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Deisler beendet Karriere : „Es war eine Qual“

Viel zu früh: Deisler sagt Servus Bild: dpa

Der Profi des FC Bayern München hat mit 27 Jahren überraschend das sofortige Ende seiner Laufbahn verkündet. Der Nationalspieler Deisler musste sich bereits fünf Knieoperationen unterziehen und zweimal stationär wegen Depressionen behandeln lassen.

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          Durch die Hintertür betritt Sebastian Deisler in Begleitung von Uli Hoeneß das kleine Pressezimmer, die Hände tief in den Jeans vergraben. Die eilig einberufene Pressekonferenz, die am ersten Trainingstag des Jahres in München das Ende der Profikarriere von Sebastian Deisler markieren wird, dauert rund eine Viertelstunde, und während dieser Zeit kommen seine Hände auch nicht mehr zum Vorschein. Erst als Deisler der Bühne des Fußballs und der Medien an diesem Tag mit seiner Abschiedserklärung endgültig den Rücken kehrt, hebt die einst größte Hoffnung des deutschen Fußballs noch einmal die Hand. Er winkt kurz in die Kameras. Dann verschwindet er.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          „Die Entscheidung steht. Sie ist nicht von heute auf morgen gefallen. Sie ist in mir gereift“, sagt der seit Jahren von körperlichen und seelischen Verletzungen geplagte Profi bei seinem letzten Kurzauftritt. „Ich habe nicht mehr das richtige Vertrauen in mein Knie. Und wenn es zu einer Qual wird, was es zuletzt war, muss man eine Entscheidung treffen.“ Damit endete für das zerbrechliche Wunderkind am Dienstag mit 27 Jahren viel zu früh eine Profifußballkarriere, in der sich wie bei keinem anderen Fußballstar in den vergangenen Jahren immer wieder die Schattenseiten im Hochglanzsport in den Vordergrund gedrängt hatten. Wegen Depressionen befand sich Deisler in seiner Bayernzeit zweimal in einer psychiatrischen Klinik. Während seiner gesamten Karriere hatte er insgesamt etwa zwanzig Verletzungen verkraften müssen, davon allein fünf Operationen im rechten Knie.

          „Wir haben den Kampf verloren“

          Der Kampf von Sebastian Deisler gegen sich selbst verlief auch in den letzten Tagen unter Wirrungen. Hoeneß hatte bis zum Morgen gehofft, dass Deisler nach den unzähligen Rückschlägen noch einmal die Kraft und den Willen aufbringen würde, um die Fortsetzung seiner Karriere zu kämpfen. Vergeblich. Der Manager informierte am Vormittag Trainer Felix Magath und die Mannschaft über das persönliche Drama eines besonders sensiblen Profis, der im Rückzug den einzigen Ausweg aus seinem Dilemma sah. Ganz überraschend war die Entwicklung für die Bayern aber dennoch nicht gekommen. Schon während des Trainingslagers in Dubai wollte Deisler Schluss machen. Aber dort konnte ihn Hoeneß nach zahlreichen und intensiven Gesprächen noch von einem vorzeitigen Abschied abhalten. Der Manager hatte gehofft, dass Deisler zu Hause in München im Kreis seiner Familie den Gedanken an Rücktritt wieder verwerfen würde.

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          Offiziell behauptete Deisler während des Trainingslagers zwar, nicht ans Aufhören zu denken. „Ich kann spielen, ich stehe auf dem Platz. Es geht immer weiter“, sagte er. Aber innerlich war er schon in Dubai nicht mehr in der Verfassung, die ihn an eine erfolgreiche Fortsetzung seiner Karriere ernsthaft glauben ließ. Bei jenem Pressegespräch, das Deisler kaum willens war zu führen, wirkte er schon wie abwesend. Bei der Rückkehr am Sonntag mit der Mannschaft bat er Hoeneß dann noch am Flughafen um ein abschließendes Gespräch, das schließlich am Montagabend stattfand. „Ich habe bis heute vor dem Training gehofft, dass alles nur ein Albtraum ist“, sagte der Bayern-Manager über eine Entwicklung, die ihn zehn Tage vor dem Rückrundenstart traurig und auch ein wenig hilflos zurückließ. „Wir haben den Kampf verloren“, sagte Hoeneß, der die Entscheidung eines „der besten Spieler, die es in Deutschland je gegeben hat“ nach all den Höhen und Tiefen trotzdem für „unverständlich“ hält. In diesem Augenblick schaute Deisler noch einmal ein wenig irritiert zum Manager hinüber. „Es ist logisch, dass die Situation nicht einfach für mich ist. Aber ich bin glücklich mit dieser Entscheidung“, entgegnete Deisler.

          „Erst einmal Abstand gewinnen“

          „Ich habe ständig daran gedacht, dass wieder etwas passieren könnte. Ich war nicht mehr völlig frei. Und nur noch ein bisschen mitspielen, das wollte ich nicht. Halbe Sachen bringen mir und der Mannschaft nichts“, sagte Deisler, der auf Hoeneß nach dem letzten der vielen Gespräche am Montag einen zufriedenen, fast befreiten Eindruck gemacht hat. „Es war die erste Entscheidung, die er allein getroffen hat“, sagte der Manager zum Ende einer seit der Jugendzeit auch stark fremdbestimmten und mit höchsten Erwartungen überfrachteten Karriere.

          Nach der Entscheidung Deislers hat sich Hoeneß in der Nacht zum Dienstag dann überlegt, wie diese menschliche Tragödie in die beste juristische Form gekleidet werden könne. Den Vertrag des einst teuersten deutschen Spielers, der eigentlich noch bis zum Sommer 2009 läuft, lassen die Bayern nun ruhen. Falls es Deisler wieder besser gehen sollte, kann er beim Meister jederzeit wieder einsteigen. „Das soll ein Anker sein“, sagt Hoeneß. Er wolle ihm die Chance erhalten, „seine zweite eigene Entscheidung“ treffen zu können. Doch an solch vage Hoffnungen mochte sich der 36malige Nationalspieler nach all den schwierigen Jahren im Moment nicht klammern. „Ich werde jetzt erst einmal abschalten und versuchen, Abstand zu gewinnen.“ Er will verreisen und sich seiner Familie widmen. „Und dann gucken wir mal, wie es weitergeht.“ Für Sebastian Deisler, nicht für den Fußballprofi.

          Die Kranken-Akte des Sebastian Deisler

          September 1998: Kreuzbandanriss/Meniskusriss (rechts), Operation
          Novemver 1998: Meniskusriss (rechts)
          August 1999: Achillessehnenverletzung
          Dezember 1999: Kreuzbandriss/Meniskusschaden (rechts), Operation
          März 2000: Leistenoperation wegen Beckenschiefstands
          Oktober 2001: Luxation, Kapselriss, Verrenkung der Patellasehne, Operation, Kniescheibe fixiert
          Mai 2002: Knorpelschaden, Kniescheibe verletzt rechtes Knie, Operation
          November 2003: Zehnwöchiger Klinikaufenthalt wegen einer Depression
          Oktober 2004: Rückfall in die Depression
          März 2006: Knorpelabsprengung im rechten Knie, Operation

          Dazwischen zahlreiche weitere „kleinere“ Verletzungen wie Innenbanddehnungen (April 1999 und November 1999), muskuläre Probleme, Blutergüsse, Adduktorenbeschwerden und Muskelfaserrisse (August 1999, Februar 2001, September 2003, Dezember 2003 - jeweils im Oberschenkel).

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