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Vor Duellen mit FC Bayern : Die beeindruckende Renaissance von Werder Bremen

  • -Aktualisiert am

Die Bremer haben frischen Schwung: Davy Klaassen will diesen gegen die Bayern nutzen. Bild: dpa

Noch ist nichts gewonnen für die Grün-Weißen, doch der Bundesligaklub erinnert wieder an bessere Zeiten. Das liegt vor allem an einer bestimmten Taktik. Nun stehen zwei schwere Spiele an – beide gegen den FC Bayern.

          Eine geschlenderte Dreiviertelstunde ist es vom Bahnhof zum Weserstadion. Zwei verlockende Routen bieten sich an: entlang der Weser oder durch das Ostertorviertel, dieser bunten Bremer Mischung aus Läden aller Art, Cafés, Imbissen, Restaurants. 3000 Zuschauer kommen zudem mit der Fähre über den Fluss zu den Heimspielen geschippert. Für Klaus Filbry ist der Weg zum Stadion schon ein gutes Stück Werder. Niemand muss mit Bus und Bahn raus auf die anonyme grüne Wiese. Er sagt: „Die Fans trinken ihr Bier im Viertel oder an den Buden vor dem Stadion. Sie unterhalten sich, fachsimpeln. Im Weserstadion bekommen sie dann ein in der Bundesliga einzigartiges Fußball-Erlebnis ohne große Stadionshow. Fußball pur.“ Filbry, 52 Jahre alt, ist der Vorsitzende der Geschäftsführung beim SVW. Das, was Werder Bremen aus seiner Sicht besonders macht, zählt er nüchtern auf. Nüchtern, aber selbstbewusst.

          Die Lage des Stadions begeistert die Verantwortlichen täglich aufs Neue. Hier in der Pauliner Marsch ist der Platz zwar begrenzt, doch Geschäftsstelle, Spielstätten und Trainingsplätze der Profis und des Nachwuchses liegen dicht beieinander. Das soll auch so bleiben, wenn es nach Hubertus Hess-Grunewald geht, Filbrys Kollegen in der Geschäftsführung. „Der Standort in der Pauliner Marsch ist für uns Identität“, sagt er. Es gibt gerade Diskussionen um ein neues Leistungszentrum. Werder will in der engen Pauliner Marsch wachsen. Die Anwohner finden das nicht alle gut. Es wird sicher ein langer partizipativer Prozess. Ein guter Teil der Verwurzelung Werders besteht darin, dass der Verein nahbar ist, sichtbar ist. Bei Werder sind sie zudem stolz darauf, dass alle Profis im Stadtgebiet leben: Wer die Augen offen hält, kann einen Kruse, Pizarro oder Eggestein beim Kaffeetrinken sehen.

          Wer sich mit den Verantwortlichen über die Besonderheiten dieses Traditionsvereins unterhält, merkt, wie wichtig ihnen Volksnähe ist. Der 58 Jahre alte Hess-Grunewald sagt: „Wir sind an vielen anderen Stellen tagtäglich präsent. In Kindergärten, Schulen oder mit unseren sozialen Projekten wie beispielsweise ,Spielraum‘. Diese feingliedrige Verankerung ist Teil unseres Selbstverständnisses.“ Und weiter: „Wir haben eine enge Verzahnung zwischen unserem Kerngeschäft Profi-Fußball und unserer sozialen Verantwortung.“ Die hauptamtliche CSR-Direktorin Anne-Kathrin Laufmann ist im Verein in allen Abteilungen beratend aktiv. Zur sozialen Verantwortung gehört für Hess-Grunewald, sich alle drei Monate mit dem Fanbeirat zusammenzusetzen und ihm zuzuhören – auch, wenn es mal anstrengend wird: „Ich pflege dort einen akzeptierenden Ansatz. Aber wir setzen uns auch kritisch auseinander. Verhaltensweisen, die wir nicht hinnehmen können, sprechen wir deutlich an.“

