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Kommentar zur Eskalation : Der Hass gegen RB Leipzig

Weit übers Ziel hinaus: Der Protest in Dortmund war nicht nur außerhalb des Stadions gewalttätig, sondern auch innerhalb geschmacklos Bild: AFP

Die Schuldzuweisungen nach der Randale von Dortmund verlaufen nach zu simplen Mustern. Zwischen süffisanten Bemerkungen und Gewalt ist eine große Kluft. Der Denkfehler liegt in der Überbewertung des Fußballs. Ein Kommentar.

          2 Min.

          In Leipzig wähnte man sich eigentlich schon auf einem wunderbaren Weg. Meinungsumfragen kündeten davon, wie sehr die Akzeptanz für das junge Fußballunternehmen gestiegen sei, dass es dank seines forschen Auftretens auf dem Platz nicht nur Bundesliga –, sondern auch Sympathiepunkte im Eiltempo sammle. Auch die Anfeindungen in den Stadien, hieß es von Seiten der stolzen Leipziger Verantwortlichen oft im selben Atemzug, seien weniger geworden.

          Insgeheim jedoch werden sie vermutlich geahnt haben, dass es unter dieser schönen Oberfläche noch etwas anderes, etwas Bedrohliches geben könne. Dass der Erfolg nicht nur Freunde macht. Sondern auch Feinde zu noch größeren Feinden. Am Samstag in Dortmund hat sich auf schockierende Weise gezeigt, dass die Leipziger Präsenz in der Bundesliga eben nicht einfach mit der Zeit an Normalität gewinnt, sondern dass mit einem Ausbruch an Hass, der in Gewalt umschlägt, vielleicht sogar mehr denn je gerechnet werden muss.

          Im Nachhinein wirken das Pokalspiel von Dresden mit dem unsäglichen Bullenkopf-Wurf (und ähnlichen Transparenten wie nun in Dortmund) oder die Busblockade von Köln wie unselige Vorspiele zu dem Fanal von Dortmund. Denn ein solches ist es, wenn vor der Haustür eines Bundesligastadions Besucher, darunter Frauen und Kinder, in einem wütenden Mob um ihre Gesundheit oder gar mehr fürchten müssen.

          Der Ruf nach harten Konsequenzen, wie er auch von allerhöchster Stelle, von Bundesinnenminister de Maizière, zu hören war, ist logisch und richtig. Wobei neben den strafrechtlichen Ermittlungen durch die Polizei auch der Verein Borussia Dortmund in einer besonderen Verantwortung steht. Hier muss die Klubführung auch gegen Widerstände aus der eigenen Klientel ihre Ankündigung wahr machen, dass Gewalt, ob sie sich physisch oder verbal manifestiert, ein Ausschlusskriterium ist – nicht nur im Interesse der in diesem Fall Geschädigten, sondern des ganzen Fußballs. Der Schrecken allein, das ist aufgrund der Erfahrungen zu befürchten, wird in der Szene keine heilsame Wirkung entfalten.

          Kluft zwischen Süffisanz und Gewalt

          Zugleich sind aber auch Besonnenheit und Augenmaß im weiteren Umgang miteinander gefragt. Wenn jetzt aus Leipziger Richtung verschiedentlich mit dem Finger auf Hans-Joachim Watzke gezeigt wird – mit dem Vorwurf, der Dortmunder Klubchef trage aufgrund einiger kritischer Äußerungen gegenüber dem Leipziger Modell eine Mitverantwortung für die Exzesse –, dann ist das ebenfalls ein gefährliches Spiel. Natürlich müssen die Verantwortlichen ihre Worte wägen, besser vor allem, als Uli Hoeneß das mit dem (eilig widerrufenen) Wort von den neuen „Feinden“ tat. Und vielleicht hätte ein versöhnlicher Satz im Vorfeld tatsächlich nicht geschadet.

          Dennoch bleibt eine himmelweite Kluft zwischen ein paar süffisanten Bemerkungen unter sportlichen Konkurrenten und dem, was sich am Samstag Bahn brach. Oder, um doch nocheinmal den Blick auf einen der plakativen Diskursbeiträge von der Südtribüne zu werfen, wonach der Fußball für die Leipziger „nur Marketing“ sei, aber „für uns ein Lebenssinn“ – genau darin liegt ja der eigentliche (Denk-)Fehler.

          Christian Kamp
          Sportredakteur.

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