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Neuer Darmstadt-Stürmer Tietz : Der Nachbarsjunge

„Extrem Bock“: Philip Tietz blickt auf eine spannende Zweitliga-Saison mit alten Bekannten. Bild: Huebner

Philip Tietz kennt „Lilien“-Coach Torsten Lieberknecht schon lange. Nicht die einzige Bekanntschaft, die dem neuen Darmstädter Stürmer ein familiäres Gefühl gibt.

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          Augen auf bei der Wahl des Wohnorts! In Nachbarschaft zu einem Profi-Fußballtrainer aufzuwachsen, kann der Karriere entscheidende Impulse verleihen. Dass Philip Tietz als Profi mit Kicken sein Geld verdient, hat auch mit der Fügung zu tun, dass sein Elternhaus in einem Braunschweiger Vorort genau gegenüber dem Haus lag, in dem Torsten Lieberknecht wohnte.

          2. Bundesliga

          Zehn Jahre lang, von 2008 bis 2018, war dieser Chefcoach von Eintracht Braunschweig, führte die Niedersachsen bis hinauf in die Bundesliga. Klein-Philip spielte schon seit der U 13 für die Eintracht. Als er 16, 17 Jahre alt war, legte der Angreifer regelmäßig mit seinem Vater ein paar Extraschichten auf der Straße ein. Ballannahme und Ballmitnahme, Dribblings und so weiter standen auf dem häuslichen Programm. Lieberknecht sah häufig mal einen Moment lang zu und spielte die Bälle zurück, wenn diese in seine Richtung sprangen.

          „Er war der Schlüssel“

          „Mit dieser Vorgeschichte hat er mich immer im Blick behalten. Und mir letztlich die Chance gegeben. Er war der Schlüssel für den Beginn meiner Profikarriere“, sagt Tietz. Lieberknecht holte den damaligen U-19-Spieler Tietz in den Braunschweiger Profikader. Und nach wenigen Zweitliga-Trainingstagen stand an einem Februarmorgen 2016 vor einem Heimspiel gegen den FSV Frankfurt bei der Teambesprechung sein Name auf der Tafel.

          „Fett und in Rot“, erinnert sich Tietz schmunzelnd. Lieberknecht habe der Mannschaft gesagt, dass „ich Fehler machen darf und auch werde und dass dies in Ordnung sei“. Den großen Durchbruch schaffte Tietz bei seinem Heimatklub letztlich nicht. Es sind Vereine aus Rhein-Main, die Tietz‘ Karriere prägen. Einst das Profidebüt gegen den FSV, zuletzt zwei Jahre beim SV Wehen Wiesbaden und nun seit wenigen Wochen und vertraglich bis Mitte 2024 beim SV Darmstadt 98.

          Markus Anfang hatte bei den „Lilien“ als Cheftrainer das sportliche Sagen, als schon Mitte Mai der Transfer vom SVWW zum SVD bekanntgegeben wurde. Tietz war im Urlaub, als er von Anfangs Abgang nach Bremen hörte – und von Lieberknechts Anheuern in Darmstadt. „Das ist schon cool. Wir sind ein Stück unserer Wege gemeinsam gegangen und nun setzen wir das fort. Er weiß, wie ich ticke und wie ich spiele, da ist schon eine Verbundenheit“, sagt der 23-Jährige. „Ich habe extrem Bock und bin extrem heiß auf die neue Saison.“

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          Was nicht nur am altbekannten Trainer liegt, sondern auch an der Bewährungschance in Liga zwei. Zwar hat Tietz während seiner Wanderjahre in Braunschweig, Paderborn, Jena und Wiesbaden die Erfahrung von 30 Zweitligaspielen gesammelt. Doch oft kam er dort nur als Kurzarbeiter und Joker ins Spiel.

          Überzeugen lassen haben sich die Darmstädter von Tietz‘ gelungener Wehener Vorsaison, als ihm als Stammkraft elf Tore und fünf Torvorlagen glückten. In der dritten Liga hat der Niedersachse die respektable Stürmerquote von 28 Treffern in 83 Einsätzen vorzuweisen. Dennoch: „Die zweite Liga liegt mir besser als die dritte. Dort fühle ich mich mit meiner Spielweise deutlich wohler“, sagt Tietz, der 1,90 Meter lang ist.

          „Bin einer, der nicht lange fackelt“

          Mit welchen Qualitäten er sich intern durchsetzen und in der starken zweiten Liga reüssieren will? Da braucht Tietz nicht lange zu überlegen. „Ich bin ein Box-Stürmer, der nicht lange fackelt. Ich bin beidfüßig, abschlussstark, lasse in Zweikämpfen nicht locker und kann mir mit meinem Kopfballspiel Lufthoheit verschaffen. Dazu bin ich trotz meiner Länge nicht langsam, aber auch nicht sehr schnell.“

          Wer künftig am Böllenfalltor die Position des nach 27 Saisontoren zu Fenerbahce Istanbul abgewanderten Serdar Dursun bekleidet, wird zwangsläufig mit Vergleichen konfrontiert werden. Tietz hat durchaus Erfahrung darin, dem Star und Hoffnungsträger eines Teams schlechthin nachzufolgen. Bei Wehen Wiesbaden sollte er nach dem Abstieg in die Fußstapfen des langjährigen erfolgreichen Torjägers Manuel Schäffler treten. Nun eben in Dursuns. „Ich betrachte das nicht als Druck, sondern als Ansporn“, so Tietz, der aktuell im SVD-Kader um die Position in der Sturmspitze wetteifert mit einem weiteren Sturm-Neuzugang, Luca Pfeiffer.

          Der Start in Darmstadt scheint Tietz jedenfalls geglückt. Regelrecht begeistert zeigt er sich über die neue Station, die keine 50 Kilometer von der vorigen entfernt liegt. „Ich freue mich riesig, für solch einen Traditionsverein auflaufen zu dürfen. Das Familiäre wird hier stark gelebt. Ich fühle mich in Stadt und Verein extrem wohl. Und ich sage das voller Überzeugung nach gerade mal vier Wochen hier.“

          Am Freitag schlossen die Darmstädter ihr sechs Tage kurzes Trainingslager im pfälzischen Herxheim ab. Sieben Neuzugänge waren dabei. Coach Lieberknecht hat darauf geachtet, dass die Sitzordnung bei Tisch und bei den Besprechungen sich immerfort geändert hat, so dass nicht immer dieselben Grüppchen beisammen waren.

          So wurden auch Tietz und Marvin Mehlem voneinander getrennt. Die beiden haben sich einst bei der deutschen U-20-Auswahl kennengelernt und sind seither beste Freunde, die nun erstmals auch im Verein Seite an Seite spielen. Mehlem fällt noch eine Weile mit einer Knieverletzung aus, währenddessen sich Tietz voll reinkniet beim neuen Arbeitgeber und die Anhängerschaft mit Kampfgeist und Toren begeistern will, wie er sagt. In Darmstadt wird Tietz, voraussichtlich im Dezember, erstmals Vater werden. Dann arbeitet er demnächst täglich mit seinem Entdecker (Lieberknecht) und dem Patenonkel seines ersten Kinds (Mehlem) zusammen. Es gibt schlechtere Startbedingungen für einen Darmstädter Neuzugang.

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