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Bundesliga : Der HSV entdeckt die Jugend

  • -Aktualisiert am

Auch Junge sind dabei: Trainer Markus Gisdol setzt beim HSV auf den Nachwuchs Bild: dpa

In Hamburg soll die Arbeit von Bernhard Peters, dem Direktor Sport, endlich Früchte tragen. Chefcoach Markus Gisdol nimmt Talente aus dem Nachwuchsinternat mit ins Trainingslager nach Dubai.

          Geschichten wie die von Fiete Arp gefallen Bernhard Peters besonders gut. Mit 23 Toren in der B-Junioren-Bundesliga hat der 17 Jahre alte Schleswig-Holsteiner auf sich aufmerksam gemacht - er brauchte dafür nur 16 Einsätze. Arp hat das Fußballspielen in Wahlstedt gelernt; dort, nahe Bad Segeberg, begann der inzwischen wuchtige Stürmer mit drei Jahren, gegen den Ball zu treten. 2010 wechselte er in die U 11 des Hamburger SV. Seit 2015 wohnt Fiete Arp im Norderstedter Nachwuchsinternat des HSV - und reiste am Donnerstag mit den Bundesliga-Profis ins Trainingslager nach Dubai.

          Auch die A-Jugendlichen Jonas Behounek und Vasilije Janjicic aus der U 23 hat Cheftrainer Markus Gisdol mitgenommen; Christian Stark, den Torjäger der A-Jugend, und andere Nachwuchskräfte kennt er ebenfalls; sie trainieren regelmäßig bei den Profis. Gisdol schätzt die Arbeit, die im Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) geleistet wird, und in Finn Porath hat jüngst eine ausgebildete Nachwuchskraft Bundesligaminuten gesammelt. Das ist bemerkenswert, denn die Jugend- und Nachwuchsarbeit wurde beim HSV viele Jahre stiefmütterlich behandelt.

          Besser denn je

          Bernhard Peters, der vom entlassenen Vorsitzenden Dietmar Beiersdorfer im August 2014 installierte „Direktor Sport“ mit Zuständigkeit für Jugend, Nachwuchs, Koordination, arbeitet daran, dass sich das ändert. Mit Erfolg: Aktuell stehen die drei „großen“ HSV-Nachwuchsteams besser da denn je. Die A-Jugend und die B-Jugend überwintern im oberen Drittel, die sehr junge U 23 im guten Mittelfeld der Regionalliga Nord.

          Peters ist dabei, die Nachwuchsarbeit vom Kopf auf die Beine zu stellen. Der 56 Jahre alte Manager sagt mit gebotener Zurückhaltung: „Unser Image hat sich in den vergangenen zwei Jahren gedreht. Ich weiß doch, wie das Geschäft läuft, und konnte in Hoffenheim beweisen, dass sich Vertrauen langfristig auszahlt.“ Allzu oft wirkten die Trainerjobs im HSV-Nachwuchs früher wie Versorgungsposten altgedienter ehemaliger Profis.

          Peters will es nicht hinnehmen, dass Winter-Zukäufe sein müssen, wenn bei den Profis jemand ausfällt, wie zuletzt in der Innenverteidigung. Dort versucht sich ab sofort der Kölner Mergim Mavraj, 1,6 Millionen Euro teuer. Gisdol habe ihn täglich gefragt, ob er einen Akteur für diese Rolle im Nachwuchs habe, erzählt Peters in seinem Büro in der Arena, aber er habe ablehnen müssen, weil es auf dieser Position noch niemanden gegeben habe: „Ich bin total ungeduldig, aber gerade bei Kindern und Jugendlichen muss man die Balance sehen - da gibt es Schule, Elternhaus, Fußball, Freizeit. Nur weil man dran zieht, wächst Gras nicht schneller. Aber auch wir haben natürlichen Druck, denn unsere Ziele in den Bereichen Strategie und Qualitätssteigerung stehen oft den Zielen des Tagesgeschäfts gegenüber.“

