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DFB-Trainer in der Bundesliga : Die gescheiterten Fußball-Beamten

  • -Aktualisiert am

Heiko Herrlich: Aufsteiger kämpft gegen den Abstieg Bild: dpa

Viele Trainer, die vom Verband zu einem Klub wechselten, sind in der Bundesliga gescheitert. Die Liste der Gestrandeten ist lang und enthält bekannte Namen. Jetzt versucht es Heiko Herrlich beim VfL Bochum - diesen Sonntag zu Gast in Frankfurt.

          Heiko Herrlich ist aufgestiegen, obwohl er ab sofort gegen den Abstieg kämpft. Der 37 Jahre alte Trainer kommt vom Deutschen Fußball-Bund (DFB), wo er den Aufschwung der Juniorenmannschaften mitgestaltet hat, die neuerdings wieder Titel gewinnen. In Bochum geht es nicht um Titel. Dennoch empfindet der frühere U-19-Trainer den Wechsel aus dem Schoß des Verbandes in die untere Mittelschicht der ersten Liga als Karriereschritt. „Nach einer Laufbahn als Profi warten die Vereine nicht auf dich“, sagt Herrlich. „Ich bin total stolz darauf, einen der achtzehn Cheftrainerposten in der Bundesliga bekommen zu haben. Und ich freue mich, dass ein Verein den Mut besitzt, mir diese Chance zu geben.“

          Mut? Das klingt so, als wäre es ein Risiko, einen Trainer zu verpflichten, der vom DFB kommt. Ist es auch. Viele Trainer, die vom Verband zu einem Klub wechselten, sind in der Bundesliga gescheitert; die meisten von ihnen bekamen nicht einmal eine zweite Chance in der ersten Klasse. Herrlich beschäftigt sich nicht damit, woran das liegt. „Ich kann nicht beurteilen, warum sie den Sprung vom Verband in die Liga nicht geschafft haben.“ Die Liste der Gestrandeten ist lang und enthält bekannte Namen.

          Den Anfang machte vor drei Jahrzehnten Karl-Heinz Heddergott, der glaubte, aus dem zu jener Zeit beamtenähnlichen Dasein beim DFB heraus einen vielbeachteten Traditionsklub übernehmen zu sollen - als Nachfolger von Hennes Weisweiler! Der 1. FC Köln beendete das Experiment mit dem „Meister der Lehre“ nach sechs Monaten. Heddergott folgten, mit einigem Abstand, aber ähnlich erfolglos Holger Osieck und Berti Vogts. Osieck, beim Gewinn des Weltmeistertitels 1990 als Beckenbauers Assistent und als „kleiner Kaiser“ bekannt geworden, versuchte sich in Bochum, scheiterte dort und war seither als Bundesligatrainer „verbrannt“.

          Berti Vogts: ohne Überblick als Oberlehrer bei Bayer Leverkusen

          Kohler und Eilts sprangen in das falsche Becken

          Von Erich Rutemöller, beim DFB mit verschiedenen Aufgaben betraut, bleibt im Vereinsfußball letztlich nur ein Satz im Gedächtnis, den er als Trainer des 1. FC Köln ausgesprochen hat: „Mach et, Otze!“ Das war die scheinbar clevere Aufforderung an den damaligen FC-Profi Frank Ordenewitz, im Pokalhalbfinale gegen Duisburg durch Wegschlagen des Balles einen Platzverweis zu provozieren. Die Sperre wegen der Roten Karte hätte der Spieler zur damaligen Zeit in der Bundesliga verbüßen können, während die Gelbe Karte, die Ordenewitz in der Partie erhalten hatte, ihn im Pokalendspiel getroffen hätte. Weil Rutemöller den Trick zugab, wurde Ordenewitz am Ende wegen „unsportlichen Verhaltens“ doch für das Finale gesperrt.

