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SV Darmstadt 98 : Mehr gestalten, weniger reagieren

  • -Aktualisiert am

Konzentriert: Markus Anfang will die Spielweise des SV Darmstadt 98 verändern. Bild: dpa

Variabel sein, flexibel sein: Trainer Markus Anfang probt bei Fußball-Zweitligaklub Darmstadt 98 eine Art Kulturrevolution. Schon jetzt mahnt er die „Lilien“-Profis zur Geduld.

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          Den „Lilien“-Profis rauchen derzeit die Köpfe. Und zwar nicht weil die Spätsommersonne das Übungsgrün am Böllenfalltor so erhitzt, sondern weil Markus Anfang die Spieler auch kognitiv (heraus-)fordert. Man müsse bei Anfangs Trainingsformen ziemlich auf Zack sein, sagen die Spieler unisono. Abschalten ist nicht mehr. Der neue Cheftrainer des SV Darmstadt 98 ist nicht angetreten, um das Erbe seines letztlich erfolgreichen Vorgängers Dimitrios Grammozis anzutreten. Oder grundsätzlich Kontinuität zu wahren bei einem Team, das mit 32 erlangten Punkten eine starke Zweitligarückrunde gespielt hat.

          Anfang verfährt nach der Methode: Neuer Trainer gleich neue Art – nicht nur an der Seitenlinie, sondern auch an der Taktiktafel. Die Darmstädter Verantwortlichen wussten, wie Anfang arbeitet. Sie wussten, dass der Kölner nicht nur einen Ko-Trainer, sondern auch seine Spielidee mitbringen wird. Und dass diese mit der Art Fußball, die in den vergangenen Jahren vom SVD angeboten worden ist, wohl nur noch entfernt verwandt sein wird.

          Weg vom simplen Hauruck-Fußball

          Variabel sein, flexibel sein, Spielkontrolle haben, den Ball haben wollen – darum geht es im Kern künftig bei den „Lilien“. Was eine kleine fußballerische Kulturrevolution bedeutet. Denn in den die jüngere Vereinsgeschichte prägenden Jahren unter Trainer Dirk Schuster standen die Südhessen für einen eher simpel gestrickten Hauruck-Fußball: Kämpfen, hinten dichthalten, und vorne wird’s schon irgendwie, wenn man nur lang genug auf gute Umschaltsituationen wartet.

          Die Trainer Norbert Meier und Torsten Frings waren an der Aufgabe gescheitert, mehr spielerische Elemente zu verankern. Auch Grammozis tat sich lange schwer, die offensichtlich tief verankerte DNA der Mannschaft zu verändern. So richtig gelang es ihm erst in der Schlussphase der vorigen Saison, als es für die Darmstädter in der Liga um nicht mehr viel ging und Grammozis das weitestgehend starre 4-2-3-1-System mal aufweichte.

          Anfang stand in seinen vorherigen beiden Profistationen in Kiel und beim 1. FC Köln für einen offensiven Ansatz, für reichlich Tore auf der Haben- und der Gegenseite – letztlich aber jeweils von Erfolg gekrönt. „Ich möchte keinen Hurrafußball spielen lassen, eine Ordnung im Spiel ist wichtig. Aber meine Mannschaften wollen immer den Ball haben“, sagt Anfang im Gespräch mit dieser Zeitung: „Ich verlange aber nichts wahnsinnig Neues. Zumal die meisten Spieler heutzutage ja in Nachwuchsleistungszentren gut ausgebildet worden sind und taktisch viel kennengelernt haben. Niemand wird überfordert sein, weil der Fußball nicht mehr neu erfunden werden kann.“ Zugleich aber weist Anfang darauf hin, dass die klassischen Darmstädter Tugenden wie gute Arbeit gegen den Ball und das Bestreben, zu null zu spielen, auch unter ihm weiter wichtige Rollen spielen werden.

          Sechs Wochen Zeit für den Neuanfang

          Sechs Wochen hat der 46-Jährige Zeit, die „Lilien“ spielerisch und taktisch umzupolen und für die neue Spielzeit zu rüsten, zwei bleiben ihm noch. Am 13. September sind die Darmstädter in der ersten DFB-Pokal-Runde beim Drittligaklub FC Magdeburg zum Pflichtspielauftakt 2020/21 gefordert. Um das Zutrauen der Akteure für die neue Spielidee zu gewinnen, bekommen Testspiele eine große Bedeutung. Am Samstag testeten die „Lilien“ gleich zweimal gegen den englischen Premier-League-Absteiger Norwich City. Die erste Partie ging 2:3 (beide Tore Serdar Dursun) verloren, die zweite Begegnung endete 0:0.

          „Ich finde es grenzwertig, wenn es mitunter heißt, dass es mit mir nur ein 4-1-4-1-System geben werde“, sagt Anfang. In Kiel und Köln habe er sehr wohl auch andere Formationen gelehrt. Über dem Darmstädter Trainingsareal surrt aktuell eine Drohne, welche das Training für den Coach aufzeichnet. Anfang unterbricht und korrigiert häufig. Der Rheinländer möchte seine Spieler darin bestärken, „ihre Komfortzone zu verlassen, und sich auch mal etwas trauen, was sie sonst nicht tun. Und ich möchte hören, was und wie sie auf dem Platz fühlen in ihrer Rolle. Ich habe die Spieler bislang als sehr lernwillig kennengelernt.“

          Und so ist der gebürtige Kölner unterwegs, den SV 98 auf neue Pfade zu führen. Doch noch wirkt er nicht wirklich zufrieden mit dem vorhandenen Spielerkader. Mit Dumic, Heller und Stark haben die „Lilien“ drei erfahrene Stammkräfte abgegeben, dagegen aber bislang nur junge, entwicklungsfähige, aber wenig zweitligaerfahrene Akteure geholt. „Wenn man einen Kader langfristig gestalten will, muss man neben Leistung natürlich auch auf die Altersstruktur und die Vertragslaufzeiten achten. Aber ein nachhaltiger Aufbau ist nichts, was wir in nur einer Transferperiode regeln können, zumal in der Corona-Ausnahmesituation“, so Anfang: „Wir werden drei Transferperioden benötigen, um die Mannschaft für die kommenden Jahre aufzustellen.“

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