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Der Fall Heinz Müller : Spielergewerkschaft fordert Tarifverträge

Ursache der Auseinandersetzung: Der ehemalige Mainzer Trainer Thomas Tuchel hat Heinz Müller Ende 2013 aussortiert Bild: Imago

Das Urteil eines Arbeitsgerichts auf Klage des Mainzer Torwart Heinz Müller sorgt für Unruhe im Profifußball: Ist ein zeitlich begrenzter Kontrakt rechtswidrig?

          3 Min.

          Nach dem Erfolg des Torhüters Heinz Müller vor dem Arbeitsgericht Mainz hat die Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV) abermals den Abschluss eines Tarifvertrags für Profifußballspieler gefordert. Geschäftsführer Ulf Baranowsky sagte im Gespräch mit dieser Zeitung, die juristisch umstrittene Befristung von Verträgen im Profifußball ließe sich durch den Abschluss eines Tarifvertrags rechtssicher gestalten. „Diese grundsätzliche Problematik ist seit Jahren bekannt und nicht vom Himmel gefallen“, sagte Baranowsky. „Das wird unter renommierten Juristen seit langem diskutiert, die Sichtweise des Mainzer Arbeitsgerichts ist deshalb auch keine Einzelmeinung.“

          Christoph Becker
          Daniel Meuren

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Arbeitsgericht hatte auf Klage des früheren Torhüters von Mainz 05, der zwischenzeitlich auf eine Rennfahrerkarriere hinarbeitet, am vergangenen Donnerstag entschieden, dass dessen Arbeitsvertrag als Profifußballspieler ohne sachlichen Grund grundsätzlich nicht über zwei Jahre, die Maßgabe des § 14 Teilzeit- und Befristungsgesetz, hinaus befristet werden dürfe und anschließend ein Recht auf eine unbefristete Anstellung bestehe (Az.: 3 Ca 1197/14). Das Gesetz sieht allerdings die Vereinbarung von Ausnahmeregelungen vor, sofern diese Bestandteil eines Tarifvertrages sind. Baranowsky verwies darauf, dass es in etlichen europäischen Ligen Tarifverträge gebe, so in den Niederlanden, in Frankreich und Spanien.

          Es gab schon andere Urteile

          Das Mainzer Urteil, das nach Auskunft des Gerichts erst in drei bis vier Wochen in schriftlicher Form vorliegen wird und noch nicht rechtskräftig ist, hat unter Vertretern der deutschen Profiklubs und des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) für Unruhe gesorgt. Harald Strutz, Rechtsanwalt und Präsident von Mainz 05, hatte schon am Dienstag Berufung gegen das Urteil angekündigt. Rainer Koch, als erster Vizepräsident des DFB für Rechtsfragen zuständig, sagte am Mittwoch dem Onlineportal „Sport1.de“: „Es steht für mich außer Frage, dass das allgemeine Arbeitsrecht im Fußball so nicht gelten kann.“ Dass es für die Befristung von Arbeitsverträgen in der freien Wirtschaft klare Grenzen gebe, sei „völlig richtig“. Aber im Fußball wisse doch jeder, „dass man nicht mit 67 in Rente gehen kann, sondern dass man Zeitverträge hat, die immer wieder verlängert werden.“

          Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) verwies darauf, dass bei ähnlich gelagerten Fällen in der Vergangenheit anders geurteilt worden sei. So hatte das Landesarbeitsgericht Nürnberg im März 2006 entschieden, dass Sachgründe für die Befristung eines Arbeitsvertrags eines Fußballprofis „das Abwechslungsbedürfnis des Publikums und das Alter bzw. die zu erwartenden körperlichen Defizite des Spielers“ sein können (Az.: 7 Sa 405/05). Die DFL sehe daher keinen Handlungsdruck.

