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DFB-Pokal: Bayer gegen Bayern : „Supertalent“ Kroos am Scheidepunkt

  • -Aktualisiert am

Neuer Anlauf bei Bayer: Toni Kroos hat bislang aus seinen Möglichkeiten zu wenig gemacht Bild: dpa

Er galt als hoffnungsvollstes Fußballtalent - nun ist Toni Kroos ein Problemfall. Leverkusen Trainer Labbadia will ihn behutsam wieder aufbauen. Daher wird Leihgabe Kroos gegen „seine“ Bayern am Mittwoch nicht in der Startelf stehen.

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          Vor nicht einmal zwei Jahren galt er als das größte Talent des internationalen Fußballs. Bei der Weltmeisterschaft der U-17-Junioren wurde Toni Kroos zum besten Spieler des Turniers gewählt. Nachwuchsstar Bojan Krkic vom FC Barcelona landete lediglich auf Rang drei. Mittlerweile aber wird Kroos beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) als Problemfall angesehen. Er dient als Beispiel für die Mahnungen von DFB-Sportdirektor Matthias Sammer, dass aussichtsreiche Karrieren früh gestört oder ganz gestoppt werden können.

          Als Kroos beim FC Bayern München nach verheißungsvollem Profi-Start keine Rolle mehr spielte, wechselte er Ende Januar überraschend zu Bayer Leverkusen. An diesem Mittwoch trifft Toni Kroos nun im Viertelfinale des DFB-Pokals in Düsseldorf auf die ehemaligen Kollegen (20.30 Uhr / Live in der ARD, bei Premiere und im FAZ.NET-DFB-Pokal-Liveticker).

          „Bei Toni ging es nach unten, bei Krkic nach oben“

          Nach der Einschätzung von Trainern, die ihn begleiteten, steht Kroos an einem Scheidepunkt. Hermann Gerland, Trainer des Bayern-Regionalligateams, stellte ihm vor vier Wochen ein zweifelhaftes Zeugnis aus. „Er hat unglaubliche fußballerische Qualitäten. Aber er muss sie mit Leistungsbereitschaft paaren. Das hat er viel zu wenig gemacht“, sagte Gerland. Bernd Stöber, der dem DFB seit 19 Jahren als Juniorentrainer und Trainerausbilder dient, präsentiert eine ähnliche Prognose.

          Neue Heimat Leverkusen: Kroos kam im Winter neben Angelos Charisteas und Gabor Kiraly (l.)
          Neue Heimat Leverkusen: Kroos kam im Winter neben Angelos Charisteas und Gabor Kiraly (l.) : Bild: dpa

          „Toni muss sich ganz neu aufbauen. Bei ihm ging es nach der Junioren-WM nach unten, bei Krkic verlief die Kurve nach oben“, sagt Stöber. Die Leverkusener griffen dennoch zu, als Uli Hoeneß kurz vor dem Ende der letzten Transferphase den jungen Mann offerierte. „Das Sahneteilchen ist uns auf dem Silbertablett serviert worden. Wir mussten zuschlagen“, sagte Bayer-Manager Michael Reschke.

          „Unsere junge Mannschaft muss sich entwickeln“

          Ob der FC Bayern die falsche Wahl der Familie Kroos war, ist nicht abschließend zu beurteilen. Die aufgetretenen Bedenken an seinem Leistungswillen könnte der Neunzehnjährige selbst zerstreuen, wenn er einen Stammplatz im Bayer-Team erkämpft. Nach einem längeren Aufbautraining wegen einer Knöchelverletzung gab der gebürtige Greifswalder am Samstag beim 0:1 in Hannover sein Debüt für Leverkusen (siehe auch: 1:0 gegen Leverkusen: Hecking und Hannover können durchatmen). Dass Bruno Labbadia dem Mittelfeldspieler gegen die Bayern eine längere Einsatzzeit als zwölf Minuten gönnt, ist durchaus möglich. Der Bayer-Trainer will sein „Supertalent“ jedoch behutsam aufbauen.

          „Von Beginn an ist Toni noch keine Option“, sagt Labbadia. Anderseits benötigt sein Team einen neuen Impuls. Dass es in eine Krise geraten ist, weist Labbadia zurück, obwohl Bayer seit der Tabellenführung am 15. November nur zwei von neun Bundesligapartien gewann. „Unsere junge Mannschaft muss sich entwickeln, sie befindet sich im Lernprozess“, wiederholt Labbadia ständig. In eine junge Mannschaft einen jungen Mann zu integrieren, der zwar versehen mit größtem Talent nach seinem Selbstverständnis fahndet, scheint schwierig. Aber im Gegensatz zum Chilenen Arturo Vidal strahlt Kroos im Idealfall erhebliche Torgefahr aus.

          Bayers schöngeistiger Fußball wirkt unflexibel

          „Ich wollte nach Leverkusen wegen des Fußballs, der hier gespielt wird“, begründete Kroos seinen Wechsel. Seit dem Rückrundenbeginn fragen sich aber nicht nur kritische Beobachter: Welchen Fußball spielt Leverkusen eigentlich? In der Hinrunde wurde es als wesentliche Leistung Labbadias angesehen, dass die Mannschaft eine Balance zwischen Offensive und Defensive gefunden hatte. Dieser Fortschritt beim klugen Auspendeln von Angriffs- und Abwehraktionen ist ebenso verschwunden wie die kühle Professionalität, die aktuell der VfL Wolfsburg besonders effektiv demonstriert.

          Bayers schöngeistiger Fußball wirkt unflexibel, im stetig gleichen Rhythmus geht es nach vorne. Das führt nicht immer zu grandiosen Auftritten wie beim 4:1 in Hoffenheim. „Unsaubere Technik“ bemängelte Labbadia nach dem 0:1 in Hannover, als unpräzise Aktionen den Gegner stark machten. Leverkusen bot nicht schnellen, sondern hektischen Fußball. René Adler kritisierte den Auftritt in deutlichen Worten, wofür er sich von Sportdirektor Rudi Völler einen extrastarken Rüffel einhandelte.

          Nur vier der 15 möglichen Punkte in der Rückrunde

          Der Nationaltorwart hatte den Fehler gemacht, das Wort „Phlegma“ bei der Charakterisierung seiner Mannschaft fallenzulassen. Er sprach damit den Mangel an, spielerische Probleme mit Kampfeswillen auszugleichen. Dazu kommt das Phänomen, dass in dem Werksverein Enttäuschungen lockerer hingenommen werden als in anderen Klubs. Das will Völler nicht wahrhaben, aber er sagte schon, dem aktuellen Team fehlten „die Drecksäcke“.

          Auf dem Platz mögen die Bayer-Profis zu zahm sein, intern aber regt sich leiser Widerstand gegen das strenge Regiment des Trainers. Vielleicht ist der FC Bayern der passende Gegner, um die Debatten zu beenden - das Team hat wie Leverkusen nur vier der 15 möglichen Punkte in der Rückrunde geholt.

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