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50+1 und Investorensuche : „Das kotzt mich an“

  • -Aktualisiert am

Klare Haltung: Fans des Hamburger SV lassen ihre Meinung zu einem möglichen Einstieg von Investoren in den Fußball zum Ausdruck kommen. Bild: Huebner

Während die DFL den Verkauf von Medienrechten an einen Investor vorbereitet, erhitzt die 50+1-Regel weiter die Gemüter. Der Kampf um die Zukunft des deutschen Profifußballs ist intensiv.

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          Irgendwann brach der Ärger aus Fernando Carro heraus. „Das kotzt mich an“, zürnte der Geschäftsführer von Bayer Leverkusen beim Sportbusinesskongresses SPOBIS, der in dieser Wo­che in Düsseldorf stattfindet, als es in einer Gesprächsrunde mit seinen Kollegen Carsten Cramer (Borussia Dortmund) und Oliver Mintzlaff (RB Leipzig) um die Frage nach der richtigen Haltung des deutschen Fußballs gegenüber Investoren ging.

          Derzeit arbeitet die Deutsche Fußball Liga (DFL) bekanntlich daran, rund ein Viertel der Anteile der Medienrechte an der internationalen Vermarktung an einen Investor zu verkaufen, aber Carro will mehr: Der Spanier, der lange im Vorstand der Bertelsmann AG saß, hofft, dass die 50+1 Regel kippt, und erhob den Vorwurf, dass die Branche hier ein „Tabu“ entwickelt habe. Wenn die Vereine bereit seien, Teile der internationalen Vermarktungsrechte an ei­nen Investor zu verkaufen, „dann lasst uns doch mal offen über 50+1“ diskutieren, rief er. Die Verweigerung so einer Diskussion sei „populistisch“.

          Journalisten von “ganz links“

          Das war seltsam, denn die Regel existiert seit mehr als 20 Jahren, seither werden in Wellen permanent Argumente ausgetauscht, in der Öffentlichkeit, unter Fans, Funktionären und innerhalb der DFL, wo auch schon in Abstimmungen für den Er­halt der Regel gestimmt wurde. Irgendwann versuchte Mintzlaff seinen wütenden Kollegen zu beruhigen, „das wird alles aufgenommen hier“, sagte der RB-Funktionär, aber Carro ließ sich nicht bremsen. Auch „die Journalisten, viele davon nur ganz links, linksorientiert“, die sich dieser De­batte verweigern, seien verantwortlich für den Stillstand.

          Diese eher emotionale als sachliche Einlage war ein massiver Kontrast zum Auftritt von Donata Hopfen, die in ihrem 30-minütigen Talk zuvor jedes Wort mit maximaler Vorsicht abgewogen hatte, wohlwissend wie emotional mitunter auf das Investorenthema reagiert wird. Um die 50+1-Regel, die verhindert, dass Geldgeber Stimmmehrheiten an Klubs übernehmen, geht es derzeit ohnehin erst in zweiter Li­nie.

          Die DFL verhandelt mit acht Unternehmen, die sich vorstellen können, Anteile an den internationalen Vermarktungsrechten der gesamten Liga zu erwerben, was ohne neue Regeln möglich ist. Konkret sollen sieben Private-Equity-Gesellschaften sowie der Kabelnetzbetreiber Liberty Media Interesse bekundet haben. Die Deutsche Bank hat den Auftrag erhalten, an der Schnittstelle zwischen diesen potentiellen Investoren und der DFL zu vermitteln.

          „Vierter Schritt vor dem erstem“

          Hopfen, die demnächst in Regionalkonferenzen mit den Klubs Details be­kannt machen möchte, sagte jedoch nur: „Das, was man aktuell in den Medien liest, ist ehrlich gesagt der vierte Schritt vor dem ersten. Wir haben eine Arbeitsgruppe ge­gründet, in der wir Optionen bewerten.“ Das ist schon lange bekannt, aber offenkundig ist die Funktionärin, die am 1. Januar die Position von Christian Seifert an der Spitze des Ligaverbandes übernommen hat, extrem vorsichtig in ihrer Kommunikation geworden.

          In ihren ersten Monaten waren ihr Fehler unterlaufen, die darin gipfelten, dass sie eine Vergabe des Supercup-Spiels nach Saudi-Arabien explizit nicht ausschloss. Auf dem Düsseldorfer Kongress musste sie sich nun in einem besonders schwierigen Umfeld auf der Hauptbühne von Europas größtem Sportbusiness-Kongress zurechtfinden.

          Vor ihr war ihr Vorgänger Seifert dran, der seine im Springer-Verlag beheimatete Abspielplattform „Dyn“ vorstellte, auf der ab dem kommenden Sommer hochklassiger Sport wie die Handball-Bundesliga ge­streamt werden kann. Seine Nachfolgerin arbeite unter erheblich schwierigeren Be­dingungen, sagte Seifert, weil „die Anzahl von Medienunternehmen, die bereit ist, dreistellige Millionenverluste zu akzeptieren, um in einen Sportmarkt zu kommen, kleiner wird“.

          „Ohne Investitionen geht es nicht“

          Nach Hopfen betrat der Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing das Podium, der so offen über seine Mitarbeit an dem Investorenprojekt der DFL sprach, dass mancher Beobachter sich schon fragte, warum die DFL-Geschäftsführerin sich derart bedeckt hält.

          „Wir beraten schon die Liga im Sinne der Investorensuche, wir sind in der Interimsstelle und kennen den Markt. Zum Beispiel gibt es andere Ligen, wo die deutsche Bank geholfen hat“, sagte Sewing, der sich sicher ist, dass die 36 Vereine der ersten und zweiten Liga schon bald einen passenden Partner vorgestellt bekommen: „Oh­ne Wachstum und Investitionen geht es nicht, und Investitionen bedeuten im­mer, dass ich Kapital brauche.“

          Schließlich diskutierten dann Carro, Mintzlaff und Cramer darüber, wie sich die Einnahmen aus der internationalen Vermarktung steigern lassen, weil die Liga an dieser Stelle vergleichsweise erfolglos ist. Cramer forderte mehr Reisen von Klubs, um in Asien oder Südamerika Interesse zu wecken, und Mintzlaff regte an, dass die­jenigen, die sich nicht durch solche Akti­vitäten „einbringen, die partizipieren dann deutlich weniger oder gar nicht“, an den Einnahmen aus dem Auslandsgeschäft be­teiligt werden.

          In jedem Fall wird interessant, ob die Klubs die Vorschläge am Ende tatsächlich so begeistert durchwinken, wie die Befürworter des Investorenprojektes be­haupten. Denn die Frage, welche der 36 Gesellschafter der Deutschen Fußball Liga so ein Geschäft überhaupt gut finden, ist im Gegensatz zu den Positionen in der 50+1-Frage tatsächlich nie ausführlich diskutiert worden.

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