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Ausgeliehen an Newcastle : Die englische Freiheit des Jetro Willems

  • -Aktualisiert am

Bei der Eintracht nie ganz glücklich: Jetro WIllems hofft auf seine Genesung. Bild: Imago

Jetro Willems, von der Eintracht an Newcastle ausgeliehen, arbeitet am Comeback – am liebsten in der Premier League. Die Eintracht entdeckt derweil im Trainingsalltag auch Spaß in der Krise.

          3 Min.

          Jetro Willems macht sich keinen Kopf. „Erst mal konzentriere ich mich auf das Gesundwerden.“ Der 26 Jahre alte niederländische Fußballprofi ist ohnehin nicht dafür bekannt, allzu viel zu grübeln. Aber im Moment stellt sich seine berufliche Situation derart unübersichtlich dar, dass es reine Zeitverschwendung wäre, die unterschiedlichen Zukunftsszenarien durchzukauen. Zwei Tatsachen stehen fest: Der talentierte Linksverteidiger besitzt einen Vertrag mit der Frankfurter Eintracht, der bis zum 30. Juni 2021 gilt; und – Willems ist verletzt.

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          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Wann er wieder spielen kann, steht wegen der Corona-Krise und wegen des ungewissen Heilungsprozesses nicht fest. Welches Trikot er tragen wird, wenn er irgendwann seinem Beruf wieder nachgehen kann, ist genauso ungewiss. Die Eintracht legt erst mal keinen gesteigerten Wert mehr auf die Mitarbeit des Niederländers. Sie war froh, im vergangenen Sommer auf Leihbasis einen geeigneten Abnehmer für Willems gefunden zu haben. Der hatte in seinen zwei Jahren am Main immer wieder überragende Fähigkeiten aufblitzen lassen, sich aber viel häufiger als unsicherer Kantonist erwiesen.

          Beim englischen Premier-League-Klub Newcastle United führte sich Willems so ein, wie ihn die Eintracht an seinen schlechtesten Tagen kannte: Durch eine eklatante Unachtsamkeit ermöglichte er dem gegnerischen FC Arsenal den 1:0-Siegtreffer. Nach zwei Partien Denkpause zeigte Willems schnell seine beste Seite. Ihm gelang gegen den FC Liverpool ein Traumtor mit rechts. Der Favorit gewann zwar noch 3:1, doch sein Schuss in den Winkel brachte den Dribbel- und Flanken-König in die Herzen der Newcastle-Fans. Von diesem Moment an war Willems aus der ersten Mannschaft Newcastles nicht mehr wegzudenken.

          Kritik an seinen Eintracht-Trainern

          Der Profi mit der Statur der Linksverteidiger-Legende Carlos Roberto begründete seinen Aufschwung mit dem Trainer. Oft erweist es sich für einen Fußballprofi als verhängnisvoll, wenn während der Sommerpause der Trainer entlassen wird, der seine Verpflichtung betrieben hat. Doch mehr Vertrauen, als ihm Steve Bruce, der neue Coach, schenkte, hätte Willems auch nicht von Mentor Rafael Benitez genießen können: „Steve Bruce gab mir Freiheit“, sagte der Niederländer in einem Interview mit dem „Newcastle Chronicle“. „Ich mochte es, für Steve zu spielen. Er spricht viel mit den Spielern, weist jedem seine Rolle zu. Aber er gibt den Spielern nicht allzu viele Regeln vor.“

          Diese Formulierung kann als Kritik an seinen Eintracht-Trainern Niko Kovac und Adi Hütter verstanden werden. Beide verlangten vom Niederländer Disziplin und ein Eingliedern in die Mannschaftstaktik. Nach dem Motto: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Doch Willems geht die Arbeit ohne Vergnügen nicht gut vom Fuß. Er ist ein Straßenfußballer, der tricksen und glänzen will, ein Entertainer, der mindestens genauso gerne für das Publikum spielt wie für das Ergebnis. „Ich bin kein Spieler, dem genaue Anweisungen gegeben werden müssen. Trainer müssen mir nur sagen: ,Geh drauf, nimm den Ball und kreiere ein paar Torchancen.‘ Und das werde ich tun.“

