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Bayern München : Dantes Inferno

  • -Aktualisiert am

Zu spät gekommen: Dantes Inferno begann mit dem Fehler bei Kiyotakes Tor für Hannover Bild: dpa

Ende eines Arbeitsverhältnisses? Pep Guardiola nimmt seinen Innenverteidiger Dante beim 3:1-Sieg der Bayern in Hannover nach nur 32 Minuten aus dem Spiel. Dessen ehemaliger Klub Borussia Mönchengladbach verfolgt die Entwicklung mit Interesse.

          Der Held des Tages war feinfühlig genug, das teaminterne Dilemma so ausführlich wie möglich zu erklären. Gut gelaunt analysierte Thomas Müller, zweifacher Torschütze für den FC Bayern München, warum einer seiner Kollegen so schlecht gelaunt war. „Das ist extrem bitter für Dante. Aber es ging nicht gegen ihn persönlich“, sagte Müller über jene Szene, die das Spiel des Meisters bei Hannover 96 gründlich verändert hatte.

          Damit das Münchner Spiel belebt werden konnte, war Innenverteidiger Dante nach nur 32 Minuten ausgewechselt worden. Der Brasilianer, dessen Auftritt bis dahin mit Fehlern behaftet war, empfand das als Strafe. Müller fand, dass es nicht gemein, sondern logisch war. „Wir haben einen Mittelfeldspieler mehr gebraucht“, sagte er nach dem glücklichen 3:1-Sieg.

          Mehrfache Mängel

          Wenn es an Toren in Serien, großartigen Spielzügen oder sonstiger Unterhaltung fehlt, taugt beim FC Bayern eine auf den ersten Blick simple Auswechslung als großes Thema. Es ist kein Geheimnis, dass Dante in München einen schweren Stand hat. Sein feines Gespür für ein gutes Stellungsspiel lässt den 31-Jährigen immer häufiger im Stich.

          Die nötige Grundschnelligkeit lässt er auch vermissen. Es war unglücklich für Dante, dass seine Mängel vor 49.000 Zuschauern innerhalb weniger Minuten mehrfach bestaunt werden konnten. Das aufmüpfige Hannover 96 war doch tatsächlich gegen den Ligakrösus in Führung gegangen. Und der Torschuss, den der Japaner Hiroshi Kiyotake in der 25. Minute abgegeben hatte, war dummerweise auch durch die Beine von Dante gerollt. Sieben Minuten nach diesem 1:0 fand sich der enttäuschte Brasilianer auf der Ersatzbank wieder. Er ließ sich nur widerwillig trösten. In eine herbeigetragene Fernsehkamera sagte er mit einem unglücklichem Gesicht zumindest diesen Satz: „Ich war ein bisschen traurig, aber ich verstehe den Trainer.“

          Es war das übliche Problem aufgetaucht, vor dem der FC Bayern in dieser Saison ohne echten Titelrivalen immer wieder steht. Wie trickst man Gegner aus, die sich in der eigenen Spielhälfte verschanzen und nur darauf warten, dass irgendwann irgendwie doch mal ein Münchner Schnitzer ausgenutzt werden könnte? „Gegen solche Gegner sieht das Fußballspielen nicht immer schön aus“, sagte Nationalspieler Müller. Er hatte nach dem 1:1 per Freistoß durch Xabi Alonso (28.) die Treffer zum 2:1 (61.) per Elfmeter und 3:1 (72.) per Kopf folgen lassen. Gegen einen Team wie Hannover 96 war Bayern-Trainer Pep Guardiola der Meinung, man könne zunächst ohne Franck Ribery, Bastian Schweinsteiger und Robert Lewandowski zum Erfolg kommen. Aber je häufiger sich Müller und vor allem Arjen Robben in der ersten Halbzeit verzettelt hatten, desto klarer wurde Guardiola: Hier muss sich etwas tun. Er nahm nicht Holger Badstuber oder Jerome Boateng aus dem Spiel, sondern gezielt Dante. Und siehe da: Aus einer 3-4-2-1-Formation wurde ein 4-4-2-Gerüst, das tatsächlich deutlich besser funktionierte.

          Fragliche Zukunft

          Die Erklärungsversuche, wie demütigend die frühe Auswechslung von Dante gewesen sein dürfte, nahmen recht merkwürdige Züge an. „Er ist einer der besten Profis, die ich in meiner Karriere getroffen habe“, sagte Guardiola. Seine Worte klangen, als halte er gerade die Abschiedsrede für einen verdienten Kollegen, dessen anstehende Frühpensionierung schon einmal mit warmen Worten bedacht werden muss. Und das hatte Folgen. Denn die Deutungen, warum Dante nur noch selten in der Startelf des FC Bayern auftaucht und im Fall der Fälle keine glückliche Figur mehr abgibt, gewinnen immer mehr an Schärfe. Matthias Sammer, als Sportvorstand in München gern auch für rhetorische Winkelzüge zuständig, stufte die vielen negativen Einschätzungen von Dantes Leistung als Populismus ein. Es war aber auch herauszuhören: Hier wird über einen Spieler debattiert, der zwar verunsichert agiert und doch selbst einräumt, dass er von seiner Bestform weit entfernt ist.

          Die Praxis, dass Guardiola auf dem Weg zur Meisterschaft immer wieder mal sogar einen Weltmeister gegen einen Weltmeister austauscht, hat die Mehrheit seiner Profis verinnerlicht. „Der Trainer entscheidet das Spiel“, sagte Nationalspieler Mario Götze, der in Hannover in der 53. Minute durch Ribery ersetzt worden war. Er hatte Glück, dass keine Debatte über seine eher schwache Darbietung und die starken, siegbringenden Minuten mit Ribery eröffnet wurde. Der Fall Dante und zwei Fehlentscheidungen von Schiedsrichter Tobias Welz überlagerten so manche Schwäche im Bayern-Spiel. Es mussten am Ende Standardsituationen mit umstrittener Vorgeschichte für die Wende herhalten. Vor dem 1:1, das Alonso per Freistoß gelungen war, gab es keinerlei Foul. Und dem 2:1 durch Müller war kein Foul an Lewandowski vorausgegangen, sondern dessen Selbstgefährdung durch einen Kopfball nur wenige Zentimeter über der Grasnarbe. Der Rest war Routine.

          Kurz nach der Pflichtübung in der Bundesliga waren die Münchner Profis schon wieder mit dem Ernst in der Champions League und ihrem Heimspiel am Mittwoch gegen Schachtjor Donezk beschäftigt. Dass dann einer der besten Profis, die Guardiola in seiner Karriere je kennengelernt hat, wieder ein zentrale Rolle spielen darf, erscheint zu Dantes Leidwesen mehr als fraglich.

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