          Am Herzen liegt Peters die Aus- und Weiterbildung der Trainer. „Wir sind seit dieser Saison in allen Bereichen einen Schritt weiter. Dazu gehört, dass wir bei allen U-Mannschaften eine personell breitere Ausstattung im Trainerbereich haben. Uns ist eine gute Führung der einzelnen Teams wichtig, und wir wollen mehr Beteiligung der Trainer an allen Prozessen hier - das kann schon mal anstrengend sein, wenn einer kurzfristig eine Ausarbeitung zum Thema Kopfballtraining machen soll. Aber alle ziehen sehr gut mit.“

          Ein langer Weg zum Stammspieler

          Es sind die Poraths oder Arps, die ihn in seiner Arbeit bestätigen - und sein Standing im Verein verbessern, denn Jugendarbeit kostet Geld, bevor sie Früchte trägt. Peters verhehlt nicht, dass es kritische Stimmen gab, die mit seinem Wirken unzufrieden waren, weil der Turnaround nicht sofort gelang. Doch Beiersdorfer habe ihn geschützt, ihm freie Hand gelassen. Unter Nachfolger Heribert Bruchhagen erhofft sich Peters ähnliche Freiheiten. Aber wer weiß beim HSV schon, was in einem Jahr ist? Immerhin gibt es ein steinernes Bekenntnis zur Nachwuchsarbeit: den HSV-Campus neben dem Volksparkstadion. Im Sommer fertiggestellt, ist das Internat mit seiner Nähe zu den Profis ein gutes Argument im Kampf um norddeutsche Talente. Endlich wird der HSV etwas vorweisen können, was bei der Konkurrenz allerorten längst steht.

          Der Mann für die Nachwuchs-Entwicklung: Bernhard Peters

          Peters startete im Sommer 2014 und verschaffte sich einen Überblick. Das hat gedauert. Aus seinen sieben Hoffenheimer Jahren wusste er, worauf es ankommt: „Die Elemente, die Leistung ausmachen, sind überall die gleichen.“ Vor allem bei den Trainern setzte er an. Er tauschte im Einvernehmen mit den NLZ-Kollegen viele Übungsleiter, zog neue Strukturen ein, stellte Pädagogen ein, beschäftigte Psychologen, lernte die Mannschaften bis zum „kleinsten“ Leistungsteam kennen, der U 11. Im ehemaligen Bundesliga-Team-Manager Marinus Bester gibt es nun einen, der sowohl die sportliche als auch die persönliche Entwicklung der Talente steuert. Dazu gehört das Elternhaus. „Wir wollen uns auch um die Eltern kümmern, sie besser begleiten, denn oft kommt von ihnen ein kontraproduktiver Druck auf das Kind“, sagt Peters. Auch anderes, was im Profibereich vernachlässigt wurde, will er pflegen: „Die Spieler sollen eine emotionale Bindung zum Verein und dem Umfeld aufbauen.“

          Sein Posten ist sehr gut entlohnt, aber auch einer, der zehrt: „Führung heißt bei mir Präsenz. Ich habe eine Sechseinhalb-Tage-Woche, die erst am Sonntagnachmittag vorbei ist“, sagt Peters. Es gibt nun einen roten Faden, der sich strukturell durch jeden Bereich zieht. Das ist viel Arbeit im Verborgenen, die erst sichtbar wird, wenn Talente aufsteigen. Für Peters sind sie besonders schöne Beispiele: „Jungs, die schon lange beim HSV sind, auf dem Platz als Profis zu sehen, erhöht bei jedem jungen Spieler die Identifikation mit dem Verein.“

          Sollte an diesem Sonntag bei der Mitgliederversammlung die Rede vom Nachwuchs sein, dürfte es nicht nur wegen Fiete Arp Applaus geben. Doch es ist noch ein langer Weg, bis es ein Eigengewächs zum Stammspieler schafft.

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