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Altstar bei Werder Bremen : Pizarros Glanz ist verblasst

  • -Aktualisiert am

Claudio Pizarro stänkert zwar nicht, spielt in Bremen aber auch selten Bild: Picture-Alliance

Der Sturzflug von Werder Bremen in der Bundesliga hängt eng mit Claudio Pizarro zusammen. Er und Kapitän Fritz sollen im Abstiegskampf die Köpfe oben halten. Doch vor dem Spiel in Stuttgart sticht der Joker nicht mehr.

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          Auswärts gegen den VfB Stuttgart – das scheint wie gemalt für Claudio Pizarro. Erst mal eine Halbzeit oder vielleicht sechzig Minuten lang auf der Bank sitzen, dann bei Gleichstand eingewechselt und mit Cleverness und Geschick zum Mann der letzten Minuten werden: Die Rolle des erfahrenen Jokers spielte der 37 Jahre alte Peruaner bei den Auswärtssiegen in Hoffenheim Mitte September und Augsburg Anfang November überzeugend.

          Vom 3:1-Sieg in Mainz dazwischen erwischte Claudio Pizarro zwar nur zehn Minuten ohne Tor und Vorlage auf dem Feld. Unterm Strich bleibt trotzdem eine beeindruckende Bilanz: Gegen ähnlich starke Gegner aus der Tabellennachbarschaft holten die Bremer mit Pizarro neun Punkte. Sie können dann abwarten, wenig zulassen und kontern. Dabei hilft ihnen ihr prominentester Profi. Nicht mehr durch Schnelligkeit, sondern dadurch, dass er vorne wartet und anspielbar ist. Beim VfB könnte an diesem Sonntag (15.30 Uhr / Live auf Sky und im Bundesligaticker auf FAZ.NET) wieder eines dieser Pizarro-Spiele anstehen – in der Startelf wird er mit großer Wahrscheinlichkeit nicht stehen; Anthony Ujah gibt den einzigen Stürmer.

          Kehrseite der beschränkten Verwendbarkeit

          Die Kehrseite der beschränkten Verwendbarkeit zeigt sich in den Heimspielen. Werder ist mit drei Punkten aus sieben Partien das schwächste Team im eigenen Stadion. Denn hier ist Pizarro kaum zu gebrauchen. Trainer Viktor Skripnik möchte Dominanz und attraktives Spiel. Ballbesitz statt Konter. Doch weil das Mittelfeld um den formschwachen Zlatko Junuzovic den Ball kaum mal nach vorne bringt, kann Pizarro nicht zünden – wenn er denn überhaupt spielt.

          Skripnik und Assistent Torsten Frings hatten im Sommer beim Geschäftsführer Thomas Eichin für den vereinslosen Pizarro geworben. An ihm und seiner Erfahrung sollten sich die jüngeren Spieler festhalten. Sie setzten sich durch - und erhalten jetzt die Quittung. Werders Sturzflug auf Rang 15 hängt eng mit Claudio Pizarro zusammen. Er und Kapitän Clemens Fritz sollen die Köpfe oben halten im Abstiegskampf. Gegen Hamburg erreichte Pizarro von Beginn an spielend wenig, Fritz fehlte gesperrt. Der eine mit Karten-Bann belegt, der andere glücklos: Werder verlor 1:3.

          Die übliche Diskussion begann – und setzte an zwei Zipfeln an. Bei Pizarro und bei Skripnik. Pizarro hat seinen Glanz bei seinem dritten Bremer Engagement verloren, und Skripnik steht nach einem guten Jahr mit seiner Mannschaft dort, wo er sie von Robin Dutt übernommen hatte. Bei mickrigen 13 Punkten. Damals führte Skripnik Werder aus der Abstiegszone. Jetzt hängen sie wieder dort fest. Tristesse an der Weser.

          Dabei hatte Pizarro doch an die guten, alten Zeiten erinnern sollen. Dass Rückholaktionen im Fußball fast immer misslingen, wissen sie in Bremen auch. Doch in Pizarro sahen Skripnik und Frings etwas, was der alternde Star nicht mehr darstellt: verlässliche Torgefahr. Dass der Stürmer nicht stänkert, die Jungen im Training mitnimmt und seine Rolle als Bremer Idol abseits des Rasens sinnstiftend ausfüllt, ist ein schöner Begleiteffekt. Doch geholt und bezahlt wird er für Tore und Vorlagen.

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          Der ukrainische Coach schützte seinen Stürmer Mitte der Woche: „Er ist wichtig, er ist echt professionell. Mit seiner Routine ist er gerade in dieser schwierigen Phase wichtig.“ Und tatsächlich scheint es, als rückten die Bremer in diesen Tagen in gewohnter Manier enger zusammen. Woanders entwickeln sich enorme Fliehkräfte, wenn die zweite Liga droht. Bei Werder sind die Reflexe andere. Ko-Trainer Frings und die gesamte Führungsspitze mit Eichin, Ehrenpräsident Klaus-Dieter Fischer und Aufsichtsrat Marco Bode betonten ihr Vertrauen in Skripniks Zukunftsfähigkeit. Der 46 Jahre alte Coach dankte im „Kicker“: „Ich spüre Rückendeckung von der oberen Etage und vom ganzen Verein“, sagte er, „das tut gut.“

          Das Vertrauen ist das eine, die Resultate das andere. Wenn die vier letzten Spiele des Jahres in Stuttgart, gegen Köln, in Frankfurt und im Pokal bei Borussia Mönchengladbach vorbei sind, wird eine Analyse erfolgen. Eichin und Co. bleiben auch deshalb vergleichsweise ruhig, weil sie sich noch einige Punkte ausrechnen. Andererseits muss Skripnik dann auch belegen, dass er das Team entwickelt hat. Zweimal war seine Mannschaft bisher bereit, als es brenzlig zu werden drohte - in Mainz und in Augsburg. Ähnliches soll nun beim VfB gelingen. Die Formkurve seiner Mannschaft ist dabei alarmierend: Nur zwei Siege gelangen in den vergangenen zehn Spielen.

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          Skripnik ist nur ungern von seiner Spielidee abgewichen. Er mag keinen reinen Ergebnisfußball. Doch genau der ist jetzt gefragt, denn sollte Werder ohne weitere Punkte in die Rückrunde gehen, gibt es kaum noch Argumente für den Trainer. Er selbst hofft darauf, im Winter neue Profis zu bekommen. Am besten Soforthelfer wie Jannik Vestergaard und Koen Casteels vor einem Jahr. Als Skripnik nach der HSV-Niederlage von seiner Hoffnung sprach, bald neue Spieler begrüßen zu dürfen, reagierte Eichin aber mit einer Absage: „Stand heute sind keine Zugänge geplant.“ Das beinhaltet natürlich, bei einem weiteren Abrutschen neu nachzudenken.

          Der Trubel um Pizarro und die Erwartungen an ihn haben übertüncht, dass Werder einen Kader besitzt, der ab der Position 15 sehr dünn besetzt ist. Die Talente Grillitsch, Fröde, Sternberg, Eggestein, Lorenzen, Öztunali und Zander sitzen bei Werder auf der Bank, füllen die Mannschaft aber nur auf, wenn sie eingewechselt werden. Das notwendige Modell Sparsamkeit schlägt nun voll durch. Zum vierten Mal nacheinander hat Werder ein Geschäftsjahr mit einem Minus abgeschlossen. Große Sprünge sind unmöglich. Kreative Lösungen sind gefragt. Claudio Pizarro wirkte wie eine solche damals, im September.

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