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Bundesliga : Der Schalker Weg

  • -Aktualisiert am

Vorbereitung in Königsblau: Die Schalker strecken sich nach dem Erfolg Bild: dpa

Als Verein, der auf Talente setzt, bereitet sich Königsblau auf eine weitere Spielzeit in Bundesliga und Königsklasse vor. Das Konzept kommt Aufsichtsratschef Tönnies entgegen - seine Stellung als heimlicher Herrscher des Klubs bleibt unangetastet.

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          Wenn Jens Keller in diesen Tagen sagt, er sei zufrieden, meint er nicht nur die idyllisch anmutende Landschaft am Chiemsee, wo der FC Schalke 04 sein Sommertrainingslager aufgeschlagen hat. Der Cheftrainer zeigt sich auch angetan von dem Personal, das ihm zur Verfügung steht. Solange kein Spieler von Rang den Klub verlasse, sehe er auf dem Transfermarkt „keinen Handlungsbedarf“.

          Auch seine eigene Position erscheint gefestigt. In der Öffentlichkeit lange umstritten und zuweilen sogar von seinen Vorgesetzten in Frage gestellt, führte Keller die Königsblauen zweimal nacheinander in die Champions League. Also hat er fürs Erste die Ruhe, die in diesem Klub selten einkehrt und noch seltener über einen längeren Zeitraum anhält. Das hat zwei Gründe: Keller fordert nicht, er fördert. Mit diesem Vorgehen hat der Fußball-Lehrer gleich zwei Sehnsüchte bedient, von denen Schalke traditionell erfüllt ist: Die Mannschaft gehört zur Bundesligaspitze, und ihr Spiel ist stark von einem Jugendstil geprägt, den Talente um die zwanzig aus dem eigenen Nachwuchs auf den Fußballplatz bringen. Julian Draxler ist längst ein etablierter Profi mit weltmeisterlichen Weihen und einem Marktwert von rund 45 Millionen Euro. Max Meyer und Leon Goretzka haben sich nachdrücklich profiliert, Kaan Ayhan und Sead Kolasinac sind in der Bundesliga auch schon positiv aufgefallen.

          Kein Klub aus der Riege möglicher Bayern-Herausforderer wie Dortmund, Leverkusen oder Wolfsburg hat vor der neuen Saison annähernd so wenig Geld in neues Personal investiert wie Schalke. Horst Heldt ist auf dem Transfermarkt als Schnäppchenjäger aufgetreten, er hat knapp sechs Millionen Euro ausgegeben. Der Sportdirektor verpflichtete Sidney Sam, einen zuweilen kapriziösen Flügelspieler, dem sein vorheriger Arbeitgeber Bayer 04 Leverkusen keine Träne nachweint; dazu Dennis Aogo, der zuvor vom Hamburger SV ausgeliehen war, Fabian Giefer, einen Torwart aus der zweiten Liga, und Eric Maxim Choupo-Moting, einen Stürmer von Mainz 05, der hinter Klaas-Jan Huntelaar die zweite Geige besser spielen soll als der ebenfalls zuvor von Mainz 05 verpflichtete Adam Szalai, den Schalke für angeblich sechs Millionen Euro nach Hoffenheim weitergereicht hat.

          Nur bedingt attraktiv für Investoren

          Mit seiner Jugendbewegung hat Keller nicht nur sich selbst und der Vereinskasse einen Gefallen getan. Der sportliche Erfolg erleichtert es auch, Verhältnisse zu zementieren, die nicht jedem im Klub gefallen. Solange Keller mit einer Fülle junger Spieler weit oben mitspielt, wird kaum hinterfragt, warum Schalke an der Verfassung des eingetragenen Vereins, ohne Einbindung in eine Kapitalgesellschaft, festhält. Der Revierklub will partout keine Investoren oder Aktionäre hereinlassen wie etwa die Branchenführer Bayern München und Borussia Dortmund. Was steckt dahinter? Die Verantwortlichen begründen ihre konservative Linie vordergründig plausibel und fanfreundlich. Der Verein müsse unabhängig bleiben, niemand dürfe die Möglichkeit erhalten, von außen hineinzuregieren.