          Filbry bekommt als Präsidiumsmitglied der DFL mit, wie von außen auf Werder geschaut wird. Aktuell erleben die Grün-Weißen ihre sportliche Renaissance. Noch ist nichts gewonnen, aber der ansehnliche Fußball, den Trainer Florian Kohfeldt spielen lässt, erinnert an bessere Zeiten. In Sympathie- und Beliebtheitsmessungen ohnehin immer auf vorderen Rängen, kommt beim Werder-Jahrgang 2019 endlich wieder Positives aus dem Kerngeschäft hinzu. In der Liga auf Rang sechs, im Pokal unter den letzten vier – der mutige Kurs, den Sportchef Frank Baumann und Trainer Kohfeldt vor der Saison ausgegeben hatten, zahlt sich aus. Filbry sagt: „Wir erfahren ähnlich wie Gladbach eine Grundsympathie, weil wir trotz beschränkter finanzieller Mittel wieder erfolgreich sind.“ Der Teamgeist, der Werder durch die Rückrunde trägt, soll auch an diesem Samstag (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei Sky) in München fruchten und dann vier Tage später im Pokal-Halbfinale (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zum DFB-Pokal, in der ARD und bei Sky), wieder gegen die Bayern.

          Eine Zeitlang wollte man die Zuschreibung der „Werder-Familie“ nicht mehr hören. Baumanns Vorgänger Thomas Eichin konnte damit zwischen 2013 und 2016 wenig anfangen. Inzwischen haben sie sich darauf zurückbesonnen. Filbry sagt: „Es entwickelt sich gerade ein neues Selbstverständnis.“ Dazu gehört, Spieler mit einem Knick in der Karriere zu ködern. Filbry denkt an Max Kruse, Nuri Sahin, Davy Klaassen, Niklas Moisander. Dass die umworbenen Brüder Maximilian und Johannes Eggestein ihre Verträge verlängerten, könnte eine Signalwirkung nach innen haben: hier wächst etwas zusammen. Gut möglich, dass Kruse die Vorteile des Standorts addiert und noch zwei Jahre bleibt.

          Der Stadionname bleibt unveräußert, es gibt keine Suche nach Anteilseignern, Schulden werden woanders gemacht: Vieles bei Werder wirkt angenehm old-school. Ist hier Platz für alle Fußball-Romantiker? Filbry sagt: „Auch wir verfolgen finanzielle Interessen. Aber Traditionsvereine können an ihren Werten festhalten und sich weiterentwickeln, wie Eintracht Frankfurt zeigt.“ Natürlich leben die Bremer nicht im Fußball-Paradies. Das jüngste Urteil zur Beteiligung an den Polizeikosteneinsätzen hat sie getroffen. Nicht nur, was die Finanzen betrifft. SPD-Mitglied Hess-Grunewald hat sich über den Vorstoß des Parteigenossen Ulrich Mäurer (Innen- und Sportsenator) geärgert, der nun Werder auf die Füße fallen könnte: Ausgang offen. Grundsätzlich ist das Verhältnis ins Rathaus zu Bürgermeister Carsten Sieling aber wieder gut, nachdem es am Ende der Regentschaft Klaus-Dieter Fischers zerrüttet war. „Wir pflegen mittlerweile einen respektvollen und vertrauensvollen Umgang“, sagt Fischers Nachfolger Hess-Grunewald.

          Zum Traditionsverein SV Werder gehört eine erfolgreiche E-Games-Sparte. Neulich ist „Werder Esports“ deutscher Klubmeister in „Fifa“ geworden. Klaus Filbry hat einen Plan: „Wir verstehen eSport als Kommunikations-Instrument in Richtung einer jüngeren Zielgruppe und möchten der jüngsten Generation dadurch einen Zugang zu Werder bieten.“ Vielleicht gefällt ihnen das pure Fußballerlebnis im Weserstadion ja bald so gut wie Bildschirm-Fußball.

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