https://www.faz.net/-gtm-9j7bf

Neuer Trainer von Hannover 96 : Thomas Doll als Antreiber und Motivator

  • -Aktualisiert am

Eine Schicksalsgemeinschaft bei Hannover 96? Sportdirektor Horst Heldt (links) neben dem neuen Trainer Thomas Doll Bild: dpa

Bei seiner Vorstellung muss Thomas Doll auch die Frage beantworten, ob er noch Bundesliga könne. Aber in der prekären Lage des Klubs könnte ein positiver Typ wie er durchaus etwas bewegen.

          3 Min.

          Das muntere Prozedere im Kellerraum dieses schmucken Stadions ist immer wieder schön. Und das „Hallo“, mit dem sich Thomas Doll in der Fußball-Bundesliga zurückmeldete, war ein ganz schön kräftiges. Hannover 96 hat den langjährigen Stürmer und erfahrenen Trainer um Hilfe gebeten, weil der Verein in mehrfacher Hinsicht in Gefahr ist. Neben dem sportlichen Absturz tief in die Abstiegsregion bleibt der äußere Eindruck zu beklagen, dass hinter den Kulissen in Hannover vieles durcheinandergeraten ist. Da kommt ein positiver Vordenker und Aufmunterer wie Doll gerade recht. „Die Jungs hier können kicken. Wichtig ist, dass wir das wieder abrufen“, sagt der neue Hoffnungsträger, während alle Kameras auf ihn gerichtet waren. Doll ist zum Nachfolger von André Breitenreiter gekürt worden, der am Sonntag von seiner Aufgabe entbunden worden war.

          Dem Gang in die Umkleidekabine folgten die üblichen Sätze im Rampenlicht. Bei seiner Vorstellung als Cheftrainer, dessen Vertrag bis 2020 für die erste und zweite Liga Gültigkeit besitzen soll, bediente sich Doll eines von Praxis und Pragmatik geprägten Vokabulars. Mehr Mut, mehr Brust raus, mehr Torchancen kreieren, mehr Respekt des Gegners erzwingen: Streng genommen war bei diesem ersten öffentlichen Auftritt des neuen 96-Trainers wenig Neues und Tiefschürfendes dabei. Aber geht es darum in Hannover und angesichts der prekären Situation in der Tabelle überhaupt?

          Unter der Regie von Breitenreiter wurden in 19 Begegnungen lediglich 11 Punkte erspielt. Parallel dazu ging das Gros an Selbstvertrauen verloren. Hier ist einer wie Doll vielleicht richtig plaziert. „Wir haben uns aus voller Überzeugung für Thomas entschieden. Er hat schon alle Facetten begleitet, die es im Fußball gibt“, sagte Hannovers Sportdirektor Horst Heldt. Abstiegskampf mit Borussia Dortmund, Champions League mit dem Hamburger SV, Meistertitel in Ungarn mit Ferencvaros Budapest: Die Vita von Doll ist bunt. Dass lediglich rund 50 Zuschauer vor Ort hautnah miterleben wollten, wie er seine erste Übungseinheit angeht, muss an diesem Montag am tristen und grauen Regenwetter in Hannover gelegen haben.

          Mit der Verpflichtung von Doll und der noch zu zahlenden Abfindung für Breitenreiter will sich Hannover 96 auch ein wenig Ruhe erkaufen. Eine Woche lang hatten sich Entscheider des Vereins mit Martin Kind an der Spitze extrem schwer damit getan, die Öffentlichkeit zu informieren und den nicht mehr erwünschten Breitenreiter aus der Schusslinie zu nehmen. Doll räumte ein, dass er schon vor einer Woche von Hannover 96 kontaktiert worden sei – also genau zu einem Zeitpunkt, als Präsident Kind beteuerte, dass eine Entlassung von Breitenreiter gar nicht zur Debatte gestanden habe. Zumindest Heldt hat sich öffentlich bei Breitenreiter laut und deutlich für diese schwer zu ertragende Hängepartie entschuldigt. Der Rest an unschönen Begleiterscheinungen wird im Alltag des Profisports schnell wieder untergehen.

          An diesem Freitag (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und im Eurosport-Player) steht in Hannover bereits das Heimspiel gegen RB Leipzig an. Und die Ansage von Doll ist unmissverständlich. Alle 96-Spieler fangen wieder bei null an, jeder bekommt seine Chance: Genau so motivieren Trainer, die lange Zeit Spieler waren und auf impulsive Weise versuchen, in einer Spielerkabine mit schlechter Stimmung gründlich durchzulüften. Die schnelle Verpflichtung von Doll für den insgesamt erschreckend erfolglosen Breitenreiter spricht dafür, dass Hannover 96 immer noch handlungsfähig ist und nicht aufgeben mag. „15 Spiele bleiben noch, um das Blatt zu drehen“, findet Doll. Er war gemeinsam mit Kind und Heldt zur ersten Ansprache an die Mannschaft in der Kabine angetreten. Doll findet, dass einer wie er mit dem nötigen Feuer für den Fußball in jeder Liga der Welt Erfolg haben könne. Als Torjäger war er extrem impulsiv. Aufrütteln, antreiben, motivieren: Diese Eigenschaften als Trainer gehören wohl zu seinen Stärken. Heldt beschreibt Doll als stressresistenten Chefcoach, der etwas vorlebt und nicht zu lange überlegt. Das haben in der Ära von Kind schon so manche Übungsleiter von sich behauptet. In mehr als 20 Jahren an der Spitze von Hannover 96 hat der Präsident immerhin 17 verschiedene Trainer plus diverse Manager, Sportdirektoren und Geschäftsführer verschlissen.

          Zu den medialen Fragen, mit denen Doll in Hannover begrüßt worden ist, hat auch eine ziemlich freche gehört. „Herr Doll, können Sie noch Bundesliga?“, lautete ein Vorstoß aus einer der hinteren Reihen im Rahmen der obligatorischen Pressekonferenz. Der ehemalige Nationalspieler ließ sich davon nicht provozieren und erklärte ruhig und sachlich, dass er sich in den vergangenen Jahren gerne und viel Bundesliga-Fußball im Fernsehen angesehen habe. Daraus soll offenbar geschlossen werden, dass dieser Mann noch mittendrin im Geschehen ist. Als Doll allerdings gefragt wurde, ob ihm die Umstände des Scheiterns seines Kollegen Breitenreiter in den vergangenen Tagen bewusst geworden sind, wählte er eine interessante Antwort. „Ich war ja in Budapest“, sagte Doll – also weit weg vom zuweilen bösen Geschehen im Bundesliga-Fußball.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Neue Abstandsregel : Der harte Kampf um jedes Windrad

          Der Protest der Deutschen gegen Windräder wächst, und der Ausbau ist beinahe zum Erliegen gekommen. Kann der Mindestabstand von 1000 Metern für mehr Frieden sorgen – oder wird nun alles noch schwieriger?

          Amtsenthebungsermittlungen : Der Oberstleutnant und der Amigo

          In den Impeachment-Ermittlungen im Kongress werden heute Alexander Vindman und Kurt Volker angehört. Die Demokraten wollen der Öffentlichkeit darlegen, wie Donald Trump die Ukraine-Politik für seine Wiederwahl missbrauchen wollte.
          Blick in EU-Parlament in Straßburg

          Einigung auf EU-Haushalt : Nach dem Streit ist vor dem Streit

          Das EU-Parlament hat mehr Geld für den Klimaschutz durchgesetzt. Von einem Klimahaushalt kann dennoch keine Rede sein, und die nächste Runde im Budgetstreit ist ohnehin schon eingeläutet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.