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Dampfkessel Rostock : Hansas Problem: die Fans

  • -Aktualisiert am

Feuer im Fanblock: Hansa-Fans unter Beobachtung Bild: dpa

Brennende Tribünen, rassistische Rufe, Prügeleien mit Polizisten. Die Gewaltausbrüche ihrer Fans trüben die Freude bei Hansa, sportlich in der Bundesliga mithalten zu können. Vor dem Ost-Duell gegen Energie Cottbus herrscht Alarmstufe in Rostock.

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          Eigentlich könnte Dirk Grabow rundum zufrieden sein. „Wir haben uns stabilisiert“, sagt der Vorstandschef des FC Hansa Rostock, „das ist ein großer Erfolg, weil wir nach fünf Spieltagen bereits als Absteiger Nummer eins galten.“ Doch die Freude darüber, sportlich doch mithalten zu können in der Bundesliga, wird getrübt durch Gewaltausbrüche der Fans.

          Bereits am Montag herrschte bei der Rostocker Polizei Betriebsamkeit. Es galt, den Einsatzplan für das Ost-Duell zwischen Hansa Rostock und Energie Cottbus zu überarbeiten. „Wir müssen umdenken, was unsere Einsatzkräfte und Strategie angeht“, sagte Polizeisprecherin Katrin Drewelow. Wieder waren am Wochenende zuvor Problemfans des FC Hansa auffällig geworden.

          Pufferzone und Alkoholverbot

          Beim 0:1 in Bremen griffen sie Polizisten an, es kam zu 66 Festnahmen. Ein schwerer Tag für Grabow. „Diese Außendarstellung schadet unserem Verein sehr“, sagt er: „Das in den Griff zu bekommen, bedeutet eine schwere Aufgabe.“ Die Diskrepanz zwischen den Auftritten des Teams und der Fans ist mittlerweile besorgniserregend. Nahezu Woche für Woche gibt es Randale-Schlagzeilen: „Ich hoffe aber, dass unsere Fans erkannt haben, wie viel von einem richtigen Verhalten gegen Cottbus abhängt.“

          Ausnahmezustand Fußball

          Von deutlich mehr als 1000 Sicherheitskräften, die beim Ost-Derby im Einsatz sein sollen, ist die Rede. Es gibt intensivere Kontrollen, eine Pufferzone um den Gästeblock und Alkoholverbot. Der Leiter der Polizeiinspektion Rostock, Olaf Kühl, stellte der Ultra-Fanszene des Klubs kein gutes Zeugnis aus. Sie sei „momentan die gewaltbereiteste im Profifußball in Deutschland“, sagt er, oft genügten schon kleine Anlässe.

          Rassistische Rufe und brennende Tribünen

          Auch deshalb findet das Spiel unter der höchsten Sicherheitsstufe statt. 2000 Fans aus der Lausitz reisen an, der Fanbeauftragte Thomas Lange erwartet, „dass in puncto Sicherheit alles getan wird, damit wir dort in Ruhe das Spiel sehen können“. Energie schickt sogar eigene Ordner mit. Doch ein mulmiges Gefühl wird bleiben, weil der Rostocker Fußball seit etwa einem Jahr nicht mehr zur Ruhe kommt. Bereits 200 Stadionverbote musste der Klub aussprechen.

          Alles begann mit den rassistischen Rufen im DFB-Pokal gegen Asamoah im Herbst 2006 und Ausschreitungen Rostocker Fans im Dezember in Burghausen und Karlsruhe. Im Mai 2007 dann die Schreckensbilder in Essen, als es im Hansa-Fanblock brannte. 100.000 Euro Geldstrafe verhängte das Sportgericht, der Klub büßte weitere 150.000 Euro ein, weil er keine Stehplatzkarten für die Partie gegen Koblenz verkaufen durfte. Doch zur Besinnung kamen die Anhänger nicht: Selbst die Aufstiegsfeier nur wenige Wochen später war von schweren Krawallen begleitet. Rostock wirkt wie ein Dampfkessel, der sich öfter entlädt.

          Zerlegte Kneipen, zerstörte Straßenbahnen

          In dieser Saison kam es bereits bei den Heimspielen gegen Nürnberg und Schalke zu teilweise heftigen Auseinandersetzungen mit Ordnungskräften in der Südkurve. Polizeieinsätze im Fanblock – das ist ein Bild, das man aus anderen deutschen Arenen seit Jahren nicht mehr kennt. Auch nicht aus Cottbus. Lediglich noch 30 Fans der Kategorie C (Gewalt suchend) werden laut Polizei Energie zugeordnet, etwa 150 der Kategorie B (gewaltbereit). Bei Hansa sind es drei Mal so viele.

          Bei der Auswärtspartie in Wolfsburg zerlegten sie eine Gaststätte; in Bremen wurden Straßenbahnen zerstört, es flogen Flaschen gegen Polizisten. Von einem „erschreckend hohen Aggressionspotential“ sprach Einsatzleiter Heinz-Jürgen Pusch, während sich viele Fans über die angebliche Brutalität der Polizei beklagten. Gewalt und Gegengewalt – Hansa hat seinen Ruf längst weg. Spätestens seit Stendal, Februar 2006, als 450 Rostocker sich eine zweistündige Straßenschlacht mit der Staatsgewalt lieferten, Autos anzündeten und mehrere hunderttausend Euro Sachschaden verursachten.

          Randale haben Geldgeber abgeschreckt

          „Es gibt natürlich immer wieder Vorfälle, die uns zu schaffen machen“, sagt der Rostocker Fanbeauftragte Axel Klingbeil, bundesweit habe sich der Eindruck festgesetzt, „dass unsere Fans nur Chaoten sind – aber das stimmt nicht. Wir stehen zu sehr im Fokus.“ Grabow jedoch spürt, dass dem Verein Teile der Fanszene entgleiten. Deshalb stellt er sich immer wieder dem Dialog mit den Anhängern, „weil wir nicht einfach aufgeben wollen. Wir wissen, dass viele Fans bemüht sind, der Gewalt ein Ende zu bereiten.“

          Zumal die Problemklientel Hansa viel Geld kostet. Im Sommer sei es auch aus diesem Grund schwer gewesen, einen Hauptsponsor zu finden, sagt Grabow. „Die Randale haben manchen Geldgeber abgeschreckt, auch das versuchen wir den Fans immer wieder klarzumachen.“ Mit Erfolg? Das Duell gegen den Ostrivalen wird es erweisen.

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