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Hamburg will nächsten Sieg : Der HSV im Aufwind

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Zwei, die derzeit sehr wichtig für den HSV sind: Trainer Christian Titz (rechts) und Spieler Lewis Holtby. Bild: dpa

Der Hamburger SV glaubt wieder an sich. Trainer Christian Titz hat die Angst verscheucht. Schon zum vierten Mal setzt er nun auf etwas, das in den vergangenen Wochen immer den spektakulären Erfolgen vorangegangen ist.

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          Die Leichtigkeit des Seins – kann es die geben, wenn ein Verein doch erstmals aus der Bundesliga absteigen könnte? Alle Krisenszenarien sind verscheucht aus Hamburg, das Spiel an diesem Samstag in Frankfurt (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky) begreift der HSV als Chance, vielleicht doch noch ein glückliches Ende hinzubekommen, nicht als vorletztes Spiel in der Bundesliga. Die Atmosphäre im Klub hat sich gedreht, seit Christian Titz Cheftrainer geworden ist. Die Angst des Niedergangs ist dem Gefühl gewichen, dass der HSV selbst dann handlungsfähig bliebe, sollte er auch am 34. Spieltag auf Rang 17 stehen. Neben neun Punkten aus den vergangenen vier Spielen ist der Stimmungsumschwung der Lizenzerteilung ohne Auflagen und Bedingungen durch die Deutsche Fußball-Liga zu verdanken.

          Bundesliga

          Der Startschuss kam von Vorstand Frank Wettstein, der nach der Entlassung des Führungs-Trios Bernd Hollerbach, Heribert Bruchhagen und Jens Todt auf Christian Titz und Bernhard Peters setzte. Titz und Peters arbeiteten da schon dreieinhalb Jahre zusammen an der Idee eines aktiven Ballbesitzfußballs. Den setzte der Bundesliga-Neuling Titz dann nach nur vier Trainingstagen um, und ließ den Tabellenletzten HSV Mitte März gegen Hertha BSC komplett anders spielen als zuvor unter Hollerbach und Markus Gisdol. Das ging schief – das musste schiefgehen. Bernhard Peters, der „Direktor Sport“ beim HSV, sagt: „Christian Titz macht es als Trainer seit zehn Wochen sehr gut. Aber er kann nicht zaubern.“

          Mehr Mut als Verlustangst

          Titz blieb bei seinem Weg. Zuvor hatte er in Aaron Hunt, Lewis Holtby, Luca Waldschmidt, Tatsuya Ito, Gotoku Sakai und Douglas Santos Spielertypen identifiziert, die selbst lieber den Ball haben wollen als ihm nur hinterherzuschauen – und zu rennen. Dem „Kicker“ sagte Titz: „Irgendwann hat man als Trainer seine Idee vom Spiel für sich entwickelt. Ich konnte diese zwar nicht vorher in der Bundesliga ausprobieren, aber es hatte in verschiedenen, Altersklassen und der Regionalliga funktioniert, deshalb war ich davon überzeugt.“ Mit mehr Mut als Verlustangst kamen Siege gegen Schalke und den SC Freiburg sowie in Wolfsburg zustande.

          Titz bewies, dass er auch mit schwierigen Charakteren wie Kyriakos Papadopoulos kann. Erst nahm er den streitbaren Griechen aus der Mannschaft. Dann rotierte er als wichtiger, weil erfahrener und angstfreier Faktor wieder hinein. Inzwischen überlegt Papadopoulos, ehe er einen langen Ball schlägt – und entscheidet sich in acht von zehn Fällen für die gewünschte Flachpass-Variante. So ist es gerade erstaunlich sonnig beim HSV, und einer der Gewinner des Moments ist der 47 Jahre alte Trainer selbst.

          Er sieht den Auftritt in der Bundesliga als Chance nicht zuletzt für seine Karriere, auch der „Sportstudio“-Auftritt weckte Interesse an ihm. Doch Titz kleidet das Ganze mit Demut aus, nicht mit Worten. Der Familienvater ist auf dem zweiten Bildungsweg Bundesligatrainer geworden. Er hat Lehrbücher geschrieben, im Südwesten und Westen der Republik als Jugend- und Amateur-Coach gearbeitet, ehe er beim HSV erst die U17, dann die U21 übernahm. Dass er dem Team couragierten Ballbesitzfußball mit dem Torwart als Aufbauspieler zutraut, hat nichts mit dem Mute der Verzweiflung zu tun. Titz glaubt daran.

          Viele wünschen sich, dass das Trio Wettstein/Peters/Titz weitermachen kann – selbst in der zweiten Liga. „Der Verein muss sich strategisch unabhängig machen von Personen und Ligen und unabhängig in einem guten sportlichen Konzept denken“, sagt Peters, „wir dürfen beim HSV nicht ständig nur emotionalen Ausschlägen folgen. Jeder erkennt, dass dieser Klub gerade jetzt Vertrauen, Verlässlichkeit und Kontinuität braucht.“ Ungewiss ist, welche Pläne Aufsichtsratschef Bernd Hoffmann hegt. Noch gibt es von ihm kein klares Bekenntnis zu Titz und Peters. Beide blieben gern, wo sie sind, wobei Peters sich nicht als Sportchef mit täglicher Nähe zum Team und Transferverantwortung sieht.

          Er sagt gegenüber der F.A.Z.: „Ich glaube, dass jemand, der so bundesligaerfahren wie Bernd Hoffmann ist, erkennt, dass diese Ideen, die wir durchgesetzt haben, personell angemessen repräsentiert werden müssen. Die inhaltliche Idee des Fußballs unter Christian Titz kam ja nicht zufällig, die haben wir in den vergangenen dreieinhalb gemeinsamen Jahren entwickelt.“ Dazu gehören Risikobereitschaft, Mut „und die Abkehr von der ,Vermeidungskultur‘“, wie es Peters ausdrückt. „Wir sind auf einem guten Weg, und deswegen sollte man den handelnden Personen Vertrauen geben. Ich denke, der Vorsitzende des Aufsichtsrates ist klug und hat erkannt, dass es wichtig ist, diese Ideen, die wir sportlich im gesamten Verein gerade durchsetzen, zu stützen.“

          Nur noch zwei Punkte fehlen dem HSV (28) diesmal zum Relegationsplatz und dem VfL Wolfsburg. Auch gegen die Eintracht rechnet sich Titz etwas aus. „Es wird ein Spiel auf Augenhöhe mit besonderer Brisanz.“ Der Coach wacht sorgsam über die Bodenhaftung der Spieler. „Wir haben nichts erreicht“, verdeutlichte er dem Team in der Einstimmung. Dabei hielt der HSV an einer Tradition fest, und die Spieler gingen auf Einladung von Motivator Papadopoulos schon zum vierten Mal zu ihrem Lieblings-Griechen speisen. Aberglaube verpflichtet. „Ich bin kein abergläubischer Mensch. Aber der Mannschaft tut’s gut“, sagte Titz.

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