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VfL Wolfsburg : Die Angst vor dem VW-Kartell

Mit VW-breiter Brust: Bas Dost und der VfL Wolfsburg sind derzeit gut drauf Bild: AFP

Am Donnerstagabend spielt der VfL Wolfsburg in der Europa League gegen Sporting Lissabon (19 Uhr). Auftritte in der internationalen Zweitklassigkeit dürften zukünftig nicht mehr eingeplant sein beim Geldgeber VW. Der Automobilkonzern geht in die große Fußball-Offensive.

          Wenn es um die gigantischen Investitionen in den Fußball geht, halten sich die Bosse beim Volkswagen-Konzern normalerweise bedeckt. Sie lassen die Dominanz für sich sprechen. Wie mit der Gießkanne werden über vielen Vereinen der Bundesliga die Millionen ausgeschüttet, auch der Deutsche Fußball-Bund wird beim Pokalwettbewerb mit Sponsorengeld bedacht. Das riesige Marketingsystem aus Beteiligungen, Werbepartnerschaften und gezielter Patronage weckt schon länger den Argwohn der Kritiker. Nach dem Wintertransfer von André Schürrle zum Werksklub nach Wolfsburg fühlten sich diese bestätigt und haderten mit der ungeheuren Finanzgewalt des Konzerns. Und schon war sie wieder da - die Diskussion um den ungeliebten Retortenfußball und das drohende VW-Kartell in der Bundesliga.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der zweitgrößte Automobilhersteller der Welt und mit Abstand umsatzstärkste Konzern Deutschlands fühlt sich durch die Dauerdebatte immer mehr herausgefordert und sieht seine breitangelegte Fußball-Strategie jetzt auch noch durch einen Vorstoß der Liga gefährdet. „Die Bundesliga ist für Volkswagen sehr wichtig. Wir fühlen uns hier zu Hause. Der Erfolg gibt uns recht“, sagt Stephan Grühsem gegenüber dieser Zeitung. Er ist Generalbevollmächtigter der Volkswagen AG, Leiter der Kommunikation, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender beim VfL Wolfsburg und rechte Hand des Konzernchefs Martin Winterkorn.

          VW-Lobbyist wehrt sich gegen Anfeindung

          „Der Fußball in Deutschland sollte sich einige Fragen mal ehrlich beantworten. Die Erwartungshaltung der Fans ist doch zu Recht sehr groß: Jedes Wochenende sollen spannende, hochkarätige Spiele stattfinden, Titel müssen her, wir wollen Weltmeister werden und international ganz vorne sein. Das geht aber nur, wenn investiert wird. Spitzenfußball kostet Geld“, sagt Grühsem, dessen VfL Wolfsburg am Donnerstagabend (19 Uhr/ live in Kabel 1 und F.A.Z.-Liveticker) in der ersten K.o.-Runde der Europa League gegen Sporting Lissabon spielt. Und er legt noch nach: „Die Fußballfans in Deutschland sollten mal einen realen Blick bekommen und sich nicht durch fadenscheinige Argumente wie Preistreiberei oder fehlende Tradition täuschen lassen.“

          Der Cheflobbyist des VW-Konzerns flog in dieser Woche aus der Autostadt auch zum wichtigsten Sportbusiness-Branchentreff nach Düsseldorf, um die Sicht des Unternehmens auf das Big Business Fußball zu vermitteln. Er könne die Anfeindungen nicht mehr hören, adressierte Grühsem an die Kritiker. Da sei in der Diskussion einiges aus dem Lot geraten. Der Fußball brauche Investments, das sei so sicher wie das Amen in der Kirche. Einen Tag später schlug der Geschäftsführer des angeschlagenen Bundesliga-Dinos Borussia Dortmund zurück und nahm den VW-Verein Wolfsburg wieder ins Visier. „Das ist ein Klub, der scheinbar über unendliche Ressourcen verfügt. Wenn VW das richtig ernst nimmt, werden alle Grenzen gesprengt“, monierte Hans-Joachim Watzke. Auch der BVB soll am 30-Millionen-Mann Schürrle interessiert gewesen sein.

          Geld macht es möglich: André Schürrle kam für mehr als 30 Millionen Euro

          Hinter den Kulissen der Liga-Organisation wird schon länger über Einflüsse von außen und neue Machtverhältnisse beraten. Der Volkswagen-Konzern sponsert mit seinen unterschiedlichen Automarken inzwischen 16 Vereine in der ersten und zweiten Bundesliga. Die Zielrichtung ist unterschiedlich: Mal geht es um globale Premiumwerbung à la FC Bayern und Audi, dann aber auch um lokale Vertriebsmaßnahmen oder die Verbundenheit zum eigenen Stammsitz mit massivem Standortmarketing wie in Wolfsburg. In der VW-Fabrik dort arbeiten 60.000 Menschen.

          Der VfL, in den VW pro Jahr 95 Millionen Euro pumpt, gehört zum größten Freizeitprogramm in der Autostadt. Der multiple Einsatz zeigt Wirkung. Laut einer aktuellen Erhebung des Marktforschungsinstituts Repucom in Köln, welche die Bekanntheit von Sponsoren aus der Automobilbranche unter Fußballinteressierten im Lande abfragte, liegen drei Volkswagen-Marken unter den Top fünf. Am meisten wurde VW genannt, hinter Mercedes-Benz kommt Audi und nach Opel die Marke Seat.

          Die DFL prüft Mehrfachbeteiligungen

          Der eigentliche Regulierungsbedarf der Liga gilt aber nicht dem Sponsoring, sondern Mehrfachbeteiligungen an Vereinen. Im Fall von VW nutzt das Unternehmen diese vor allem, um Konkurrenten aus der Automobilindustrie an den jeweiligen Fußball-Standorten als potentielle Sponsoren abzuwehren. Zu 100 Prozent gehört dem Konzern mit einer Sondergenehmigung der VfL Wolfsburg, über Audi ist man zu 8,33 Prozent in der AG des Münchner Rekordmeisters drin. Und stiege der FC Ingolstadt auf, würde nächste Saison ein weiterer Volkswagen-Klub in der Bundesliga spielen. Hier hält wiederum die Audi-Tochter Quattro GmbH 19,94 Prozent der Anteile. Dazu gibt es Spekulationen über weitere VW-Anteilskäufe - zum Beispiel bei Werder Bremen.

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