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Bundesliga : Auf der Suche nach Leuchttürmen

Rühmliche Ausnahme: Nur Bayern München und Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge Rummenigge nimmt DFL-Chef Christian Seifert (rechts) vom Rundumschlag aus Bild: Reuters

Die Bundesliga zweifelt an sich selbst: Die Diskussion um Qualität und Zukunft des deutschen Klubfußballs nimmt an Schärfe zu. Investoren könnten die verlockende Lösung der Probleme sein.

          Die stärkste Liga der Welt. Gelegentlich berauscht sich mancher in der Bundesliga immer noch an diesem schönen Satz, der höchstens einmal vor etwa vier Jahrzehnten Gültigkeit besaß, als deutsche Vereine europäische Klubwettbewerbe dominierten. Seither ist zwar die Bundesliga hinter der englischen Premier League zur wirtschaftlich zweitlukrativsten Fußballliga erwachsen, doch mit Ausnahme des FC Bayern sieht es nicht so gut aus mit den sportlichen Erfolgen gegen die europäische Konkurrenz. Neben den Münchnern zeigte sich zuletzt nur Borussia Dortmund noch wettbewerbsfähig. Das war`s. Als Debakel kann freilich die laufende Saison betrachtet werden, in der deutsche Vereine reihenweise international abschmierten.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Entsprechend besorgt scheint der Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Christian Seifert hat die Verantwortlichen der Bundesligavereine nun so scharf wie noch nie kritisiert, die Leistungsqualität der meisten Klubs im internationalen Kontext in Frage gestellt und das vergangene Jahr als eines der „verpassten Chancen“ bezeichnet. „Wer heute glaubt, den Status quo verwalten zu können, wird mittelfristig scheitern. Wer sich mit Durchschnitt zufriedengibt, wird die Menschen nicht halten. Er wird sie verlieren“, sagte Seifert zum Neujahrsempfang der Liga am Dienstag in Frankfurt.

          In den internationalen Wettbewerben sei der Beweis verpasst worden, dass die Bundesliga zu den stärksten Ligen der Welt gehöre. Zudem habe keine Analyse stattgefunden, woran die Schwäche liegen könne, bemängelte der DFL-Chef. Auch hätten die Klubs sich bisher einer ehrlichen Debatte verschlossen, ihren Fans die Zusammenhänge des Fußballgeschäfts zu erklären. „Wenn wir wettbewerbsfähig sein wollen, müssen wir uns zu einem gewissen Maß zum Kommerz bekennen. Sich waschen, ohne nass werden zu wollen, ist zwar eine deutsche Spezialdisziplin. Sie funktioniert aber nicht einmal mehr im Fußball.“

          Seifert nahm damit Bezug auf die umstrittene 50+1-Regel, nach der sich Investoren bislang in Deutschland nicht mit Anteils- und Stimmenmehrheit an den Mitgliedervereinen beteiligen dürfen. Man müsse darüber sprechen, ob es zwischen Radikalpositionen eben doch Wege gebe, bei denen demokratische Teilhabe, soziales Miteinander in Klubs und Mitbestimmung gesichert seien und dennoch Investorenrechte eingeräumt werden könnten, die ansonsten auf trickreichen juristischen Wegen oder schlimmstenfalls in Hinterzimmern doch zustande kämen. „Niemand will einen komplett freien Markt, in dem sich Investoren austoben und bedienen. Populistische Phrasen und die Ignorierung juristischer Risiken sind aber auch keine zukunftsfähige Lösung“, sagte Seifert.

          Das ist starker Tobak für viele Klubmanager, welche die hohe gesellschaftliche Bedeutung des Fußballs gerne auf sich persönlich projizieren. In Frankfurt duckten sich die meisten von ihnen allerdings weg vor der Frage, was sie denn von der Fundamentalkritik des DFL-Geschäftsführers hielten. „Negatives Gerede“, winkte ein Vertreter ab. Der Vorstandschef des FC Bayern, Karl-Heinz Rummenigge, begrüßte gegenüber dieser Zeitung einerseits die offenen Worte Seiferts, aber schloss bei seiner Forderung nach „mehr innovativem Denken und Mut mit der 50+1-Regel“ die Liga-Organisation mit ein. Der Sportvorstand von Schalke 04, Christian Heidel, wies darauf hin, dass alle Klubverantwortlichen in der täglichen Arbeit doch ihr Bestes geben würden. „Ich tue mich schwer damit, jetzt die Krise des deutschen Fußballs auszurufen.“

          Auch Löw nennt Defizite

          Zuletzt hatten jedoch Bundestrainer Joachim Löw sowie die ehemaligen Sportdirektoren des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Matthias Sammer und Hans-Dieter Flick, ebenfalls Defizite der Bundesliga auf sportlichem Feld benannt. Von vier gestarteten Mannschaften in dieser Saison sind nur die Bayern noch in der Champions League. Auch in der Europa League ist das Abschneiden so durchwachsen, dass nur noch Borussia Dortmund und RB Leipzig (als Gescheiterte aus der Champions League) die Bundesliga im Sechzehntelfinale vertreten. So unterstützte Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff den DFL-Chef am Dienstag in Frankfurt: „Ich kann ihm nur zustimmen.“

          Auch die Marktwerte der Bundesligaspieler sind insgesamt dürftig. Nach Angaben des CIES Football Observatory tauchen derzeit nur sechs Bundesligaprofis (Lewandowski, Werner, Pulisic, Süle, Aubameyang, Kimmich) in der Top-100-Liste der höchsten Transferwerte auf. Die Ligen in England, Spanien und Italien marschieren vorweg. Seifert gab das Beispiel, dass zum Auftaktspiel der deutschen Nationalmannschaft im WM-Turnier 2010 elf Spieler aus der Bundesliga auf dem Feld gestanden hätten. Im WM-Finale 2014 seien es neun und in der Startelf zum Länderspiel gegen Frankreich im vergangenen November dann nur noch vier Spieler gewesen. Seifert führte an, dass die Bundesliga in Zukunft nur dann wettbewerbsfähig sei, wenn es dauerhaft eine intakte Spitze mehrerer Klubs gebe, die europaweit mithalten könnten: „Wir brauchen Leuchttürme.“

          Im Hinblick auf die Bewerbung für die Europameisterschaft 2024 sicherte Ligapräsident Reinhard Rauball dem DFB die Unterstützung zu. Aber er warnte auch, dass die Türkei ein respektabler Mitbewerber sei. „Das ist kein Selbstläufer.“ Im September fällt der europäische Verband die Entscheidung.

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