          Genau so durfte Willems in Frankfurt nicht spielen. Irgendwann gewannen Verein und Spieler die Überzeugung, nicht die Richtigen füreinander zu sein. Sein Glück in Newcastle schien vollkommen. Endlich hatte sich seine wechselvolle Karriere wieder ins Positive gekehrt. Die große Begabung war mit 18 zum jüngsten Europameisterschafts-Teilnehmer der niederländischen Fußballgeschichte geworden und hatte mit 21 das erste Mal mit dem PSV Eindhoven die Meisterschaft gewonnen. Dann kam der Knick. Das Talent, das doch nur spielen will, pendelte zunächst in Eindhoven und dann bei der Eintracht nur noch zwischen Startelf und Ersatzbank. 2016 verlor er seinen Stammplatz in der Nationalelf.

          „Ich tue alles, um bis August wieder fit zu sein“

          In der Premier League hatte er sich nun wieder gegen die Größten bewiesen, gegen Liverpool und Manchester City sogar seine besten Spiele abgeliefert. Es galt als ausgemachte Sache, dass Newcastle die Kaufoption für Willems bei der Eintracht über 10 Millionen Euro ziehen würde.

          Doch dann erlitt der Linksverteidiger im Januar gegen den FC Chelsea einen Kreuzbandriss. Allein diese schwerwiegende Verletzung brachte den fest geplanten Wechsel ins Wackeln. Dann versetzte der Ausbruch des Coronavirus den gesamten Transfermarkt in Verunsicherung. Und zusätzlich steht in Newcastle ein neuer Investor vor der Tür.

          Besitzer Mike Ashley soll einem Verkauf seines Klubs für knapp 410 Millionen Euro an eine Investmentgruppe zugestimmt haben. Angeführt wird das Konsortium von dem Kronprinzen Saudi-Arabiens, Muhammad bin Salman. Mit den Millionen aus Saudi-Arabien könnte sich United natürlich auch noch ganz andere Lösungen auf dem Linksverteidigerposten leisten als Jetro Willems.

          Der 26-Jährige bleibt bei so vielen Wenn und Aber ganz ruhig. „Ich tue alles, um bis August wieder fit zu sein. Auf alles andere habe ich keinen Einfluss.“ Er habe auch noch mit keinem Verein gesprochen, weil deren Planungen wegen Corona ohnehin auf Eis liegen und zudem ein verletzter Leihspieler keine Priorität bei den Überlegungen genießt. Aber auf Nachfrage macht Willems deutlich, welche Präferenz er hätte: „Ich würde gerne mit Newcastle sprechen. Ich möchte nicht, dass meine Zeit bei diesem Klub schon zu Ende gegangen ist.“

          Hütter hat Spaß in der Krise

          In jeder Krise steckt auch eine Chance. Eintracht-Trainer Adi Hütter nutzt die Einschränkungen, denen der Trainingsablauf wegen der Verbreitung des Coronavirus unterworfen ist, um „positionsspezifische“ Dinge einzustudieren. Auch nach den ersten leichten Lockerungen des allgemeinen Kontaktverbotes für Profisportler sind Zweikämpfe untersagt, und es darf nur in Kleingruppen bis maximal fünf Spieler geübt werden. „Kompliment an die Jungs, wie positiv sie die Sache annehmen. Wir alle sind froh, dass wir auf dem Platz trainieren können. Wir stellen die Kleingruppen auch immer unterschiedlich zusammen, immer mit anderen Trainern, damit nicht immer dieselben Spieler zusammen sind und nicht immer die gleiche Ansprache haben.“

          Ein interessanter und positiver Aspekt der Trainingsarbeit sei für ihn, „dass ich jetzt die Zeit nutzen kann, um individuell mit den Spielern noch enger zusammenzuarbeiten, positionsspezifisch noch mehr auf die Jungs eingehen kann. Dazu war angesichts unserer vielen Spiele in den Monaten davor nicht so viel Gelegenheit. Mir macht das Spaß.“

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