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Krawall in Dortmund gegen RB : „Brutale Szenen lassen den Atem stocken“

  • Aktualisiert am

Neben geschmacklosen Spruchbändern gab es auch körperliche Gewalt. Bild: Picture-Alliance

Nach der Randale in Dortmund gegen Leipzig-Fans fordert DFB-Präsident Grindel einen „Aufstand der Anständigen“. Die Reaktionen aus Politik und Sport fallen drastisch aus. Dabei gibt es auch schwere Vorwürfe gegen den BVB.

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          DFB-Präsident Reinhard Grindel will nach den Vorfällen beim Bundesliga-Spiel von Borussia Dortmund gegen RB Leipzig nicht zur Tagesordnung übergehen. Dies betonte der Spitzenfunktionär in einer Stellungnahme vom Montag. „Angesichts der gewalttätigen Ausschreitungen und massiven Gefährdung von Familien und Kindern außerhalb des Stadions sowie der menschenverachtenden Transparente auf der Tribüne dürfen wir nach der ersten Empörungsrhetorik nicht zur Tagesordnung übergehen“, sagte Grindel.

          „Wichtig ist jetzt vielmehr eine grundlegende Debatte, an deren Ende eine gemeinsame Linie gegen jede Form physischer und psychischer Gewalt stehen muss“, sagte Grindel. Man brauche einen „Aufstand der Anständigen in den Kurven, klare Distanzierungen von Gewalt.“ Und man benötige Staatsanwaltschaften, die Täter konsequent verfolgen und dafür sorgen, dass sie schnell und tatangemessen verurteilt würden.

          Umfangreiche Ermittlungen sind bereits angelaufen. Die Auswertung von Film-, Video- und Beweismaterial soll helfen, die Übeltäter zu identifizieren. Zudem rief die Polizei Zeugen zur Mitarbeit auf. Nach bisherigen Erkenntnissen gab es zehn Verletzte, davon sechs Gästefans und vier Polizisten. Bereits am Samstagabend waren elf mutmaßliche Straftäter aus der Ultraszene des BVB und ein Leipziger vorläufig festgenommen worden.

          Die Männer sind nach dem Abschluss polizeilicher Maßnahmen inzwischen wieder auf freiem Fuß, sagte eine Sprecherin der Polizei am Montag. Nicht nur gegen die Chaoten, die Leipziger Fans vor dem Stadion attackierten und mit Steinen, Flaschen und Dosen bewarfen, wird ermittelt. Zudem reagiert die Polizei auf die zahlreichen Spruchbänder auf der Südtribüne mit diffamierendem Inhalt und geht dem Anfangsverdacht von Straftaten wie Beleidigungen nach.

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          Der Revierklub muss für die Geschehnisse im Stadion mit Sanktionen durch den Deutschen Fußball-Bund rechnen. Schließlich war er bereits nach den Pyro-Vorfällen beim vergangenen Pokal-Endspiel gegen den FC Bayern zu einer Geldstrafe von 75.000 Euro verurteilt worden. Für den Fall, dass es bis zum Ende Bewährungszeit am 31. Mai zu einem schwerwiegenden Wiederholungsfall kommt, hatte das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes schon damals mit einem Heimspiel unter teilweisem Ausschluss der Öffentlichkeit gedroht. Ereignisse außerhalb der Arena unterliegen allerdings nicht der DFB-Verbandsgerichtsbarkeit.

