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Ärger über Kölner Corona-Chaos : „Das ist bizarr und naiv“

  • Aktualisiert am

„Niemand hat sich falsch verhalten“: Kölns Sportchef Horst Heldt Bild: dpa

Nach drei positiven Corona-Tests beim Fußball-Bundesligaklub verteidigt Kölns Sportchef Horst Heldt das Vorgehen. Ein Profi aber schlägt ganz andere Töne an. Und der DFL-Mediziner räumt Lücken im System ein.

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          Trotz der drei positiven Corona-Tests beim 1. FC Köln hat Sportchef Horst Heldt ein Fehlverhalten innerhalb der Mannschaft zurückgewiesen. „Niemand aus unserem Team hat sich leichtsinnig verhalten. Fakt ist: Wir haben drei Infizierte und über 50 Nicht-Infizierte in unserer Testgruppe. Insofern gehen wir davon aus, dass die Regeln und Maßnahmen am Geißbockheim wirken“, sagte Heldt der „Bild am Sonntag“. Am Freitag war bekanntgeworden, dass zwei Spieler und ein Betreuer der Rheinländer positiv auf das Coronavirus getestet worden waren.

          Es sei klar gewesen, dass es auch positive Tests geben könne, „wenn man in der Liga auf einen Schlag weit über 1000 Tests macht“, betonte Heldt. Dass nur die drei infizierten Personen in Quarantäne mussten, sei die Entscheidung des Gesundheitsamtes gewesen.

          Spieler vorerst nicht unter Quarantäne

          Heldt hätte kein Problem damit, wenn es in zwei Wochen in der Bundesliga wieder losgehen würde. „Wir lernen gerade alle, Kompromisse einzugehen, an die wir vor Wochen noch nicht gedacht haben.“ Natürlich seien zehn bis 14 Tage richtiges Mannschaftstraining sinnvoll. „Aber vielleicht kriegen wir diese Zeit nicht. Und dann machen wir es so“, ergänzte der langjährige Manager.

          Köln-Profi Birger Verstraete hält die Maßnahmen nach den drei positiven Corona-Tests derweil für leichtsinnig. „Wir sollten vorerst nicht unter Quarantäne gestellt werden, und das ist ein bisschen bizarr“, sagte der belgische Mittelfeldspieler dem TV-Sender „VTM“. Beim 1. FC Köln waren zwei Spieler und ein Betreuer positiv auf das Coronavirus getestet worden. „Der Physiotherapeut ist der Mann, der mich und andere Spieler wochenlang behandelt hat. Und mit einem der beiden fraglichen Spieler habe ich am Donnerstag im Fitnessstudio ein Duo gebildet“, sagte Verstraete in dem Interview, über das „Het Laatste Nieuws berichtete.

          Erstaunt über die Maßnahmen: Köln-Profi Birger Verstraete
          Erstaunt über die Maßnahmen: Köln-Profi Birger Verstraete : Bild: dpa

          Es sei daher „nicht ganz richtig“, dass kein anderer aus dem Team der Kölner mit den Betroffenen in Kontakt gekommen sei. Der 26-Jährige rechnet mit weiteren Infektionen. „Ich denke auch daran, dass sich das Virus verbreitet hat“, sagte Verstraete. Ihm stehe der Sinn derzeit nicht nach Fußball. Eine schnelle Wiederaufnahme der Saison hält Verstraete für „naiv“.

          Die Gesundheit seiner Familie und seiner Freundin seien für ihn „von größter Bedeutung“. Dies würden auch viele andere Spieler so sehen. „Fußball ist nicht das Wichtigste“, betonte der Belgier. Er könne sich vorstellen, dass viele Profis bei einer anonymen Befragung für einen Abbruch der Spielzeit votieren würden. „Erst Gesundheit, dann Fußball“, sagte Verstraete.

          Die Kölner wiesen die Aussagen ihres Spielers in einer Stellungnahme am Sonntagmittag zurück. „Im Einklang mit dem medizinischen Konzept der Deutschen Fußball Liga DFL werden beim FC ausschließlich Spieler trainieren und spielen, die durch zwei aufeinanderfolgende negative Tests den Nachweis haben, dass sie mit dem neuartigen Corona-Virus nicht infiziert sind. Aus diesem Grund werden alle Spieler vor der geplanten Wiederaufnahme des Trainings am Montag rechtzeitig erneut getestet“, hieß es.

          In der Stellungnahme des Klubs ruderte Verstraete zurück. „Statt aus der Emotion heraus ein Interview zu geben, hätte ich den Kontakt zu unserem Arzt suchen und mir meine Fragen erklären lassen müssen. Es lag nicht in meiner Absicht, den zuständigen Behörden oder dem 1. FC Köln Vorwürfe zu machen“, sagte er.

          Nach den positiven Tests hat sich auch Taskforce-Leiter Tim Meyer geäußert und eine Rest-Anfälligkeit des Hygiene-Systems der Deutschen Fußball Liga (DFL) eingeräumt. „Wenn es zu viele positive Fälle gibt, kann dieses System sicherlich ins Wanken geraten. Das ist gar keine Frage“, sagte der Arzt der deutschen Nationalmannschaft bei Sport1. Deswegen sei „extreme Disziplin“ aller Beteiligten auch abseits des Spielfeldes wichtig: „Wenn diese Disziplin nicht eingehalten wird, dann kann das beste Konzept ins Wanken geraten.“

          Da fast 2000 Personen in der Bundesliga getestet worden seien, habe man „einige positive Fälle erwartet“, sagte Meyer: „Ich möchte nicht ausschließen, dass es weitere gibt.“ Es sei natürlich auch möglich, dass zunächst negativ getestete Spieler „nachträglich positiv werden. Das ist auch einer der Gründe, warum wir wiederholt testen.“ Beim geplanten Einstieg ins Mannschaftstraining dürfen nur zweimal negativ getestete Spieler teilnehmen.

          Es gebe, so Meyer, „kein einhundertprozentiges System, das war auch kein realistisches Ziel. Wir haben immer das Ziel verfolgt, mit einem Bündel von Maßnahmen ein medizinisch vertretbares Risiko zu erreichen.“ Im Moment könne man das System noch gar nicht abschließend beurteilen, erklärte der 52-Jährige: „Wir können vielleicht erstmals in vier, fünf Wochen sagen, ob das wirklich gut funktioniert oder ob es nicht klappt, wenn diese wiederholten Testungen dauerhaft größere Zahlen von Positiven hervorbringen. Ich hoffe nicht, dass das der Fall ist. Die entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen sind getroffen. Meines Erachtens ist das ein System, wie man es derzeit kaum sicherer auf die Beine stellen kann.“

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