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Corona-Krise und Fußball-Fans : Das bemerkenswerte Engagement der Ultras

Der Ball ruht, die Fans nicht: Ultras des VfB Stuttgart gehen für andere einkaufen und zeigen Dankbarkeit. Bild: Picture-Alliance

In der Krise zeigen viele Fußball-Ultras Haltung. Deutschlandweit packen Fans mit an und helfen, wo sie können. In Stuttgart werden sie dabei auch vom Vereinspräsidenten unterstützt – auf durchaus kuriose Weise.

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          Claus Vogt ist ein erfolgreicher Unternehmer. Vor allem aber ist er Präsident des VfB Stuttgart, einem Gründungsmitglied der Fußball-Bundesliga. Fünf Mal ist der VfB bislang deutscher Meister geworden, etliche Nationalspieler wurden am Neckarufer geformt. Der Fußball spielte schon immer eine zentrale Rolle in der baden-württembergischen Landeshauptstadt, die zugleich Heimat etlicher internationaler Konzerne ist. Die Menschen, die in Stuttgart leben, arbeiten bei Daimler, Porsche, Bosch oder Mahle, sagt man. Und sie gehen gerne ins Stadion, zu „ihrem“ VfB, sagen sie. Das schwäbische Herz schlägt eben in weiß-rot.

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          Nicht immer aber gehen Verein und Fans Hand in Hand, in Stuttgart schon gar nicht. Dort „bruddelt“, also mosert, der gemeine Stadionbesucher gerne und oft, wenn es mal wieder nicht so läuft, wie vor Saisonbeginn gedacht oder während der Spielzeit erhofft. Auch in den vergangenen Monaten, in denen der VfB in der zweiten Liga mehr schlecht als recht um den Aufstieg kämpfte, bevor er durch die Coronakrise erst einmal zum Däumchendrehen verdammt wurde, waren sie zu hören, die unzufriedenen Rufe. Weil dies nicht klappte und jener kein Tor schoss, und überhaupt die Mannschaft nicht das zeigte, was sie doch eigentlich können müsste bei ihrer Veranlagung.

          Botengänge und Nachbarschaftshilfe

          Aus der Cannstatter Kurve aber, dem Herzstück des organisierten Anhangs, schallen meist wesentlich forschere Töne als von den „Bruddlern“. Die dort beheimatete Ultraszene des VfB hält sich mit Kritik an dem, was ihr nicht passt, kaum zurück. Die vermeintliche Beschränkung von Freiheitsrechten kann das sein, die Verschärfung des Polizeigesetzes, Mehrfachbestrafung von Verein und Verband, Kollektivstrafen für ganze Gruppen statt der Ermittlung von Einzeltätern etwa beim verbotenen Abbrennen von Pyrotechnik. Damit sind die Stuttgarter Ultras in Deutschland nicht allein. Im Gegenteil. Beinahe jede Fanszene äußert sich regelmäßig zu diesen Themen, auch zur für viele ungewollten Kommerzialisierung des Fußballs. Erst kürzlich sorgte dies bundesweit für Schlagzeilen, als mehrere Gruppen, etwa aus Dortmund, München und Mönchengladbach, deutlich über das Ziel hinausgeschossen waren und den Unternehmer und Mäzen der TSG Hoffenheim, Dietmar Hopp, teilweise wüst beleidigten. Die Fronten zwischen Vereinen, Verbänden und Ultras waren verhärtet.

          Dass VfB-Präsident Vogt nun, offenbar „aus eigenem Antrieb“ sowie „zügig und unbürokratisch“, wie auf Twitter zu lesen ist, den Stuttgarter Ultras ein Auto zur Verfügung gestellt hat, will da nicht so recht ins Bild passen. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Der Fußball aber erlebt derzeit deutschlandweit eine bemerkenswerte Welle der Solidarität an der auch die Ultras ihren Anteil haben: In mittlerweile über 20 Initiativen haben sich Fußballfans wegen des grassierenden Coronavirus organisiert und bieten unter anderem Botengänge und Nachbarschaftshilfe an. Darunter auch die Stuttgarter Gruppe „Schwabensturm“, die eine der ersten war und der viele weitere folgten.

          Vogt hörte davon und bot seine Hilfe an – auch mit seinem Auto erledigen die Ultras nun gemeinsam mit anderen notwendige Einkäufe für Menschen, die derzeit besonders eingeschränkt sind. „In der derzeitigen Lage halte ich es für eine Selbstverständlichkeit, solche Initiativen zu unterstützen“, sagt der 50-Jährige im Gespräch mit dieser Zeitung. Der VfB unterstütze jedes Engagement für die Allgemeinheit, das der Ultras, aber auch die vielen weiteren Initiativen, die sich solidarisch zeigten. „Jeder Einzelne ist aufgefordert im Rahmen seiner Möglichkeiten zu helfen. Diese Botschaft verdeutlichte auch Teammanager Günther Schäfer mit einem Video in den Sozialen Netzwerken.

          Auch in Freiburg bedanken sich die Fußball-Ultras.
          Auch in Freiburg bedanken sich die Fußball-Ultras. : Bild: dpa

          Nicht nur in Stuttgart packen die Ultras mit an. Auch in Berlin, München, Hannover, Gelsenkirchen und vielen weiteren Städten schließen sich die Fans momentan mit anderen Freiwilligen und Organisationen wie der Caritas zusammen. In Dortmund beispielsweise werden die etwa 90 Helfer auch vom früheren Nationalspieler und BVB-Profi Kevin Großkreutz unterstützt. Nach schleppendem Beginn wächst die Nachfrage nun von Tag zu Tag. Am größten ist der Bedarf bei Einkaufsgängen für in Quarantäne befindliche Menschen oder für Ältere und Bedürftige, die der Risikogruppe angehören, heißt es. „Wir achten dabei auf hygienisch und medizinisch sichere Umsetzung, weshalb die Zahl unserer Einkaufshelfer auf eine sehr kleine Gruppe beschränkt bleibt und sie mit Mundschutz und Handschuhen agieren“, erklären dazu Nürnberger Fan-Gruppen: „Wir lassen uns zudem von medizinischen Experten beraten.“

          Dazu kommen öffentliche Solidaritätsbekundungen: Dort, wo sonst Graffiti gesprüht werden, an Brücken, Krankenhauseingängen und vor Supermärkten finden sich bundesweit zahlreiche Spruchbänder und Banner, auf denen Menschen gedankt wird, die derzeit besonders belastet sind. „Wenn ihr an eure Grenzen geht, denkt daran, dass diese Stadt hinter euch steht!“, heißt es etwa in Darmstadt. In Berlin schrieben Union-Ultras: „Ob Krankenhaus, Kasse oder Pflegeheim: Täglich steht ihr für uns ein. Danke!“ Und Fans des VfL Osnabrück stellten klar: „Ihr seid Helden!“ Eine Meinung, bei der sich im deutschen Fußball ausnahmsweise mal die meisten einig sein dürften. Ob Ultra, „Bruddler“ oder Vereinspräsident.

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