          Raus aus der Kritik: Schalkes Trainer Jens Keller hat erst einmal Ruhe

          Finanzvorstand Peter Peters betont diese Strategie mit dem Sound der Emotion; er sagt dann Sätze wie diese: „Jeder Verein braucht eine Seele. Schalke 04 ist ein eingetragener Verein, dazu bekennen wir uns, und das werden wir nicht ändern. Wir sind unabhängig, diese Unabhängigkeit ist uns ein hohes Gut. Wir sind Inhaber aller unserer Rechte und gehen den Weg der klassischen Finanzierung.“ Soll heißen: Fremdfinanzierung. Die Königsblauen leihen sich das Geld bei Banken, bei ihren Fans oder auf dem Markt für Mittelstandsanleihen.

          Andererseits machen wesentliche Kennzahlen den Arbeiterverein auch nicht gerade attraktiv für mögliche Investoren. Schalke ging mit Finanzverbindlichkeiten von rund 180 Millionen Euro in das aktuelle Geschäftsjahr. Der zweithöchste Jahresumsatz der Klubgeschichte (knapp 207 Millionen Euro) reichte nur zu einem Gewinn von 500.000 Euro. Die junge Mannschaft erscheint zwar auf hohem Niveau entwicklungsfähig, gehört aber schon jetzt zu den teuersten der Liga.

          Die Rolle von Tönnies

          Abseits der Sorge um die Seele weiß die Klubspitze die (vermeintliche) Unabhängigkeit wohl noch aus einem anderen Grund zu schätzen: Der Eintritt bedeutender Investoren – nicht Sponsoren oder Kreditgeber – würde vermutlich dazu führen, dass der Einfluss des Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Tönnies auf das operative Geschäft genauer geprüft würde. Der Fleischfabrikant hat sich mit Krediten und Bürgschaften über die Jahre unentbehrlich gemacht, erntet dafür an der Basis aber nicht nur Beifall. Er gefällt sich darin, sportliche Einschätzungen abzugeben.

          Wer hat den Pokal gewonnen? Es war doch eher Benedikt Höwedes (r.) als Schalkes Aufsichtsratschef und WM-Tourist Clemens Tönnies (l.)

          Also formuliert Tönnies auch die Ziele für die mittlere und die fernere Zukunft: „Ich erwarte von der Mannschaft, dass sie sich wieder für die Champions League qualifiziert“, sagte er der Zeitschrift „Sport-Bild“. „Wir sollten uns keine noch höheren Ziele stecken.“ Vorerst dürfe die junge Mannschaft „nicht über Gebühr“ belastet werden. Aber irgendwann sei es „das große Ziel, Erster zu werden“. Seinen ersten Platz im Verein hat Tönnies gefestigt. Schalke besitzt eine junge Mannschaft und damit ein gutes Image, einen Manager, der die Dominanz des Aufsichtsratschefs akzeptiert, sowie einen Trainer, der dankbar ist und keine großen Forderungen stellt. Auf Schalke laufen die Dinge in letzter Zeit so, wie sie laufen sollen, ganz besonders für Tönnies.

          Neue Spieler für 150 Millionen Euro

          Die Fußball-Bundesligavereine haben gut fünf Wochen vor Ende der Wechselperiode bereits mehr als 150 Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben. Borussia Dortmund und Bayer 04 Leverkusen investierten bisher mit insgesamt über 70 Millionen Euro am meisten. Stürmer Ciro Immobile ist bislang der teuerste Neueinkauf. Der BVB überwies für den 24 Jahre alten Italiener geschätzt 18,5 Millionen Euro an den FC Turin. Rekordmeister Bayern München stehen nach den Verkäufen von Toni Kroos und Mario Mandzukic etwa 40 Millionen Euro an aktuellen Transfererlösen zur Verfügung – so viel wie keinem anderen Verein. (dpa)

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