          Vogts, der als Bundestrainer 1996 Europameister wurde, ist als Fußball-Oberlehrer von Bayer Leverkusen, wenn überhaupt, dadurch in Erinnerung geblieben, dass er Teile des Spiels von der Tribüne aus beobachtete, ohne von dort aus die Bundesliga besser zu überblicken - und ohne bei seiner einzigen Trainerstation in der Liga der Entlassung zu entgehen. Auch Spieler aus der Weltmeistermannschaft von 1990 fanden als Trainer beim DFB ein Betätigungsfeld. Jürgen Kohler trainierte die U 21, ebenso Dieter Eilts. Beide glaubten die Verbandsarbeit als Sprungbrett nutzen zu können, sprangen aber ins falsche Becken. Kohler zeigte sich in Duisburg überfordert, Eilts in Rostock. Nicht einmal Jürgen Klinsmann, der Regisseur und Hauptdarsteller des deutschen Sommermärchens bei der WM 2006, vermochte, bei allem Fortschrittsdenken, im Verein an den Erfolg anzuknüpfen. Er wurde nach einem Dreivierteljahr mit großem finanziellen Aufwand entlassen.

          Der „Beckenbauer der DDR“ wurde bei Werder ausprobiert

          Kohler, ein Mann mit mehr als hundert Länderspielen, ist dem Fußball trotz seiner missratenen Trainerkarriere erhalten geblieben - er beantragte einen Spielerpass, um bei Bedarf bei Alemannia Adendorf, einem Kreisligaverein in der Nähe von Bonn, aushelfen zu können. Auch Hans-Jürgen Dörner, einst als „Beckenbauer der DDR“ gerühmt, gab die Verbandsarbeit auf, um nach der deutschen Vereinigung in die Bundesliga zu gehen. Bei Werder Bremen, als einer der Nachfolger Otto Rehhagels ausprobiert, vermochte er sich nicht durchzusetzen. Inzwischen trainiert Dörner den sächsischen Landesligaklub Radebeuler BC 08.

          Trotz all der warnenden Beispiele fühlt Heiko Herrlich sich der Herausforderung Bochum gewachsen. Er kommt mit viel Mut zum VfL - und mit einem Konzept, das auch die Nachwuchsarbeit einschließt, die für die Bochumer Bundesligamannschaft in den vergangenen Jahren kaum Früchte trug. Einem belesenen Mann wie Herrlich glaubt man sogar, wenn er im Zusammenhang mit dem trivialen Thema Fußball von „Philosophie“ spricht, also einen Ausdruck benutzt, den der frühere DFB-Teamchef Rudi Völler auf die Liste der Unwörter des Fußballs gesetzt hat. Dennoch dürfte es nicht leicht werden für Herrlich. „Trainer, die vom DFB kommen, werden vom Tagesgeschäft schnell aufgefressen“, sagt Michael Skibbe, einst Rudi Völlers Assistent bei der Nationalelf.

          Herrlichs Hoffnung: „Ich war ja nur zweieinhalb Jahre beim DFB“

          Der Cheftrainer von Eintracht Frankfurt gehört zu den Wenigen, denen die Karriere nach der Verbandskarriere gelungen ist, allerdings unter günstigen Vorzeichen. Skibbe hatte vorher schon Borussia Dortmund trainiert. „Ich wusste, was mich erwartet, ich hatte alles ja schon einmal durchgemacht und deshalb kein Neuland betreten, als ich in Leverkusen anfing“, sagt er. „Die tägliche Trainingsarbeit, die tägliche Medienarbeit, das ist für die meisten etwas völlig anderes. Man hat einen ganz anderen Handlungsraum und eine völlig andere Arbeitsweise.

          Auch für Heiko Herrlich ist es natürlich eine Umstellung, aber er hat ja immerhin schon als A-Jugend-Trainer bei Borussia Dortmund gearbeitet.“ Herrlich lässt sich durch die Liste der Gescheiterten nicht beeindrucken. „Ich war ja nur zweieinhalb Jahre beim DFB“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

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