlos an mir abgetropft“

          Kam der Aufstieg in Darmstadt also eigentlich zu schnell?

          Es musste im Rückblick alles so laufen, wie es passiert ist, und das ist positiv für den Verein. Aber klar: Darmstadt ist zunächst mal vom Erfolg überrollt worden. Wir haben natürlich keine infrastrukturellen Bedingungen, wie sie für die Bundesliga üblich sind. Wir haben sehr wenig Personal im Vergleich zu anderen Klubs. Wir sind vier Leute rund ums Team und haben beispielsweise noch keinen Teammanager oder Sportdirektor. Diese Aufgaben teilen wir uns auch noch, wenn es darum geht, beispielsweise Hotels zu buchen oder dort das Essen zu bestellen. Fragen Sie mal Axel Schuster (Teammanager in Mainz), was er den ganzen Tag zu tun hat!

          Macht diese Notsituation den Charme des Ganzen in Darmstadt aus?

          Ja, eine gewisse Zeit mag das so sein. Aber irgendwann stößt jeder an Grenzen. Und so weit darf es nicht kommen, dass jeder überlastet ist.

          Am Freitagabend spielen Sie nun erstmals in Ihrer Karriere gegen Ihren alten Klub Mainz 05. Dort sind Sie eine Klublegende, Ehrenspielführer und Rekordspieler. Wie gehen Sie mit der Situation um?

          Für mich zählt jetzt nur das, was meine Aufgabe ist. Wir wollen in dieser Saison drei Teams hinter uns lassen. Dafür brauchen wir Punkte und natürlich möglichst auch gegen Mainz 05. Ich will dieses Spiel gewinnen.

          Und wie ginge es Ihnen am Ende der Saison, wenn Mainz 05 eines der drei Teams wäre, die sie hinter sich lassen?

          Ich hoffe natürlich, dass Mainz 05 nicht einer dieser Klubs sein wird. Die 15 Jahre in Mainz sind ja nicht spurlos an mir abgetropft. Ich lebe zudem in Mainz, viele Freunde sind 05-Fans, auch wenn ich ein paar mit nach Darmstadt rübergezogen habe. Vor allem aber freue ich mich auch, dass ich am Freitagabend viele Freunde rund um den Platz treffe. Beispielsweise ist es was besonderes, dass Stephan Kuhnert Torwarttrainer auf der anderen Seite ist, dem ich zu sehr viel Dank verpflichtet bin.

          Hätten Sie vor zwei Jahren bei Ihrem Dienstantritt in Darmstadt geglaubt, dass ein solches Spiel so schnell stattfinden könnte?

          Niemals. Wenn ich so klug gewesen wäre, hätte ich drauf gewettet und wäre jetzt steinreich.

          Was kann Darmstadt sich denn für die Zukunft von Mainz abschauen?

          Man kann sicher bezüglich der Verbesserung der Strukturen mal immer wieder überlegen, wie das in Mainz geregelt wurde damals. Aber aus sportlicher Sicht liegt mir das zu weit in der Zukunft. Wir haben Ziele für diese Saison. Alles andere zählt jetzt nicht.

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