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Der Bundesliga-Kommentar : Schwungvolle Schatzsucher

  • -Aktualisiert am

Klinsmanns Einfluß und Ballacks Abgang beschäftigt die Liga Bild: dpa

Groß und Klein geben sich in vor dem Bundesliga-Start kollektiv entschlossen, den klinsmannschen WM-Schwung für ihr eigenes Abenteuer mitzunehmen und darüber hinaus empfänglich zu sein für neue Lehren und Gesichter.

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          Er spielt schon lange nicht mehr mit und setzt auch als Trainer vorerst aus - dennoch: So intensiv noch immer über ihn und sein segensreiches Wirken bei der Weltmeisterschaft geredet wird, scheint die höchste deutsche Fußballklasse ihr erstes Namensrecht vor Beginn der 44. Saison an Jürgen Klinsmann vergeben zu haben. Als starteten die 18 Klubs unterschiedlichster Prägung gemeinsam in die Klinsmann-Bundesliga, geben sich Groß und Klein, mit ein paar individuellen Abstrichen, kollektiv entschlossen, den WM-Schwung für ihr eigenes Abenteuer mitzunehmen und darüber hinaus empfänglich zu sein für neue Lehren und Gesichter.

          Ob sie das tatsächlich umsetzen können, wird die Zukunft zeigen. Fürs erste gilt: Wer jetzt die reizvollen Angebote, welche die deutsche Mannschaft und ihr Bundestrainer bei der Weltmeisterschaft parat hatten, übersähe, wäre schon ziemlich verblendet. Mehr Teamgeist, mehr Jugendlichkeit, mehr Neugier auf technische und taktische Schulung, kreativere Fitnessübungen plus ein Zusatzangebot an psychologischen Hilfen können der Weiterentwicklung deutscher Bundesligaprofis nicht schaden. Mit diesem programmatischen Fortgeschrittenenkurs ist Klinsmann bei der WM weit gekommen: Platz drei, wer hätte das vorher gedacht?

          Suche nach neuen Wegen zu alter Stärke

          Die Liga dagegen sucht noch nach neuen Wegen zurück zu alter internationaler Stärke. Weil sie in Zugzwang ist und sich der Konsument gerade nach den rauschhaften Wochen der Fußball-Weltparty auch von "seiner" guten, alten Bundesliga innovativen Eifer und progressiven Elan verspricht, könnte der gute Wille hier und da zur überzeugenden Tat führen. Und das um so unbeschwerter, desto weniger sich die Protagonisten auf seiten der Nationalmannschaft wie der Bundesliga ihre jeweiligen Verdienste am deutschen Fußball-Sommerhoch vorrechnen.

          So richtig es ist, daß Klinsmanns Wirken einen originären und großen Beitrag zur aktuellen Erfolgsgeschichte geliefert hat, so falsch ist es, der Bundesliga Versäumnisse vorzuwerfen und den Klubs pauschal Kampfbegriffe wie "Traditionalismus" oder "altes Denken" um die Ohren zu hauen. Nationalspieler Miroslav Klose etwa wäre kaum zum besten Torschützen und zu einem der besten Akteure des WM-Turniers aufgestiegen, hätte er nicht in Bremen bei Trainer Thomas Schaaf den Humus für seinen Reifeprozeß zu einem angehenden Weltstar gefunden.

          V erheißungsvolle Jungprofis

          An der Bundesliga ist es nun, mehr Mut zu zeigen, die Augen und Ohren offenzuhalten, um den Aufschwung des heimischen Fußballs ins Werk zu setzen. Die Fans, die im Juni und Juli wie die Weltmeister gefeiert haben, möchten sich aufs neue betören lassen von Fußball-Heldentaten mutiger Eroberer. Der anhaltend üppige Dauerkartenumsatz, beträchtliche Wachstumsraten beim Trikotsponsoring und den Fernseheinnahmen, steigende Mitgliederzahlen in den Vereinsgroßfamilien, die wiederentdeckte Bereitschaft, etwas mehr in neues Personal zu investieren, die erkennbar größere Quote an verheißungsvollen Jungprofis und dazu die neue Lust der Bayern-Jäger aus Bremen, Hamburg oder Schalke, die eigenen Titel-Begehrlichkeiten zu artikulieren, all dies ist Nahrung für Bundesliga-Optimisten.

          Daß die Weltstars des Fußballs noch immer einen großen Bogen um das Land mit den modernsten Stadien und den meisten Zuschauern schlagen, ist auch der Realitätsferne in manchen englischen, spanischen und auch immer noch italienischen Spitzenklubs geschuldet, wo ungeachtet der wirtschaftlichen Balance unverdrossen Topgehälter gezahlt werden. Wenn schon der beste deutsche Spieler, Michael Ballack, zum englisch-russischen Milliardärsklub FC Chelsea wechselt und ein Ruud van Nistelrooy die Bayern nur benutzt, um bei Real Madrid noch besser versorgt zu werden, bieten die Umstände in der Bundesliga eben mehr Platz für die Ausbildung und die Entwicklung weiterer frecher Aufsteiger vom Schlage eines Philipp Lahm oder Lukas Podolski.

          Die Schatzsuche nach neuen Juwelen beginnt an diesem Freitag mit dem Klassiker Bayern München gegen Borussia Dortmund - und sollte danach nie enden.

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