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Zweite Bundesliga : Das „Über-Wunder“ von Darmstadt

  • -Aktualisiert am

Frohsinn: Die „Lilien“ stehen derzeit in voller Blüte Bild: Arthur Schönbein

Wucht und Wille: Darmstadt setzt sich über die Grenzen eines baufälligen Fußballstandorts hinweg. Vor dem Spiel gegen Bochum an diesem Sonntag (13.30 Uhr) lockt die erste Liga.

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          Es war ein sonniger Nachmittag im Mai, als Rüdiger Fritsch, Präsident des SV Darmstadt 98, nach durchwachter und, nun ja, durchzechter Nacht auf dem proppevollen Darmstädter Karolinenplatz ein Mikrofon hingehalten bekam. Er griff zu und sang: „Nie mehr zweite Liga, nie mehr!“ Ein Moment, der unter Fans des SV Darmstadt 98 Kultstatus genießt. Und wörtlich genommen, war es bis heute die einzige öffentliche Darmstädter (Kampf-)Ansage, den Aufstieg in die Fußball-Bundesliga anzustreben.

          Auch wenn es damals – die „Lilien“ hatten am Abend zuvor in einem dramatischen Relegationsmatch in Bielefeld den Sprung in Liga zwei geschafft – nicht ernst gemeint war. Fritsch hatte sich im emotionalen Überschwang schlicht in der Liga vertan. In Darmstadt ist jener Abend, als der südhessische Klub nach 21 Jahren Abwesenheit wieder die zweite Liga erreichte, als „Wunder von Bielefeld“ abgespeichert. Und bei den „Lilien“ kam niemand auf die Idee, dass man ein Jahr später vielleicht eine Steigerung des Wortes „Wunder“ benötigen wird.

          Gegenentwurf zum Hyper-Kommerz

          Doch nun hat der Überraschungs-Aufsteiger nach 26 Zweitligaspieltagen gute Aussichten, in die Bundesliga durchzustarten. Dirk Schuster, ein kerniger Trainer mit klarer Marschroute, ein Team voller Wucht und Wille, ein Umfeld, das sich seit knapp anderthalb Jahren in einem Zustand dauerhafter Begeisterung befindet. Und das an einem traditionsreichen Fußballstandort, der ewig ein karges Dasein in einem abbruchreifen Stadion fristete.

          Was man wissen muss: Im Mai 2013 waren die „Lilien“ sportlich in die vierte Liga abgestiegen, blieben nur aufgrund des Lizenzentzugs der Offenbacher Kickers in der dritten Liga. Dann stiegen sie, als Abstiegskandidat mit einem Team aus Namenlosen und Gescheiterten gestartet, auf. Wiederholt sich die Geschichte nun eine Etage höher? Der SV 98 steht vor dem Heimspiel gegen Bochum an diesem Sonntag (13.30 Uhr / Live bei Sky und im Zweite Bundesliga-Liveticker bei FAZ.NET) mit 45 Punkten auf Rang drei. Die Darmstädter haben die beste Abwehr der Liga (19 Gegentreffer), vor der Länderspielpause endete in Düsseldorf eine Serie von 16 Partien ohne Niederlage. Ein neuerlicher Aufstieg, so Fritsch, wäre – die Steigerung von Wunder – ein „Über-Wunder“.

          Der 53-Jährige führt den Traditionsverein ehrenamtlich. Die Tage des Wirtschaftsjuristen spielen sich überwiegend außerhalb der Fußballwelt ab. Doch seine Welten sind längst nicht mehr zu trennen. Bei jedem Treffen mit Mandanten „muss ich zunächst 20 Minuten erzählen, was sich bei den ‚Lilien‘ zusammenbraut.“ Die Sympathien fliegen dem Klub und seiner märchenhaften Erfolgsgeschichte aus allen Richtungen zu, weil die Südhessen ein Gegenentwurf zum hyper-kommerziellen Fußball sind. Weil sie ein familiär geführter Verein mit Nestwärme sind, in dem die Präsidentengattin für Neuzugänge auf Wohnungssuche geht und Fans sich für das Reinigen der Haupttribüne vor den Heimspielen eine Dauerkarte verdienen können. „Weil unser Erfolg nicht am Reißbrett konzipiert war und nun irgendein Plan aufgeht“, sagt Fritsch.

          Angesichts des kleinen Budgets und der akut renovierungsbedürftigen Trainings- und Spielbedingungen allein den Plan zu schmieden, die zweite Liga zu rocken, wäre vermessen gewesen. Und als Fritsch nun im März die Lizensierungsunterlagen für die Bundesliga einreichte, kam es ihm vor wie ein Traum. Nur sieben Profis haben überhaupt Arbeitspapiere für die Bundesliga. „Als wir die Verträge gemacht haben, wussten wir noch nicht mal, wie man Bundesliga schreibt“, sagt Fritsch. Die Erfolge haben die Strukturen des Klubs gewaltig überfordert.

          Mai 2014: Das „Wunder in Bielefeld“ wird in Darmstadt gefeiert

          Die Mannschaft von Trainer Schuster hat sich längst selbständig gemacht in ihrem stetigen Aufwärtstrend und sich über die vermeintlich natürlichen Grenzen, die der baufällige Fußballstandort hat, hinweggesetzt. Seit Wochen tingelt der „Lilien“-Tross zu Plätzen durch die halbe Stadt, um im Training ein paar grüne Halme unter die Stollen zu bekommen. Doch es wird nicht gemurrt, es wird gearbeitet. Und dabei nicht von der Bundesliga geredet, zumindest nicht öffentlich. Da verweigert man bei den „Lilien“ strikt die Realität. „Träumen können andere. Wir wollen Woche für Woche die Konkurrenz ärgern, wir gehen nicht von unserem Weg ab“, sagt Schuster, der Architekt des Erfolgs, der den Klub im Januar 2013 auf dem letzten Rang der dritten Liga übernahm.

          Es hat sich viel getan bei den „Lilien“, nur am Stadion nicht. Die neue, rund 34 Millionen Euro teure Arena steht wohl erst 2018. Das Stadion am Böllenfalltor ist im aktuellen Zustand ein marodes Relikt, das noch die alte Fußball-Zeit atmet. Der Putz bröckelt, die Duschen werden mitunter nicht warm, und beim Betreten der Gästekabine erleidet jeder verwöhnte Gegner einen Kulturschock. Nicht auszudenken, dass demnächst der Luxusliner des FC Bayern hier vorfährt und die Herren Schweinsteiger und Götze nach getaner Arbeit unter einer kalten Dusche stehen. Möglich ist es.

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