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DFB-Trainerausbildung : Die Besten sollen nicht mehr die Besten sein

  • -Aktualisiert am

Auszeichnungen wird es weiter geben: Florian Kohfeldt ist Trainer des Jahres. Bild: dpa

Soziale Kompetenz gewinnt in der Fußballtrainerausbildung an Bedeutung: Dazu passend wird es keine Jahrgangsbesten mehr beim Fußballlehrerlehrgang geben. Die Noten sollen dennoch nicht getanzt werden.

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          Eine kleine Gemeinheit konnte sich Ralf Köttker, der Kommunikationschef des Deutschen Fußball-Bundes, nicht verkneifen, als er am Donnerstagabend durch die jährlich stattfindende Trainergala des Verbandes führte. Bremens Florian Kohfeldt wurde zum Trainer des Jahres gekürt, der langjährige Freiburger Coach Volker Finke nahm eine Auszeichnung für sein Lebenswerk entgegen, und die 25 Absolventen der Hennes-Weisweiler-Akademie erhielten ihre Lizenzen als „staatlich geprüfte Fußball-Lehrer“ – mit einer Neuerung allerdings: Erstmals wurde kein Jahrgangsbester bekanntgegeben, woraufhin Köttker in Anspielung auf die Waldorfpädagogik anmerkte: „Und im nächsten Jahr müssen die Absolventen dann ihre Noten tanzen.“

          Das war einerseits ein guter Gag, an Waldorfschulen gibt es ja das Ritual, Kinder ihre Namen tanzen zu lassen. Andererseits illustrierte die Bemerkung, wie groß die Vorbehalte in Teilen des Deutschen Fußball-Bundes gegenüber Veränderungen sind.

          Nun bleibt also geheim, welcher Absolvent aus der Gruppe um die ehemaligen Nationalspieler Patrick Helmes, Daniel Bierofka und Andreas Hinkel seinen Trainerschein mit der besten Note erworben hat. Es war ja immer interessant, zu hören, dass Bundesligagrößen wie Kohfeldt (2015) oder Domenico Tedesco (2016) auch in der Ausbildung besonders stark gewesen sind. Andererseits hebe dieses „Prädikat jemanden total aus der Gruppe und rückt die anderen nicht ins richtige Licht“, erklärte Daniel Niedzkowski, der vor einem Jahr die Leitung der Hennes-Weisweiler Akademie von Frank Wormuth übernommen hat. Das war aber nur eine von vielen Veränderungen, die an diesem Abend erläutert wurden.

          Sehnsucht nach Erneuerung

          Die ganze Veranstaltung, an der die geschlossene DFB-Spitze um Präsident Reinhard Grindel teilnahm, war durchsetzt von einer Sehnsucht nach Erneuerung. Nachdem die WM 2018 so enttäuschend verlaufen ist und kein deutscher Klub das Viertelfinale der Champions League erreicht hat, ist das Bedürfnis nach Innovation und Fortschritt zu einer treibenden Kraft geworden. Dazu passt sogar die Würdigung Finkes, der sich in den 1990er Jahren mit seiner Idee von flachen Hierarchien, einer neuen Art des Alltagsumgangs und mit mutigen taktischen Ideen als „großer Querdenker des deutschen Fußballs“ profilierte, wie Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff hervorhob. Auch Kohfeldt beschreitet mit seiner offenen Nähe neue Wege. „Respekt, Vertrauen und Ehrlichkeit“ nannte der ehemalige Bremer Kapitän Clemens Fritz in seiner Laudatio noch vor irgendwelchen fachlichen Qualitäten, als er die Stärken des Preisträgers beschrieb.

          Womöglich auch, weil die Nationalmannschaft bei der WM nie zu einem homogenen Team wurde, sind soziale Kompetenz und Zwischenmenschlichkeit zu einem Hauptmotiv der nationalen Fußballentwicklung geworden. „Die soziale Kompetenz eines Trainers hat eine immer größere Bedeutung“, sagte Niedzkowski, daher werde auch im Lehrgang verstärkt an Fragen der Gruppenführung gearbeitet. Die Profis hätten „immer mehr Macht gegenüber dem Trainer“, ein konstruktiver Umgang mit dieser Sachlage erfordere „eine große Sensibilität“. Es ist ein Balanceakt, „die Spieler mitreden zu lassen und trotzdem klare Ansagen zu machen“, ein Gespür für solche Problematiken werde mehr und mehr zur Kernkompetenz, erläuterte Niedzkowski, der überdies die „Kreativität fördern“ möchte.

          Jenseits dieser inhaltlichen Veränderungen plant der neue Lehrgangsleiter in Kooperation mit der neuen DFB-Akademie in Frankfurt aber auch strukturelle Anpassungen. Die Trainer, die in der Regel neben ihrer Ausbildung eine Mannschaft im Ligabetrieb betreuen, sollen häufiger bei ihren Klubs bleiben können. „Wir wollen die Ausbildung zum Teil im Verein machen, dass der Trainer von uns einen Input bekommt und diesen Input dann mit seiner Mannschaft im Verein ausprobiert. Dass er an seinem eigenen Fall arbeitet“, sagte Niedzkowski, die Ausbildung dringt damit in den Arbeitsalltag der Trainer ein, was Synergien erzeugen, Ressourcen schützen soll.

          Über gefilmte Einheiten im Klub können die Ausbilder dann Feedback geben, denn Absolventen wie Bierofka, der den Drittligaklub 1860 München trainiert oder Christian Fiel, der Chefcoach des Zweitligavereins Dynamo Dresden, haben ein ausgesprochen hartes Jahr hinter sich mit der Doppelbelastung als professionelle Trainer und Auszubildende. „Zum Glück habe ich einen ruhigen Verein“, merkte Bierofka ironisch an, nachdem er auf den Stress der zurückliegenden Monate angesprochen worden war, aber immerhin ist ihm die Tanzaufführung zur Darstellung seiner Abschlussnote erspart geblieben.

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