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HSV : Reicher Onkel statt selbstbestimmter Vereinspolitik

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Risikokapital: Klaus-Michael Kühne hilft dem klammen HSV - die Gegenleistung ist fraglich Bild: dpa

Filip Kostic soll für rund 15 Millionen Euro zum Hamburger SV wechseln. Möglich ist das nur durch einen reichen Gönner, der von einem Spieleragenten und einem Urgestein beraten wird. Der HSV begibt sich in eine bemerkenswerte Abhängigkeit.

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          Das Objekt der Begierde ist ein Linksfuß, einer, der auf dem Flügel ordentlich Dampf machen kann und dem Offensivspiel des Hamburger SV so mehr Dynamik verleihen soll. Filip Kostic, in der vergangenen Saison der Fußball-Bundesliga mit dem VfB Stuttgart abgestiegen, soll zum HSV wechseln. Ein Angebot ist längst hinterlegt, auch der Berater von Kostic hat bereits das Interesse seines Mandanten übermittelt. Allerdings sollen auch Vereine aus England, Spanien und Italien am Serben interessiert sein, für den der VfB eine Ablösesumme in Höhe von fünfzehn Millionen Euro oder mehr fordern soll.

          Fünfzehn Millionen Euro? Zuletzt schaffte es der HSV durch seine finanziellen Nöte und die selbstverordnete Sparpolitik des Klubs in die Schlagzeilen. Wie soll nun so ein Transfer gestemmt werden? Sieben Monate hatte der HSV gebraucht, ehe er im Februar 2016 sein Leitbild vorstellte. Der erste Punkt nach der „Präambel“ ist so überschrieben: „Wir verfolgen höchstmögliche sportliche Ziele - selbstbestimmt und finanziell solide.“

          Kühne wird von Calmund und Struth beraten

          Nun sollen feste Vereinsgrundsätze in Form eines Leitbildes ja nicht den Ist-Zustand, sondern eine angestrebte, idealtypische Version in Worte fassen. Der HSV sei in vielen Bereichen noch weit von den Zuschreibungen des Leitbildes entfernt, hatte der Vorstandsvorsitzende Dietmar Beiersdorfer damals zugegeben. Das gilt besonders für das Zahlenwerk: Von einem selbstbestimmten, soliden Finanzgebaren sprächen in diesen Wochen wohl nicht einmal glühende HSV-Fans. Denn neben den etwa 70 Millionen Euro, die der Milliardär Klaus-Michael Kühne über Darlehen und Beteiligungen schon in den hochverschuldetem Klub gesteckt hat, gibt es seit einem Monat nun auch die „Rahmenvereinbarung zur Qualitätsverbesserung“. So heißt das jüngste Abkommen mit dem 79 Jahre alten HSV-Fan etwas verschleiert.

          Kühne ist also bereit für weitere Gaben. Die Rahmenbedingungen der nicht näher bezifferten, aber wohl bei 25 Millionen Euro liegenden Spende Kühnes sind einigermaßen kurios. Der Verein schlägt Kühne mögliche Transfers vor. Kühne selbst darf dann mitbestimmen und übernimmt bei Gefallen Ablöse und Gehalt des Spielers. Beraten lässt er sich dabei vom früheren Leverkusener Manager Reiner Calmund und von Spielerberater Volker Struth. Letzterer gehört mit seiner Agentur Sports-Total zu den einflussreichsten deutschen Agenten - auf seinen Rat hören etwa Toni Kroos, Benedikt Höwedes und Marco Reus. Bis vor kurzem zählte auch Mario Götze zu Struths Klienten. Bei den vorbereitenden Gesprächen mit den HSV-Vorständen und Aufsichtsratschef Karl Gernandt auf Mallorca und in der Hafen-City saßen Calmund und Struth schon mit am Tisch.

          Wünsch Dir was: Kühne will Filip Kostic

          Die Verzinsung von Kühnes Darlehen ist für die Öffentlichkeit nur ungenau formuliert, weil sie an zukünftige Erfolge gebunden ist: Nur wenn der HSV sein nächstes Ziel erreicht, die Rückkehr in den internationalen Wettbewerb, muss die Fußball AG das Darlehen an Kühne zurückzahlen. Verfehlt Hamburg die Pläne, verzichte der Investor auf die Erstattung.

          Immer wieder Struth

          Dementsprechend sprach HSV-Finanzvorstand Frank Wettstein von „Risikokapital“ Kühnes. Er betonte auch, dass das Gesamtvolumen der Vereinbarung „nicht abschließend festgelegt“ sei. Es orientiere sich an den „sportlichen Notwendigkeiten über mehrere Jahre“. Solch ein Genussschein-Modell hatten auch schon andere Klubs wie Werder Bremen im Auge. Kühne ist an den möglichen wirtschaftlichen und sportlichen Erfolgen des Vereines beteiligt, geht allerdings ins Risiko, wenn aus den schönen Plänen mit der Europa League oder sogar mehr nichts wird. Dass er sich dadurch eine erhebliche Mitsprache im Verein sichert, gilt als ausgemacht - auch wenn Kühne das gern dementiert.

          Erwartungsgemäß war Reiner Calmund etwas weniger vorsichtig. Das Schwergewicht kennt Kühne von diversen Kreuzfahrten, so sei man ins Gespräch gekommen. „Drei Stammspieler, ein paar Junge, das braucht der HSV“, verriet Calmund jüngst der „Zeit“. Namen und Summen wollte und werde er nicht nennen. Kühnes Wert für den HSV taxierte Calmund indes ungeniert so: „Sie hätten keine Lizenz ohne ihn.“

          Der Stuttgarter Kostic wäre nicht der erste Transfer, der dank der frischen Kühne-Millionen über die Bühne ginge. Luca Waldschmidt aus Frankfurt hat der HSV Ende Juni schon geholt - wenig überraschend ein Spieler, der von Struths Agentur beraten wird. Aus Stuttgart kommt der 18 Jahre alte Arianit Ferati, der offensive Mittelfeldspieler wird allerdings gleich für eine Saison zu Fortuna Düsseldorf in die zweite Liga ausgeliehen. Auch sein Berater: Volker Struth.

          Bei all den neuen Namen und Möglichkeiten wirkt Trainer Bruno Labbadia fast überrascht, dass „plötzlich etwas mehr möglich ist“ in einem Kader, den er dringend verbesserungswürdig nannte. Und Beiersdorfer, der als Vorstandsvorsitzender und nach dem Rauswurf Peter Knäbels auch als Sportchef eine Fülle von Aufgaben zu bewältigen hat, wirkt in seinem neuen, alten Job zufriedener als vorher in der Vereinsverwaltung. „Wir sind froh und glücklich über diese großartige Geschichte von Herrn Kühne“, sagte Beiersdorfer. „Intensiv“ werde er an der Kader-Verbesserung arbeiten.

          Tatsächlich hat Beiersdorfer schon ordentlich aufgeräumt. Mit Drobny, Ilicevic, Rudnevs und Kacar sind Großverdiener der Vergangenheit weg. Auch Kerem Demirbay verlässt den HSV und schließt sich der TSG Hoffenheim an. Für den 23 Jahre alten Mittelfeldspieler ist eine Ablöse in Höhe von 1,7 Millionen Euro im Gespräch.

          Sicher wird ihm Volker Struth Vorschläge machen, wer denn aus dem eigenen Stall noch so zum HSV passe. Ob das noch selbstbestimmte Vereinspolitik ist, sei dahingestellt. Andererseits: Welcher Bundesliga-Klub in der Lage der Hamburger würde auf die Kühne-Millionen verzichten, in welcher Form sie auch immer fließen?

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