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Das badische Dorf : Achtung Bayern! Hopps Hoffenheimer sind da

  • Aktualisiert am

Tonangebend, auch in der Bundesliga? Bild: ddp

Der von Milliardär Hopp finanzierte Dorfverein TSG Hoffenheim hat den Durchmarsch von der Regionalliga in die Bundesliga geschafft. Dort könnten selbst die Bayern bald vor dem finanzstarken neuen Konkurrenten zittern.

          3 Min.

          Ein kuscheliges Dorf aus Nordbaden ist in die große Fußball-Welt marschiert. 1899 Hoffenheim hat den Durchmarsch in die Bundesliga geschafft und damit sein Fußball-Märchen früher als geplant verwirklicht. Der von Milliardär Dietmar Hopp finanzierte Zweitliga-Aufsteiger bezwang am Sonntag beim Saisonfinale die SpVgg Greuther Fürth mit 5:0 (1:0).

          Hoffenheim ist insgesamt der 50. Bundesligaklub seit Gründung der Eliteklasse im Jahr 1963 - und mit 3200 Einwohnern der mit Abstand kleinste Standort. Als mit dem Schlusspfiff das Projekt Bundesliga-Fußball in der Provinz realisiert war, brachen alle Dämme und die Jagd mit den Bierkrügen begann.

          „Hurra, das ganze Dorf ist da“

          Spieler und Macher schlüpften in T-Shirts mit der Aufschrift „1899 Erstklassig - Aufsteiger 2007/2008“. Und auf dem Rücken stand: „Hurra, das ganze Dorf ist da“. Die Mannschaft drehte tanzend eine Ehrenrunde. „Ich bin glücklich“, sagte Hopp tief bewegt mit heiserer Stimme.

          Siegertanz
          Siegertanz : Bild: dpa

          Selbst der als Professor titulierte Trainer Ralf Rangnick freute sich am Tag der Emotionen wie ein kleines Kind, nachdem er sich zunächst für einige Minuten in die Kabine zurückgezogen hatte. „Ich kann es selber noch gar nicht realisieren“, sagte der Erfolgscoach. „Das wird bei mir noch ein bisschen dauern. Der Druck war brutal.“

          Nervenstärke und spielerische Dominanz

          Rangnicks junge Ballkünstler hatten zuvor Nervenstärke und spielerische Dominanz bewiesen und am letzten Spieltag die SpVgg Greuther Fürth deklassiert. Demba Ba brachte die Hausherren in Führung (39. Minute). Sejad Salihivic erhöhte mit einem sicher verwandelten, aber umstrittenen Foulelfmeter auf 2:0 (69.). Chinedu Obasi mit einem Doppelpack (77./85. Elfmeter) sowie Salihovic mit seinem zweiten Treffer (82.) machten das Fußball-Festival gegen die am Schluss einbrechenden Franken perfekt.

          „Ich hätte nicht geglaubt, dass es so schnell mit dem Aufstieg klappt“, sagte Francisco Copado. „Wir haben gezeigt, dass wir in die erste Liga gehören“, meinte dagegen Mannschaftskapitän Per Nilsson. Tobias Weis urteilte: „Das haben wir uns verdient. Wir haben nie gezweifelt. Das 5:0 sagt alles.“

          Ehrgeizige, finanziell gut betucht und akribisch planend

          Vor der Partie hatte sich die internationale Truppe mit einem Motivations-Video mit Botschaften der Spielerfrauen zusätzlich gepusht. „Mir selber ist beim Anschauen eine Gänsehaut gekommen“, verriet Rangnick.

          Nur ein Jahr nach dem Aufstieg in die 2. Bundesliga folgt der ehrgeizige, finanziell gut betuchte und akribisch planende Club den Traditionsvereinen Borussia Mönchengladbach und 1. FC Köln in die Beletage. Hoffenheim gegen Bayern München, Werder Bremen, Schalke 04 und den VfB Stuttgart - erstmals spielt ein Verein aus einem so kleinen Dorf in der Bundesliga. „Phänomenal, was dort geleistet wurde“, adelte der „Kaiser“ Franz Beckenbauer den Dorfverein.

          „Dietmar, wir danken dir“

          „Ich denke, wir sind bereit“, sagte SAP-Mitbegründer und Mäzen Dietmar Hopp, der das ganze Projekt ermöglicht. „Zu früh kann so ein Erfolg nicht kommen. Das ist Wahnsinn.“ Während des Spiels skandierten die Fans im mit 6350 Zuschauern ausverkauften Stadion „Nie mehr Zweite Liga“. Nach dem Schlusspfiff sangen sie zudem „Dietmar, wir danken dir“.

          Wenige Kilometer entfernt verfolgten rund 8000 Fans in der Sinsheimer Messe auf Großbildleinwänden die Partie. Dort stieg am Abend auch die große Party mit den Profis. „Ein unglaublicher Tag für Hoffenheim. Ein Traum“, sagte Sportdirektor Bernhard Peters.

          „Das kann mit gar nichts vergleichen“

          Rangnick, der schon mit dem SSV Ulm 1846 und Hannover 96 aufgestiegen war, stufte den Erfolg als einmalig ein: „Das kann mit gar nichts vergleichen. Als wir hier angefangen haben, gab es gar nichts.“ Den 49 Jahre alten Coach, der einst Schalke 04 und den VfB Stuttgart trainierte, schreckt die Bundesliga nicht: „Ich glaube, dass es in den Spielen nicht unbedingt viel schwerer wird.“

          Hopp, der nach jedem Treffer Freunde per SMS informierte, kündigte „drei bis maximal vier“ Neuverpflichtungen an. Kritikern, die Hoffenheim als nicht bundesliga-würdig bezeichneten, empfahl der ehemalige Top-Manager: „Alle sollten unseren Aufstieg akzeptieren.“ Ministerpräsident Günther Oettinger gratulierte dem neuen baden- württembergischen Bundesligisten: „Die Mannschaft hat eine starke Saison gespielt. In überzeugender Manier hat sie den direkten Durchmarsch von der Regionalliga in die Bundesliga geschafft.“

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