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Christoph Daum : Willkommen in Frankfurt

Sprüche aus der Mottenkiste: Christoph Daum (l., neben Vorstandschef Bruchhagen) bei seiner Antrittspressekonferenz Bild: Frank Röth

Christoph Daum ist in Frankfurt angekommen. Vorstandschef Heribert Bruchhagen macht eine charakterliche Kehrtwende. Die Fans heißen ihn zu Tausenden willkommen. Aber das Ergebnis ist völlig offen.

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          Ganz so wichtig, wie Christoph Daum es erhofft, ist er dann doch nicht mehr. „Ich kenne das aus der Türkei, dass solche Pressekonferenzen live übertragen werden“, sagt der neue Trainer der Frankfurter Eintracht zu Beginn seiner Vorstellung am Mittwochnachmittag. Auch in Köln stand die Welt Kopf, als Daum 2006 seine Rückkehr in die Domstadt verkündet hatte, die ihm seit seligen Zeiten zu Ende der 80er Jahre zu Füßen liegt.

          In Frankfurt beschränkt sich das regionale Dritte Programm indes darauf, von 15.30 Uhr an die erste Übungseinheit vor 2000 Zuschauern in die hessischen Haushalte zu übermitteln - immerhin gab es das in der Bankenmetropole am Main, wo die Trainer nach dem Abgang von Dragoslav Stepanovic im Jahr 1996 in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten von Horst Ehrmantraut über Willi Reimann und Friedhelm Funkel bis hin zum am Dienstag entlassenen Michael Skibbe nicht gerade für Glamour standen - zuvor noch nicht.

          Der 57 Jahre alte Fußballlehrer muss sich dennoch an die kleineren Dimensionen in Frankfurt gewöhnen. Die Eintracht hat sich schließlich lange von ihrem in den glorreichen 70er Jahren erworbenen Ruf als launische Diva verabschiedet. Rund um den im Frankfurter Stadtwald beheimateten Klub ist es ruhig geworden, seit Heribert Bruchhagen vor fast einem Jahrzehnt ein strenges Regiment in der Eintracht Frankfurt Fußball-AG eingeführt und dabei den zuvor verschuldeten Klub in finanziell solides Fahrwasser geführt hat. Bruchhagen galt zudem bis zu dieser Woche als der Manager im deutschen Fußball, der selbst im aktuellen Trainerentlassungswahnsinn seine Linie wahrt und Trennungen von Trainern meidet wie der Schiedsrichter den Ballkontakt.

          Willkommen in Frankfurt: Christoph Daum im Waldstadion

          Umso überraschender war nun die charakterliche Kehrtwende des Managers und die Verpflichtung eines Trainers, dem der Ruf vorauseilt, eine der schillerndsten Figuren des deutschen Fußballs zu sein. Daum galt mal als Lautsprecher der Liga, weil er sich Ende der 80er Jahre als Jungtrainer des 1. FC Köln öffentlich mit den Granden des FC Bayern anlegte. Er war der Motivationsguru, weil er seine Spieler bei Bayer Leverkusen über glühende Kohlen laufen ließ. Und er galt als gescheiterte Existenz, als im Jahr 2000 sein Traum von einer Karriere als Bundestrainer nach einem positiven Kokaintest zerplatzt war (siehe auch: Eintracht Frankfurt: Skibbe entlassen - Daum Nachfolger).

          Sprüche aus der Mottenkiste

          Beim Antrittbesuch vor den Medien hatte man am Mittwoch freilich das Gefühl, dass auch Daum in die Jahre gekommen ist. Der im vergangenen Sommer in der Türkei bei Fenerbahce Istanbul entlassene Fußballlehrer brauchte mehr als eine Viertelstunde, um sich warm zu reden. Als dann zu den Worten „Wir fangen alle bei Null an“ erstmals seine rechte Faust auf den Tisch schlug, schien die Geste inszeniert.

          Und die Sprüche aus der Mottenkiste sprudelten auch danach vorausgeplant aus dem Mund des „Retters der Eintracht“: „Visionen schaffen Fakten“, „Nur mit Handauflegen geht es nicht“, „Wenn der Kopf richtig funktioniert, ist er das dritte Bein“ und „Mein Credo ist, mehr zu halten als zu versprechen“, „Motivation ist richtig verstandene und praktizierte Kommunikation“ lauteten die Sätze, die Daum seiner ersten Arbeitsstunde vorausschickte. Zudem behauptete er, dass er für seine Familie in Köln einige Bilder seiner selbst aufgehängt und Videos eingelegt habe, weil er in nächster Zeit wegen der Anforderungen in Frankfurt eher selten die eineinhalbstündige Fahrt in die Heimat antreten werde.

          Natürlich durfte auch nicht fehlen, dass Daum die Eintracht wieder an die nationale Spitze und an europäisches Flair heranführen wolle - obwohl die Eintracht und ihr neuer Trainer zunächst nur ein Arbeitsverhältnis bis zum 30. Juni vereinbart haben.

          Der Mann für die „soft facts“

          Zudem bemühte sich Daum fast krampfhaft, seine Zeitgemäßheit zu untermauern mit dem Verweis auf Fortbildungsreisen nach England und Südamerika sowie die Zusammenarbeit mit seinem technikaffinen Sohn Marcel - von dem er merkwürdig gestelzt immer mit Nennung des Nachnamens Daum spricht -, der ihm die Welt von Datenbanken und Analysesoftware erschließe. Er, Daum selbst, bringe hingegen das Knowhow mit, wie man die „soft facts“, das Wesen der Spieler, kennenlernt. „Das erfährt man aus keiner Datenbank“, sagte Daum.

          Auch die Erfolgsaussichten des Tabellen-Vierzehnten im bevorstehenden Kampf um den Klassenerhalt kann freilich niemand voraussagen. Für Eintracht-Vorstandschef Bruchhagen, der Daum am Montag bei einem neunzigminütigen Besuch angeblich im Vier-Augen-Gespräch ohne die sonst obligatorischen Berater und Anwälte in seiner Kölner Villa vom Engagement in Frankfurt überzeugt hat, scheint Daum dennoch der Hoffnungsträger zu sein, den er womöglich auch für sein Seelenheil benötigt hat. „Wir sind es nicht gewohnt, solch einen Medienauflauf zu haben. Aber wir sind sehr erfreut darüber“, sagte der 62 Jahre alte Vorstandschef im Angesicht von zehn Fernsehkameras und 40 Fotografen. „Wir wünschen, dass alles das, was wir uns wünschen, auch so kommt.“

          Da hilft vermutlich auch Daumendrücken. Oder, wie es ein Reporter eines hessischen Jugendradios wünschte: „Daum drücken“. Also wollte er dem vermeintlichen Fußball-Messias tatsächlich zu Leibe rücken. Diesem etwas irren Wunsch versagte sich der Trainer dann aber doch. Christoph Daum ist eben doch älter geworden. Und vielleicht ja auch altersweise.

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