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Die deutsche Torwartfrage : Das eigenartige Fernduell

Münchner Butt: Erstmals Meister Bild: dpa

Neuer, Wiese - oder gar Butt? Nach dem Ausfall von Adler hat Bundestrainer Löw plötzlich einen Dreikampf. Das zeigt: Die Nationalmannschaft hat ein Torwartproblem.

          Am Montag fand das Abschiedsspiel von Bernd Schneider statt, in Leverkusen kam zwei Tage nach Bundesligaschluss die deutsche Fußballfamilie zusammen, in der BayArena wurde in Erinnerungen geschwelgt. Über die großen Auftritte von Bernd Schneider, der seinen spielend leichten Teil zum Sommermärchen 2006 beigetragen hat und dessen All-Star-Team zu seinem Abschied Bayers Bundesliga-Mannschaft 6:5 besiegte, aber auch über das bittersüße Jahr von Bayer Leverkusen, die Saison 2002, als Leverkusen den Grundstein zu seinem mittlerweile rechtlich geschützten Titel „Vizekusen“ legte, jedoch die deutsche Meisterschaft verlor, das Endspiel der Champions League und des DFB-Pokals.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          All diese Erinnerungen haben sich mit einer hochaktuellen Personalie gemischt, und die Fußball-Festgesellschaft mit Nationalmannschaftskapitän Michael Ballack hat die Frage diskutiert, wie es nur möglich ist, dass Hans-Jörg Butt, die damalige Nummer eins von Bayer, dessen Karriere schon ohne Titel und mit einigen Verlustgefühlen zu enden schien, mit nun 35 Jahren nicht nur in den WM-Kader aufgestiegen ist, sondern sogar zur deutschen Nummer eins in Südafrika werden kann. Das ist eine schöne Sache für Butt, aber die Unentschiedenheit des Bundestrainers in dieser Frage machte auf ein Problem aufmerksam, von dem viele gar nicht ahnten, dass es nach dem Ausfall von René Adler tatsächlich existiert: ein Torwartproblem.

          Man muss nicht drum herum reden: Es gibt bisher keine Bilder, die Butt mit spektakulären Paraden in Verbindung bringen, die seine Klubs zu Titel und Triumphen geführt hätten. Er ist vielmehr bekannt geworden durch eine Fähigkeit, die man in Deutschland bis dahin von einem Torwart nicht kannte. Er schoss Tore. In der Saison 1999/2000 erzielte Butt beim Hamburger SV neun Treffer vom Elfmeterpunkt und war zusammen mit Yeboah und Präger bester Torschütze des Vereins.

          Bundestrainer Löw: Unentschieden

          Dass Leverkusen in seiner größten Saison 2002 nichts gewann, hängt aber auch mit Butt zusammen, mit dem Torjäger und dem Torwart. Drei Spieltage vor Saisonschluss verschoss der Torwart gegen Werder Bremen beim Stand von 1:1 einen Elfmeter, Leverkusen verlor 1:2. Mit einem Sieg wäre Bayer der Titel bei fünf Punkten Vorsprung kaum mehr zu nehmen gewesen.

          Butts aktive Karriere schien schon beendet

          Im Finale der Champions League gegen Real Madrid patzte Butt an seinem angestammten Arbeitsplatz im Tor. Nach der WM 2006 verlor er in Leverkusen seinen Stammplatz an den jungen René Adler, sein Wechsel zu Benfica Lissabon endete mit einem einzigen Einsatz, und als ihn die Bayern in der Vorsaison verpflichteten, sollte er als Nummer zwei seine Erfahrung an Michael Rensing weitergeben. Seine aktive Karriere schien schon beendet, aber als die Überforderung Rensings sichtbar wurde, nutzte Butt ganz unspektakulär seine letzte Chance.

          Auch in dieser Saison, in der Butt eine solide Rolle beim FC Bayern spielte und Rensing wiederum verdrängte, sind nur wenige außergewöhnliche Momente des Torwarts in Erinnerung geblieben. Elfmeter schießt er eigentlich nicht mehr - bis auf zwei Ausnahmen. Beim 4:1-Sieg in der Champions League bei Juventus Turin verwandelte er einen, beim 3:0 gegen Mainz vergab er einen. Wäre den Münchnern im Viertelfinale der Champions League gegen Manchester nach einem 0:3-Rückstand nicht mehr eine großartige Wende gelungen, dann wären auch Butts grober Fehler beim 0:1 und das Fehlen von rettenden Großtaten mit ganz anderem Blick diskutiert worden: warum sich der FC Bayern keinen international anerkannten Torhüter leistet.

          Plötzlich ein Dreikampf

          Die Parallelen von 2002 und 2010 von Butt, Bayer und Bayern sind unverkennbar: Diesmal haben die Münchner die Chance auf drei Titel (am Samstag durfte Butt erstmals die Meisterschale in Händen halten), und im Sog der spielerischen Extraklasse öffnet sich wiederum für den unscheinbaren Torwart das Tor zur Weltmeisterschaft - ein Hans im Glück. Aber ein gravierender Unterschied besteht: 2002 war das deutsche Tor für Butt durch den damaligen Titanen Oliver Kahn und seinen Dauerrivalen Jens Lehmann versperrt, jetzt ist es in Reichweite.

          Dass Bundestrainer Joachim Löw und Torwarttrainer Andreas Köpke den Torwart sozusagen von der Ehrenrunde seiner Karriere als Nummer drei hinter dem Schalker Manuel Neuer und dem Bremer Tim Wiese in Südafrika mit auf die lange Bank nehmen wollten, erschien nach dem Ausfall von René Adler am vergangenen Dienstag logisch. Aber dass Löw bei der Nominierung des vorläufigen WM-Kaders am Donnerstag plötzlich einen Dreikampf im Tor eröffnete - damit hatte kaum jemand gerechnet. „Wir werden uns in aller Ruhe unterhalten, wie es aussieht“, sagte der Bundestrainer auf die Frage nach der Rollenverteilung im Tor. „Jetzt ist dafür nicht der Zeitpunkt.“

          Kein Vertrauensbeweis für Neuer und Wiese

          Diese verblüffende Offenheit in der Torwartfrage kann man kaum als Vertrauensbeweis für Neuer und Wiese auffassen. Denn wer wüsste nicht, dass im deutschen Kader im Rückblick dieser Saison bestenfalls die Nummer drei bei der WM im Tor stehen wird, nach dem Suizid von Robert Enke im Herbst, der damaligen Nummer eins, und der Rippenverletzung seines Nachfolgers René Adler?

          Nun treten also drei Torhüter, die zusammen nur sieben Länderspiele bestritten haben, in einem eigenartigen Fernduell um die vakante Nummer eins gegeneinander an: in den beiden Trainingslagern in Südtirol und Sizilien, beim Länderspiel am Donnerstag gegen Malta (Neuer), beim Pokalfinale zwischen Bayern (Butt) und Werder (Wiese) am kommenden Samstag, im Champions-League-Finale (Butt) sowie eine Woche später bei der Testbegegnung in Ungarn und drei Tage vor dem Abflug zur WM gegen Bosnien-Hercegovina.

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