https://www.faz.net/-gtm-16fye

Die Gentrifizierung eines Fußballklubs : Das neue St. Pauli

Wahre Liebe St. Pauli Bild: dpa

Wem gehört der Verein? Der Hamburger Stadtteilklub steigt in die Bundesliga auf und feiert seinen hundertsten Geburtstag. Hinter der glänzenden Fassade streiten Realisten und Romantiker. Ein Streit, der das Leben auf St. Pauli und in der ganzen Stadt spiegelt.

          Corny Littmann stößt auf einen Fluss, wenn er seine Wohnung in St. Pauli verlässt. Nicht die Elbe oder die Alster, kein wirklicher Fluss. Es ist, bildlich gesprochen, ein Grenzfluss, von dem Littmann spricht. Die Hopfenstraße trennt zwei Welten von St. Pauli. Auf Littmanns Seite reihen sich alte Häuser aus der Gründerzeit, ein fast behagliches Bild im Herzen des Amüsierviertels.

          Auf der anderen Seite ragt ein kupferfarben verglaster Neubau nach oben, modern, schick, kühl. Das Empire Riverside Hotel trägt nicht nur einen protzigen Namen, auch die Zimmerpreise - zwischen 139 und 349 Euro - sind nicht für den kleinen Geldbeutel. Maklerschilder werben hier für „Designbüros“, von deren Preis man vermutlich nicht einmal etwas ahnt - gegenüber, in der „Scharfen Ecke“, wo das vergilbte Asbach-Uralt-Schild über dem Tresen hängt und Karten geklopft werden. Oder in der Drogenberatung „Stay Alive“ ein paar Schritte weiter.

          Hier, am Rande des ehemaligen Brauereiviertels, kann man wie unter dem Brennglas sehen, wie sich der Stadtteil wandelt. „Das ist schon eine andere Welt, die da entstanden ist“, sagt Littmann, der seit über dreißig Jahren in St. Pauli lebt und dort zwei Theater betreibt. Überall eröffnen Restaurants und schicke Cafés. Werbeagenturen, Kanzleien und Büros großer Firmen haben gleichermaßen den Reiz der Hafenlage für sich erkannt. Der einstige Arbeiterstadtteil ist längst dabei, sich nach dem Schanzenviertel zum In-Quartier der Hansestadt zu entwickeln. Neureicher Glamour hier, das alte, rauhe, liebenswerte St. Pauli dort: Auch das ist es, was Littmann meint mit dem „kulturellen Kanal“, der durchs Viertel geht.

          Präsident Littmann: Ambivalente Persönlichkeit

          Seit 2002 ist Littmann auch Präsident des FC St. Pauli, eines Vereins, der sich sehr über seine Heimat definiert. „Der FC St. Pauli ist ein Stadtteilverein“, heißt es in den Leitlinien, die sich der Klub vor einem halben Jahr gab. „Hieraus zieht er seine Identifikation und hat eine soziale und politische Verantwortung gegenüber dem Stadtteil und den hier lebenden Menschen.“ Aus den Worten weht der Geist, für den der Klub über Hamburg hinaus berühmt geworden ist: freiheitsliebend, sozial engagiert, unangepasst. Was aber passiert, wenn sich das Viertel und die Menschen verändern? Wenn plötzlich Geld und Status eine Rolle spielen, wo das Leben vorher - zumindest abseits der Amüsierbetriebe - ein eher schlichtes war?

          Angemessene Geburtstagsfeier

          Dass auch der FC St. Pauli im Wandel begriffen ist, sieht man schon, wenn man vor der neuen Südtribüne des Millerntor-Stadions steht: ein Bau, der an das Torgebäude im Vereinswappen erinnert (ein bisschen auch an eine Kathedrale) und in seiner Mischung aus norddeutschem Rotklinker und Glas Tradition und Moderne gelungen verbindet. Schick irgendwie. Und ganz anders als das alte Klubheim, durch das sich Spieler, Fans und Journalisten einst gemeinsam quetschten.

          Der Stadionumbau ist das Großprojekt Littmanns. Unter seiner Führung hat der Klub 2003 eine existentielle Krise überstanden und steht heute besser da denn je - sportlich und wirtschaftlich. Im letzten Saisonspiel gegen Paderborn wurde der bereits gewisse Aufstieg in die erste Liga auch rechnerisch perfekt gemacht. Und weil der Klub im Mai auch noch hundert Jahre alt wird, dürfte es ein feuchtfröhlicher Sommer auf St. Pauli werden. Es wird jedenfalls angemessen gefeiert: mit Fußball-Festspielen gegen den FC United of Manchester, mit dem man sich gegen die Kommerzialisierung des Sports im Bunde sieht, gegen Celtic Glasgow sowie einem großen Jubiläumskonzert mit Bands wie Fettes Brot, Kettcar oder Slime.

          Sprengkraft für das Binnenklima

          Weitere Themen

          Fortuna fit trotz Verletzungen Video-Seite öffnen

          Rheinderby gegen Gladbach : Fortuna fit trotz Verletzungen

          Im Rheinderby treffen die Düsseldorfer am Sonntag auf Borussia Mönchengladbach, die am Donnerstag in der Europa League eine 0:4-Heimniederlage verkraften mussten. Trotz Verletzungspech freut sich Trainer Funkel auf das Spiel.

          Niederlechner verdirbt Freiburg den Tag

          1:1 gegen Augsburg : Niederlechner verdirbt Freiburg den Tag

          Im Sommer war Florian Niederlechner aus Freiburg nach Augsburg gewechselt: Bei seiner Rückkehr beschert er seinem neuen Klub einen wichtigen Auswärtspunkt. Für Freiburg endet die Erfolgsserie der vergangenen Wochen.

          Topmeldungen

          Boris Johnsons Wahlkreis : „Der beste Premierminister seit Churchill“

          Boris Johnson gerät wegen der Suspendierung des Parlaments immer stärker unter Druck. Seine Anhänger wollen davon jedoch nichts wissen und stehen weiter hinter ihm. Doch wie lange noch? Beobachtungen aus dem Wahlkreis des Premierministers.

          Kretschmann zu Klimapaket : „Das ist doch ein Treppenwitz“

          Die Grünen in Baden-Württemberg lassen kein gutes Haar am Klimapaket der Bundesregierung, auf das die Koalition so stolz ist. So könne man nicht Politik machen, findet Ministerpräsident Winfried Kretschmann.
          In Tipp-Kick-Manier: Robert Lewandowski trifft gegen Kölns Timo Horn.

          4:0 gegen Köln : Lewandowski trifft und trifft

          Spaziergang zum Oktoberfest-Beginn: Bayern München startet gegen Köln leicht und locker in die Münchner Festwochen. Der Torjäger vom Dienst ist gewohnt erfolgreich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.