          Großer Wurf? Der ehemalige Mainzer Torwart Heinz Müller sorgt für Aufsehen
          Großer Wurf? Der ehemalige Mainzer Torwart Heinz Müller sorgt für Aufsehen : Bild: dpa

          Baranowsky sagte, auch in Müllers Fall sei es durchaus möglich, dass das Urteil in einer höheren Instanz „wieder kassiert“ werden könne: „Es gibt Argumente für beide Seiten.“ Allerdings habe die Spielergewerkschaft in der Vergangenheit auch Trainer gerichtlich vertreten, mit denen ebenfalls zeitlich befristete Verträge abgeschlossen worden waren. In mehreren Fällen ist es allerdings nie zu einer letztinstanzlichen Entscheidung gekommen, da sich die Parteien außergerichtlich geeinigt hätten.

          Müller wollte nur eine Abfindung

          Auch Müller, inzwischen 36 Jahre alt, hatte zunächst nach Darstellung seines Beraters Klaus Gerster versucht, sich mit seinem früheren Klub auf eine Abfindungssumme zu einigen, allerdings hatte Mainz 05 das abgelehnt. „Heinz Müller hatte uns ursprünglich darauf verklagt, dass sein Arbeitsvertrag um ein weiteres Jahr verlängert wird“, sagte der Mainzer Manager Christian Heidel dieser Zeitung.

          Müller war in der Saison 2013/2014 vom damaligen Mainzer Coach Thomas Tuchel nicht mehr für die Bundesligamannschaft berücksichtigt worden und hatte vor Gericht geltend gemacht, dies sei nicht aus sportlichen Gründen erfolgt. Dadurch habe er nicht die für eine weitere Verlängerung seines gemäß einer Klausel nötige Zahl an Einsätzen erreicht. „Er hat zudem einen Prämienanspruch geltend gemacht. In dieser Sache hat uns das Gericht Recht gegeben, sich dann aber dem Thema der Befristung von Arbeitsverträgen zugewandt“, sagte Heidel.

          Torwart mit Rennfahrerambitionen: Heinz Müller mit Utensilien seiner zwei Leidenschaften
          Torwart mit Rennfahrerambitionen: Heinz Müller mit Utensilien seiner zwei Leidenschaften : Bild: dpa

          Tatsächlich war der nun für den Profisport so interessante Teil erst Folge einer Erweiterungsklage im Verlauf der Auseinandersetzung, die sich im Anschluss an einen gescheiterte Güteverhandlung im vergangenen Herbst über zwei Termine hinzog. Dabei mussten der ehemalige Mainzer Trainer Thomas Tuchel und Zeugwart Walter Notter auf Vorladung der Klägerseite in der Beweisführung Auskunft geben, inwiefern Müller sportlich ungerecht behandelt worden sein könnte. Müller wollte nachweisen, dass Tuchel ihn ungerechtfertigt zur U23 abgeschoben und somit der Teilhabe an Siegprämien beraubt habe, die nur für den 18 Profis umfassenden Spielkader ausgeschüttet werden. Die Beweisführung gelang Müllers Anwalt Horst Kletke indes nicht.

          Richterin sieht keinen Grund für Ausnahme

          Stattdessen könnte Müller demnächst auf seinem Recht auf Beschäftigung bestehen, wenn das Urteil des Mainzer Arbeitsgerichts wirksam würde. Als Folge könnten grundsätzlich alle Profisportler einen Anspruch auf eine unbefristete Anstellung rechtlich erstreiten. „Die Üblichkeit von befristeten Arbeitsverträgen im Profisport, die vom Verein als Argument angeführt wurde, kann für uns kein Argument sein, eine Ausnahme vom gesetzlichen Gebot zu rechtfertigen“, sagte Richterin Ruth Lippa, die darauf verweist, dass auch bei unbefristeten Arbeitsverhältnissen außerhalb des Sports Spitzenleistungen erwartet und Leistungsschwankungen akzeptiert würden.

          In dieser Woche hätte Mainz 05 einen weiteren Torhüter übrigens gut gebrauchen können. Stammtorwart Loris Karius weilt bei der U21-Nationalmannschaft, Ersatzmann Stefano Kapinos bei der griechischen Auswahl. Trainer Martin Schmidt musste auf einen Nachwuchsmann zurückgreifen.

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