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Ärger bei Fußball-Mitarbeitern : Die, an die keiner denkt?

  • -Aktualisiert am

Machtlos: Die Arbeit unter anderem der Kameraleute ruht. Bild: dpa

Kein Fußball, keine TV-Bilder: „Sportcast“-Mitarbeiter fühlen sich in der Corona-Krise im Stich gelassen und vermissen Solidarität. An Besserung glauben sie „nicht eine Sekunde“ – aus einem bestimmten Grund.

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          Die Worte, mit denen Christian Seifert in der vorigen Woche eine Bundesligaspielpause von unbestimmter Länge verkündete, klangen einfühlsam und wohl durchdacht. Über allem stehe die Gesundheit der Menschen, erklärte der Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL) nach einer Sitzung mit Vertretern der 36 Erst- und Zweitligaklubs. Auch für Kritik an seiner Organisation, die bis zuletzt versucht hatte, Spiele stattfinden zu lassen, habe er viel Verständnis. Und dann sagte er einen großen Satz: „Allen Beteiligten heute war wichtig zu betonen, dass wir in nächster Zeit nicht nur eine finanzielle Solidarität an den Tag legen müssen, sondern vor allem auch eine moralische und emotionale Solidarität.“ Einige der Menschen, deren Einkommen von der Bundesliga und den Spielen abhängt, fragten sich in den Tagen danach allerdings, ob diesem Ruf nach Solidarität auch Taten folgen werden.

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          Die Bilder aus den beiden höchsten Ligen werden von einer Firma namens „Sportcast GmbH“, einer hundertprozentige Tochter der DFL, produziert, die an jedem Spieltag nach Berechnungen des „Tagesspiegels“ rund 1000 freie Mitarbeiter beschäftigt: Kameraleute, Spezialisten zur Herstellung der Zeitlupen, Techniker, Regisseure, Aufnahmeleiter und viele mehr. Diese Leute erhielten ernüchternde Nachrichten: Zwar würden die vertraglich fixierten Ausfallhonorare bezahlt, und für den 26. Spieltag, der am 13. März wenige Stunden vor dem Anpfiff des ersten Spiels abgesagt wurde, erhielten bereits gebuchte Mitarbeiter Kulanzzahlungen, teilte die DFL auf Anfrage mit. Die Folgeaufträge für Spiele nach dem 16. März wurden jedoch storniert.

          Vorerst müssen viele der Mitarbeiter ohne feste Anstellung mit ihren Ersparnissen oder mit Zuschüssen aus öffentlichen Kassen über die Runden kommen, was einige Betroffene irritiert. Schließlich verhalten sich andere Produzenten von Bildern für das Sportfernsehen großzügiger. Die Firma Thinxpool, die die Deutsche Eishockey Liga, die Basketball-Bundesliga und im Fußball die dritte Liga produziert, überweist den bereits gebuchten Mitarbeitern zum Teil bis Ende März die vollen Honorare. Für spätere Aufträge werden immerhin noch 50 Prozent der vereinbarten Summe ausgezahlt, manchmal bis in den Mai hinein. Auch RTL versprach seinen freien Mitarbeitern Lösungen, die über die vertraglichen Verpflichtungen hinausgehen.

          Ausgaben zusammengestrichen

          Für die abgesagten Formel-1-Rennen in Australien, Bahrein und Vietnam erhalten die gebuchten Mitarbeiter Ausfallhonorare von 50 Prozent des Tagessatzes. Darüber hinaus will der Kölner Sender Betroffene in anderen Projekten beschäftigen, um ihnen zu einem Einkommen zu verhelfen. Und etliche Anstalten der ARD bemühen sich besonders um ihre freien Mitarbeiter. So teilte der WDR den Mitarbeitern, die „zunächst für den Zeitraum vom 16. März bis zum 19. April bereits für Dienste eingeteilt oder disponiert wurden“, mit, dass ihnen „ein 100-prozentiges Ausfallhonorar gezahlt“ werde.

          Die „Sportcast GmbH“ hingegen, die über die DFL an die mit Abstand üppigsten Geldflüsse im nationalen Sport angeschlossen ist, hat erst mal die Ausgaben für freie Mitarbeiter zusammengestrichen. Aus der „Sportcast“ ist zu hören, dass auch hier an Lösungen und Hilfestellungen gearbeitet wird. Man sei „derzeit dabei, wie viele andere Unternehmen auch, die Liquidität zu analysieren, auch im Hinblick auf mögliche künftige Szenarien“, teilte eine Sprecherin mit. „Von den Ergebnissen dieser Prüfung wird abhängen, inwieweit wir die freien ,Sportcast‘-Mitarbeiter möglicherweise über das vertraglich zugesicherte Maß hinaus unterstützen können. Sollte dies möglich sein, könnte dies in Form von Vorabvergütung zukünftiger Einsätze oder Darlehen in Frage kommen.“ Die Profiklubs können sich ziemlich sicher sein, dass sie schon bald wieder ein werthaltiges Produkt herstellen werden, mit dem sich viel Geld verdienen lässt.

          Mancher freie Mitarbeiter hat in diesen Tagen aber das Gefühl, dass ein in den Fankurven der Stadien verfestigtes Bild doch zutrifft: das Bild von einem Betrieb, der sich nach außen solidarisch und sozial gibt, aber immer noch oft dem alten Mechanismus folgt, aus allen Situationen jeden möglichen Cent herauszuholen. Seifert hatte in der vorigen Woche explizit auf „die Tausende Beschäftigten im Hintergrund“ hingewiesen, die rund um Spiele der beiden höchsten deutschen Spielklassen „einer Arbeit nachgehen können“, die man nicht vergessen dürfe. Nicht zuletzt hatte er „Kameramänner“ und „Tontechniker“ genannt. Nun fühlen sich viele der Leute, die über „Sportcast“ besonders eng an die DFL angeschlossen sind, im Stich gelassen. Ein Mitarbeiter sagte gegenüber der F.A:Z., er habe „nicht eine Sekunde daran geglaubt, dass wir da irgendeine Solidarität erwarten können“.

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