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Darmstadt in zweiter Liga : „Lilien“ in Lauerstellung

  • -Aktualisiert am

Blick in die Zukunft: Darmstadts Vereinspräsident Rüdiger Fritsch Bild: Imago

Nach dem Ende der Zweitligasaison zieht Fußballklub Darmstadt 98 eine positive Bilanz: In der nächsten Spielzeit wollen die „Lilien“ zur Stelle sein, wenn die vermeintlich Großen straucheln.

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          Rüdiger Fritsch hat ein absolutes Lieblingsthema, zu dem er sich genussvoll in Rage zu reden pflegt. „Diese Hinterher-Schlaumeierei geht mir so was von auf die Nerven“, sagt der Präsident des SV Darmstadt 98. Gemeint sind die Reflexe von in seinen Augen vermeintlichen Fans und Experten, nach zwei Niederlagen in Folge oder dem Abgang einzelner Spieler Gesamtzustand und Perspektive eines Vereins komplett infrage zu stellen. „Ich kann diese ganzen Aufgeregtheiten nicht verstehen, es ist doch immer das Gleiche“, sagt Fritsch.

          Beispiel Serdar Dursun, der die „Lilien“ nach 27 Saisontoren als Zweitliga-Torschützenkönig ablösefrei verlässt. Die seit 2012 an der Vereinsspitze stehende Führungskraft hat in den vergangenen Jahren mit Dominik Stroh-Engel, Sandro Wagner und nun Dursun schon drei Torjäger von Rang ziehen lassen müssen – und jedes Mal sei das Wehklagen groß gewesen. „Es ist normal, dass wir in Darmstadt Spieler ersetzen müssen. Wir wissen jetzt schon, dass Spieler, die in der neuen Saison bei uns überzeugen, auf der Liste anderer Klubs landen werden. Das sind die Gegebenheiten des Fußball“, so Fritsch.

          Eines Fußballbetriebs, in dem der SVD in den vergangenen Spielzeiten sportlich seinen Platz gefunden zu haben scheint. „Ich habe immer bewusst davon gesprochen, dass wir vier, fünf Jahre brauchen werden, um uns im Profifußball zu etablieren. Das haben wir geschafft, wir beißen uns gerade in einer gewissen Etage fest – und wollen mittelfristig die nächste Stufe erklimmen“, sagte der 59-Jährige bei einer Medienrunde und verwies auf die letzten Tabellenplätze.

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          Zehnter, Zehnter, Fünfter und Siebter lauten die Zweitligaplatzierungen seit dem Erstliga-Abstieg 2017. Worüber die Resultate hinwegtäuschen, ist die Tatsache, dass die „Lilien“ in jeder Saison zwischenzeitlich tief in den Kampf gegen den Abstieg verstrickt waren, dabei drei Cheftrainer verschlissen haben und erst im Saisonendspurt gehörig auf Touren gekommen sind. „Das Ergebnis zählt, am Ende stechen die Bienen“, sagt der Wirtschaftsanwalt schmunzelnd. Fritsch und seine Präsidiumscrew arbeiten seit je geräuschlos und halfen mit, so manche sportliche Delle zu überwinden. Und so blickt Fritsch auch optimistisch auf die neue Zweitligarunde, welche Cheftrainer Markus Anfang mit seinem Kader – fünf Neuzugänge sind schon verpflichtet – vom 19. Juni an vorbereitet.

          Die enorme Ansammlung von vielen großen Traditionsvereinen in der Liga erhöhe die Attraktivität für Sponsoren und Medien, so Fritsch. Und die Angst, bei dieser Konkurrenz sportlich abzusacken? „Wir sind nicht geneigt, uns in den Keller zu verziehen und zu flennen“, sagt Fritsch, der als Präsidiumsmitglied der DFL und Vorstandsmitglied beim DFB auch über den Darmstädter Tellerrand hinaus agiert. Und aufgrund dieser Einblicke sagt er: „In Krisenzeiten trennt sich die Spreu vom Weizen.“ Man müsse sich davon lösen, dass große Vereinsnamen aus großen Städten automatisch höhere Spielergehälter zahlen könnten.

          „Werden Erfolg nie einkaufen können“

          „Ich bin froh, dass ich, wirtschaftlich gesehen, Führungskraft bei Darmstadt 98 bin und nicht bei so manch anderem Verein“, sagt der gebürtige Frankfurter. Denn die „Lilien“ seien in der Lage, Transfereinnahmen wie jüngst durch die Verkäufe von Seung-ho Paik (Südkorea) und Victor Palsson (Schalke 04) in den Kader zu reinvestieren, und müssten „nicht irgendwelche Löcher stopfen oder Banken und Gläubiger abklopfen“. Was freilich noch zu keinen finanziellen Höhenflügen auf dem Transfermarkt führen wird bei den Südhessen, die vor der Saison die Kosten für den Lizenzspielerbereich um 2,5 Millionen Euro reduziert hatten. „Wir werden den Erfolg nie einkaufen können. Themen wie die Entwicklung von Spielern, Mentalität, Teamgeist und die Konzentration aufs Wesentliche werden bei uns immer wichtig sein“, sagt Fritsch.

          Die Siegesserie zum Saisonende hat Darmstadt 98 noch ein Plus zwischen 500.000 und 600.000 Euro aus dem Fernsehtopf beschert. Doch für die neue Saison kalkuliert die Vereinsführung mit einem Minus von fünf Millionen Euro, was vorrangig mit den rund 20 Prozent niedrigeren TV-Einnahmen zu tun hat. Trainer Anfang hatte immer mal wieder durchklingen lassen, dass er seine Ansprüche an den Profikader unter den Darmstädter Bedingungen nicht verwirklichen könne. „Wir haben einen Toptrainer“, sagt Fritsch. „Er wusste und weiß, dass er in Darmstadt und nicht bei Real Madrid unterwegs ist.“

          Das sieht man aktuell auch an der ungemütlichen Stadionbaustelle am Böllenfalltor. In ziemlich genau einem Jahr soll aber, so Fritsch, der Umbau fertiggestellt sein. „Wir liegen im Zeit- und Kostenplan“, sagt der Vereinspräsident. Und wenn die seit 2015 angestoßenen vielen Infrastrukturmaßnahmen rund ums Böllenfalltor abgeschlossen sind, spätestens dann, sagt Fritsch, sei es für die „Lilien“ an der Zeit, sich sportlich „in Lauerposition zu begeben. Um da zu sein, wenn die vermeintlich Großen straucheln.“

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