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„Bayern-Verfolger“ : Die neue Mittelklasse der Bundesliga

Leipzig ist der erfolgreichste Aufsteiger in die Bundesliga und bricht einen Rekord nach dem nächsten. Bild: dpa

Leipzig, Berlin, Hoffenheim und Köln sind die ersten Verfolger der Münchner Bayern. Vereine, die weit davon entfernt sind, die neue Oberklasse zu sein – und doch für Spitzenwerte stehen.

          Seit dem Frühsommer erleben Fußballromantiker Frühlingsgefühle. Leicester City wurde englischer Meister. Island warf England aus der EM. Und vergangenen Sonntag schufen die Idrottsföreningen Kamraterna Mariehamn, die „Sportkameraden“ von den Åland-Inseln, das nächste kleine Fußballwunder. Sie wurden Meister – vor HJK Helsinki, dem Bayern München von Finnland. Kein Wunder, dass die heimischen Medien sie „Mini-Leicester“ nennen.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Nun hat der große Sir Alex Ferguson auch einen deutschen Klub mit Leicester verglichen. „Köln erinnert mich daran“, sagte er dem „Kicker“. „Dort muss in der jüngeren Vergangenheit eine gute Grundlage geschaffen worden sein.“ Nicht nur dort. Auch anderswo auf Deutschlands Fußball-Landkarte zeigen sich in diesem Herbst Verschiebungen, die manchen Freund der Spannung schon auf neue „Bayern-Jäger“ hoffen lassen. Doch die Suche nach dem deutschen Leicester dürfte voreilig sein.

          RB Leipzig, Hertha BSC Berlin, die TSG Hoffenheim, der 1. FC Köln, die „Verfolger“ des Serienmeisters auf den Rängen zwei bis sechs, sind noch weit davon entfernt, die neue Oberklasse sein zu können. Nach oben gespült haben sie die Startschwierigkeiten der Dortmunder, Schalker, Wolfsburger, Leverkusener, der von Kader und Budget her klassischen Kandidaten für die Plätze hinter den Bayern. Doch verdienen sie es, sich nun im oberen Tabellendrittel zu sonnen. Sie, die neue Mittelklasse, die Bayern-Verfolger-Verfolger, punkten mit frischer Mentalität: Mach dein Ding – und schau, was rauskommt. Schau nicht nach oben, nicht nach unten, nur auf dich selbst.

          Peter Stöger hat einen klaren Plan für seine Kölner.

          An einer „eigenen Tabelle“ etwa arbeiten laut Trainer Ralph Hasenhüttl die Leipziger. Darin geht es um Laufwege, Sprints, Balleroberungen, die Parameter des aggressiven Eroberungs-Fußballs. Vor dem neunten Spieltag zeigen sie Parallelen zur richtigen Tabelle. Mit 116,5 Kilometern pro Spiel hat Leipzig das lauffreudigste Team der Liga. Die Zahl der Sprints pro Partie (212) wird nur von Hoffenheim (228) übertroffen. Auch Hertha BSC ist Tabellenführer: bei Standard-Toren (fünf) und Effizienz (jeder fünfte Torschuss führt zum Tor). Und Köln liegt in der Mentalitätstabelle vorn. Drei Spiele in der Liga hat man nach Rückstand nicht verloren, ebenso wie das Pokalspiel am Dienstag gegen Hoffenheim.

          Diese erstklassige Mittelklasse schielt nicht auf die Schwäche der Stärkeren. Sie spürt das Wachsen eigener Stärke. Die „breite Brust“, mit der Leipzig laut Kapitän Dominik Kaiser inzwischen auftritt, ist auch den drei Leipzig-Verfolgern anzusehen, und sie ist eine gewachsene. Eine natürliche Brustvergrößerung, keine kosmetische Operation. So auch beim 2:0-Erfolg gegen Darmstadt.

          „Sorgenfrei“ bleiben, so lautete ein Saisonziel in Leipzig und Hoffenheim. So ähnlich hat man das auch in Köln und Berlin ausgedrückt. Eine für das Fußballgeschäft ungewohnte Gelassenheit klingt durch beim neuen Mittelstand der Liga – jener Schicht, die in den vergangenen Jahren immer mehr zu schwinden schien, bis mancher gar ihr Verschwinden beklagte. Hinter den Europapokalplätzen beginne gleich der Abstiegskampf, so eine beliebte These, die den Bogen zur Ungleichheit der ganzen Welt schlug: oben die Kaste der Superreichen, die immer reicher werden, unten die, die um ihre Existenz kämpfen. Und dazwischen: immer weniger.

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