          Borussia Dortmund will mit Härte reagieren. „Wir werden alles in unserer Kraft stehende tun, um diesen Dingen ein für alle Mal einen Riegel vorzuschieben“, sagte Hans-Joachim Watzke am Montag. Der Geschäftsführer des Fußball-Bundesligavereins verwies auf erste Fortschritte bei der Identifizierung von Übeltätern: „Wir arbeiten mit Hochdruck an der Aufarbeitung und haben das Gefühl, dass wir erste Täter haben ermitteln können. Aber ich bitte noch um etwas Geduld, weil Präzision vor Schnelligkeit geht.“

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          Darüber hinaus hat auch die Dortmunder Polizei die Suche nach den Gewalttätern intensiviert. Am Montag wurde eine Ermittlungskommission eingerichtet, die sich in den kommenden Wochen ausschließlich mit der Aufarbeitung des Geschehens beschäftigen soll. „Ziel der Polizei ist es, die Täter so schnell wie möglich zu identifizieren, den Gesichtern einen Namen zu geben und sie einer konsequenten Strafverfolgung zuzuführen“, hieß es in einer Erklärung der Polizei.

          Gewalt selbst gegen Kinder, Hassplakate auf der Tribüne – die Ausschreitungen sorgen für neue Diskussionen über die ausufernde Ultraszene und Sicherheitskonzepte im Fußball. Entrüstet über die Bilder aus der Revierstadt forderte Bundesinnenminister Thomas de Maizière in der „Bild“-Zeitung harte Konsequenzen: „Die brutalen Szenen lassen einem den Atem stocken. Wer Steine und Getränkekisten auf Polizisten schleudert und dabei nicht mal auf Familien und Kinder Rücksicht nimmt, ist in Wahrheit kein Fußballfan und gehört nicht ins Stadion, sondern hinter Schloss und Riegel.“

          Weitere Reaktionen aus Politik und Sport fielen ähnlich drastisch aus. „Was am Samstag vor dem Spiel in Dortmund passiert ist, war eine Schande für den Fußball. Wer Steine und Flaschen auf Frauen und Kinder wirft, hat den Knall nicht gehört und muss bestraft werden“ kommentierte NRW-Innenminister Ralf Jäger. Max Eberl, Sportdirektor bei Borussia Mönchengladbach, sprach von einer „Katastrophe für den Fußball: „Das ist krank. Man kann RB Leipzig mögen oder nicht, aber es muss alles im Rahmen bleiben.“

          Rainer Wendt, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, erhob schwere Vorwürfe gegen den BVB. „Das Spiel hätte schon gar nicht angepfiffen werden dürfen, wenn auf einem Schild steht, dass man Pflastersteine auf Polizisten werfen will“, klagte er in der „Bild“, „im Stadion ist es Aufgabe des Vereins, dafür zu sorgen, dass solche Plakate nicht gezeigt werden dürfen.“ Offenbar waren Transparente in Einzelteilen durch die Sicherheitsschleusen geschmuggelt und erst im Stadion zusammengesetzt worden.

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          Darüber hinaus kritisierten Fanklubs von RB Leipzig das BVB-Sicherheitskonzept. In einer Stellungnahme an DFB, Deutsche Fußball Liga und die Dortmunder schrieb der Fanverband des Aufsteigers: „Wir Fans von RB Leipzig sind seit Jahren Einiges gewohnt, aber was in Dortmund los war, war bisher unerreicht!“. Ein Sicherheitskonzept sei zu „keiner Zeit zu erkennen“ gewesen. Mit Bussen angereiste Besucher seien überfallen, geschlagen und deren Eintrittskarten gestohlen worden. Zudem wurden aus der Leipziger Anhängerschaft Vorwürfe gegen Hans-Joachim Watzke laut. Der BVB-Geschäftsführer habe in der Vergangenheit mit wiederholten Verbalattacken gegen das von einem Großsponsor getragenen RB-Konzept zur Emotionalisierung beigetragen.

          Auch in der Landespolitik lösten die Ausschreitungen eine Debatte aus. Die CDU-Opposition will NRW-Innenminister Jäger zum Polizeieinsatz befragen. „Diese Gewaltexzesse sind inakzeptabel. Wir dürfen die Stadien nicht den Chaoten überlassen“, sagte der innenpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Theo Kruse. Im Landtags-Innenausschuss solle Jäger darlegen, welche Risikoeinstufung das Spiel hatte und wie der Kräfteeinsatz war.

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