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Darmstadt 98 : Das Wunder von der Resterampe

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Gallier ohne Zaubertrank: Darmstadt feierte schon am 33. Spieltag den Klassenerhalt. Bild: AFP

Eigentlich müsste die Konkurrenz aus Stuttgart, Bremen oder Frankfurt angesichts des Darmstädter Klassenerhalts schamvoll zu Boden blicken. Was lässt die gemeinhin ichbezogenen Fußballprofis zu einem verschworenen Männerbund werden?

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          Als die erste eruptiv gestartete Sause vor dem prall gefüllten Gästeblock des Olympiastadions ausgekostet war, kramte „Lilien“-Profi Marcel Heller noch mal genüsslich die Sache mit dem SC Tasmania 1900 hervor. Wer auch immer vor der Saison den Vergleich gezogen hat zwischen dem schlechtesten Bundesligateam der Historie und dem SV Darmstadt 98, ihm gebührt eigentlich auch eine Klassenverbleibs-Prämie. Denn aus der Geringschätzung durch Gegner und Kommentatoren ziehen die Südhessen einen Teil ihrer Kraft, um beharrlich und erfolgreich am Leistungslimit und darüber hinaus spielen zu können. Was sollen die schon reißen mit ihrem von der Resterampe des Transfermarktes zusammengestoppelten Kader und ihrem Stadion, das noch aussieht wie zu Opas Zeiten?

          „Wir sind nicht Tasmania, wir sind Darmstadt“

          David gegen Goliath, Klein gegen Groß, wir gegen das Establishment – Trainer Dirk Schuster hat diese Haltung fest verankert in Mannschaft und Verein. Es ist der Kitt, der aus gemeinhin ichbezogenen Fußballprofis am Spieltag einen verschworenen Männerbund formt. „Wir sind nicht Tasmania, wir sind Darmstadt“, sagte Heller, der schon zu Drittligazeiten für die Südhessen am Ball war. „Es gibt doch nichts Schöneres, als so etwas mit Darmstadt 98 zu schaffen. Wir haben gezeigt, dass es auch ohne den großen Etat geht, wenn eine Mannschaft zusammenhält und funktioniert.“

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          Der Lauf der „Lilien“ in den vergangenen drei Jahren ist eine der wundersamsten Geschichten im deutschen Fußball. Im Mai 2013 sportlich eigentlich in die vierte Liga abgestiegen; im Mai 2014 via Relegation in die zweite Liga aufgestiegen; im Mai 2015 am letzten Spieltag den Bundesligaaufstieg erreicht; im Mai 2016 am vorletzten Spieltag durch einen 2:1-Erfolg bei Hertha BSC Berlin den Klassenverbleib gesichert. Ohne dass ein Scheich massenhaft Finanzmittel oder der Fußballgott massig Glück auf den kleinsten Bundesligastandort regnen ließ. „Dafür, dass wir schon am vorletzten Spieltag die Klasse gesichert hätten, hätten wir alles Geld investiert, das wir nicht haben. Wir hätten die letzten Kröten rausgehauen, um das zu erleben“, sagte Präsident Rüdiger Fritsch.

          Die „Lilien“ sind das Leicester des kleinen Mannes

          Die Südhessen und ihr Trainer Schuster stehen für harte, ehrliche Arbeit, für einen zweikampfintensiven, sperrigen Spielstil. Auch im dritten Jahr in Folge ist im Mai „Wunder“ das meistbenutzte Wort im „Lilien“-Lager. Heller sprach vom „achten Weltwunder“, Jérôme Gondorf, auch so ein Kicker, der den Weg von Liga drei bis eins als Stammkraft mitging, vom „dritten Darmstädter Wunder“. Trainer Schuster, der Konstrukteur der Erfolgsstory, sagte schmunzelnd, dass er der Deutung seiner Spieler „nicht widersprechen“ möchte. Die „Lilien“ sind so etwas wie das Leicester City des kleinen Mannes, Gallier ohne Zaubertrank, Freibeuter ohne Schiff, Robin Hoods ohne Flitzebogen.

          Und dass diese Truppe vorzeitig den Bundesligaverbleib schafft, müsste in Stuttgart, Hannover, Frankfurt und Bremen eigentlich zu schamvoll zu Boden gerichtete Blicken führen. Die Darmstädter haben sich den ersten Bundesligaverbleib in der Vereinsgeschichte verdient mit ihrem unermüdlichen Einsatz. Ihrer Woche für Woche diszipliniert verwirklichten Strategie zur Zermürbung des Gegners, auf die viele erstklassige Mannschaften unschlüssig, bisweilen sogar allergisch reagierten. Ihrer Fähigkeit, Rückschläge – wie eine Serie von späten Gegentoren in der Rückrunde – wegzustecken und während der ganzen Spielzeit nie mehr als zwei Niederlagen aneinanderzureihen.

          Jérôme Gondorf: Ging den Weg aus Liga 3 bis in die Bundesliga mit – als Stammkraft.
          Jérôme Gondorf: Ging den Weg aus Liga 3 bis in die Bundesliga mit – als Stammkraft. : Bild: AFP

          Dazu kommt eine Auswärtsstärke, die mit 26 Punkten (nur Bayern, Dortmund und Leverkusen haben mehr) phänomenal anmutet. Genauso wie die Tatsache, dass die Südhessen mit nur zwei Heimsiegen ihr Klassenziel erreicht haben. „Wir haben uns am ersten Trainingstag gesagt: Wenn wir eine klitzekleine Chance haben wollen, dann nur gemeinsam. Seitdem hat hier jeder 100 Prozent abgeliefert“, sagte Kapitän Aytac Sulu.

          Sie bleiben ihrer Guerrillakämpfer-Rolle treu

          Braunschweig, Fürth und Paderborn waren die letzten großen Außenseiter in der Eliteliga, deren Verweildauer indes nur ein Spieljahr betrug. Dass den „Lilien“ nicht deren Schicksal widerfuhr, liegt daran, dass sie sich und ihrer Guerrillakämpfer-Rolle treu blieben. Und dass Trainer Schuster, der auch Sportdirektoraufgaben stemmt, tatkräftige Spieler für die Sache der „Lilien“ begeistern konnte, deren Bundesligakarrieren vorbei schienen. Niemeyer („Jetzt belächelt uns keiner mehr“), Rausch und Rajkovic erwiesen sich als Treffer – und natürlich Sandro Wagner. Dem Torjäger vom Dienst gelang gegen die Hertha in der 83. Minute der 2:1-Siegtreffer und damit das Tor, das den Klassenverbleib mit nunmehr 38 Punkten rettete. Wagners 14 Saisontreffer waren einer der Schlüssel zum Erfolg – neben vielen anderen in einem kleinen Verein, der nun schon seit drei Jahren konstant über seine Verhältnisse spielt.

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