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Dietmar Beiersdorfer : „Ich bin kein Heilsbringer““

  • -Aktualisiert am

Zurück beim HSV: Dietmar Beiersdorfer arbeitet wieder im Zeichen der Raute Bild: dpa

Dietmar Beiersdorfer tritt seinen Job als Vorstandsvorsitzender des HSV an. Ein schwieriger Job: Er muss Geld beschaffen, gute Spieler finden und einen zerstrittenen Klub einen.

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          Mit diesen Sätzen dürfte er den leidgeprüften Anhängern des Hamburger SV aus der Seele gesprochen haben. Dietmar Beiersdorfer sagte: „Dieser Klub braucht eine Identität, eine Richtung, eine Kultur. Alle Fans sollen wieder mit Stolz sagen können, ich stehe zu meinem HSV. Vor allem braucht dieser Klub eine neue Bescheidenheit. Wir wollen wieder ein richtiger Fußballklub sein.“

          Vier Seiten Redemanuskript hatte Beiersdorfer am Mittwoch mitgebracht, doch seine im Kampf mit den Tränen herausgepresste Kernaussage hätte auf einen Bierdeckel gepasst.

          Gleich den Finger in die Wunde

          Keine lange Rede von großen Zielen und der Einzigartigkeit des Klubs, die sich aus der Geschichte speist; der neue Vorstandsvorsitzende des HSV Fußball AG legte bei seinem emotionalen Start den Finger stattdessen gleich in die Wunde und sagte: „Wir haben fast keine Investitionsmöglichkeiten. Wir haben in einigen Bereichen die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber anderen Bundesligaklubs verloren.“

          Den Juni über hatte sich der von Zenit St. Petersburg verpflichtete Beiersdorfer ein Bild von seinem neuen, alten Arbeitgeber verschafft – und das, was er sehen und hören konnte, hat ihn schockiert: Seit seinem Ende als HSV-Sportchef im Jahr 2009 hat sich „sein“ Klub zurückentwickelt.

          Die verpatzte vergangene Saison mit dem Fast-Abstieg war nur das deutliche Zeichen dafür. Auch auf weniger sichtbaren Feldern stolpert der HSV hinterher. Bei der Jugendarbeit, bei der Sichtung, bei der Ausbildung eigener Trainer, bei der Qualität des Trainingsgeländes. Beiersdorfer sagte: „Es geht in unserer Arbeit zunächst nicht um Spieler, sondern um die Rahmenbedingungen. Ich bin kein Heilsbringer. Wir müssen Probleme gemeinsam lösen.“

          Spürnase benötigt

          Natürlich geht es ihm auch um neue Spieler. Der Kader von Trainer Mirko Slomka soll noch einen Sechser, einen Innenverteidiger und einen Ersatz für den nach Leverkusen transferierten Hakan Calhanoglu bekommen – mindestens. Doch bei einem Schuldenstand von hundert Millionen Euro sind kreative Lösungen gefragt.

          Fürs Erste wird „Chef Didi“ auch als Spürnase auf dem Transfermarkt benötigt werden. „Ich werde mich um Fußball kümmern“, sagte Beiersdorfer. Ob er dabei weiter mit Sportdirektor Oliver Kreuzer zusammenarbeitet, ließ er offen. Es gebe keine Entscheidung, er wolle Kreuzers Arbeit noch etwas länger beobachten. Der Trend geht pro Kreuzer; hinzukommen soll ein Nachwuchsleiter, am liebsten Peter Knäbel, der derzeit beim Schweizer Fußballverband arbeitet. Der neue Vorstand wird von Joachim Hilke und Carl-Edgar Jarchow komplettiert.

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          In der Geldbeschaffung spielt weiterhin Milliardär Klaus-Michael Kühne eine große Rolle. Kühnes rechte Hand Karl Gernandt, Präsident des Verwaltungsrates bei „Kühne+Nagel“, sitzt als Aufsichtsratsvorsitzender in der Fußball AG. „Wir beginnen jetzt mit der Investorensuche“, sagte Gernandt, der zwischen den Zeilen bat, nicht jedes Interview Kühnes allzu hoch zu hängen.

          Dass Kühnes erstes Investorengeld nun, wo Beiersdorfer inthronisiert ist, bald fließen könnte, war herauszuhören. Auf dem Transfermarkt bleibt es für den klammen Klub schwierig: „Spieler und Berater sind informiert, dass es mit uns etwas dauern kann“, sagte Beiersdorfer.

          Demut und Respekt

          Ihm gelang es in seiner selbstironischen Art („Ihr seid es ja gewohnt, dass ich herumstottere“), sich als richtigen Mann am richtigen Ort darzustellen: „Ich stand mit zittrigen Knien vor Ernst Happel, ich habe geweint, als ich nach Bremen verkauft werden musste. Aber ich war auch stolz, als wir hier den Bayern Paroli geboten haben“, sagte der 51 Jahre alte Franke.

          Voller Begeisterung sprach er von den Werten der Nationalmannschaft, von der Demut und dem Respekt vor dem Gegner – auch und gerade nach einem 7:1 gegen Brasilien: „Da können wir uns viel abschauen.“ Viele HSV-Mitarbeiter hatten zuletzt über eine Unkultur des Misstrauens, der Missgunst, ja des Hasses im Klub geklagt.

          Es wird eine der Hauptaufgaben des neuen Vorstandsvorsitzenden sein, Gräben zuzuschütten. Er sagte: „Ich möchte auch die mitnehmen, die sich nicht von den Ideen der Ausgliederung überzeugen ließen.“ Um die Fülle seiner Aufgabe ist Dietmar Beiersdorfer wahrlich nicht zu beneiden.

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