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Ärger um Videobeweis : „Die Schiedsrichter werden immer verrückter“

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„Wir sind auf dem völlig falschen Weg, wir müssen zurück zum Fußball“: Christian Streich Bild: dpa

Der Videobeweis und die Ahndung von Handspielen sorgen in der Liga mal wieder für Aufregung. Vor allem die Trainer reden sich in Rage – selbst die, die von einer Entscheidung profitieren. Einer reagiert nur noch mit Sarkasmus.

          Trainer Christian Streich vom Fußball-Bundesligaverein SC Freiburg sieht den Videobeweis nach den ständigen Debatten der vergangenen Wochen zunehmend kritisch. „Die Schiedsrichter werden langsam immer verrückter, weil sie nicht mehr wissen, was sie machen sollen“, sagte Streich am Sonntag nach dem 1:1 (1:1) gegen Fortuna Düsseldorf. „Es wird jetzt langsam ganz, ganz kritisch.“

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          „Wir sind auf dem völlig falschen Weg, wir müssen zurück zum Fußball. So geht es nicht. Das Spiel ist nicht mehr so wie es war“, äußerte der 53-Jährige: „Alles steht im Mittelpunkt – nur nicht mehr der Fußball. Die Schiedsrichter werden immer unsicherer. Man hat gedacht, dass mit der Technologie alles besser wird – aber jetzt sieht man, dass da auch nur Menschen am Werk sind.“ Ein Handspiel im Strafraum solle dann geahndet werden, „wenn eine klare Torchance vermieden wird oder einer die Hand dort hat, wo sie nicht hingehört“, meinte er.

          Auch der Videobeweis helfe in der aktuellen Situation nicht, fand sein Düsseldorfer Kollege Friedhelm Funkel. „Die Schiedsrichter sind nicht mehr so souverän und selbstsicher, wie sie es vor dem Videokeller waren“, sagte der 65-Jährige. Das sieht Streich genauso: „Die Schiedsrichter haben es brutal schwer“, sagte er. „Du merkst auch, dass sie immer flatteriger und unsicherer werden. Und so geht es nicht.“

          Auch am Vortag war die Debatte um den Videobeweis und die Handspielregel ein großes Thema. Niko Kovac wollte mit Bayern München schon einmal vorsorglich „Elfmeterschießen üben“, der VfB Stuttgart zürnte über „das klarste Handspiel der Saison“, Werder Bremen sah sich um einen „klaren Elfmeter“ gebracht und selbst ein Profiteur wie Hannover-96-Trainer Thomas Doll sprach von einem „Phantomelfer“. Die Handregel und ihre Auslegung im Rahmen des Videobeweises hat auch am 32. Spieltag der Fußball-Bundesliga für heftige Diskussionen gesorgt. Wirklich durchzublicken schein in dem Chaos niemand mehr.

          Hatte DFB-Schiedsrichter-Chef Lutz Michael Fröhlich zu Wochenbeginn noch behauptet, dass die deutschen Referees die Handspielregel „sehr konsequent und berechenbar“ umsetzen würden, lieferte das Wochenende den Kritikern bereits am Samstag neue Argumente für das Gegenteil. Der frühere Fifa-Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer bezeichnete die Entscheidungen in seiner Kolumne in der „Bild am Sonntag“ als „völlig willkürlich“, ja „unfassbar“. Sein früherer Kollege Markus Merk bei Sky empfand die Vorkommnisse „ganz krass“ und „ganz uneindeutig“.

          Vor allem die abstiegsbedrohten Stuttgarter Spieler machten ihrem Ärger nach der 1:3-Niederlage bei Hertha BSC zudem ebenfalls verbal Luft. Herthas Verteidiger Karim Rekik hatte beim Stand von 0:0 einen Kopfball im Sechzehner klar mit der Faust  abgewehrt, ein Eingreifen des Videoschiedsrichters blieb dennoch aus. Obwohl die Szene während der Partie den wenigsten Beteiligten aufgefallen war, erhitzte sie anschließend die Gemüter.

          „Das war das klarste Handspiel der letzten Wochen und Monate, vielleicht sogar der gesamten Saison“, motzte VfB-Angreifer Alexander Esswein, sein Kollege Dennis Aogo stand vor einem „riesengroßen Rätsel“ und klagte: „Für was sitzen die in Köln im Keller?“ Jochen Drees, Projektleiter Videoassistent beim DFB, musste am Abend im Aktuellen Sportstudio des ZDF einen Fehler des zuständigen Videoschiedsrichters Günther Perl einräumen: „Er hat es einfach nicht gesehen“, sagte Drees: „Die Situation war unscheinbar, es hat niemand reklamiert.“

          Problematisch wird diese Verteidigungslinie allerdings durch die offensichtliche Häufung der Fälle. Denn die Unklarheit, ob ein Handspiel zu ahnden ist oder nicht, herrscht schließlich in beide Richtungen. In Bremen sprang Mario Götze der Ball im Strafraum an die Hand, was Werder-Coach Florian Kohfeldt als „im Kontext der Saison klaren Elfmeter“ bewertete. Gepfiffen wurde er nicht. Ebenso wenig eine von Hannovers Matthias Ostrzolek mit dem Arm geblockte Flanke von Bayerns Thomas Müller.

          Strafstoß gab es stattdessen nach einer fast identischen Situation gegen Jerome Boateng, was dieser wiederum überhaupt nicht nachvollziehen konnte und was doch genau im Trend liegt: Schon nach dem 31. Spieltag hatten die Bundesliga-Schiedsrichter 29 Handelfmeter verhängt, der bisherige Durchschnitt von 11,7 pro Saison wird damit ebenso übertroffen wie die bisherige Rekordmarke aus der Saison 1967/68 (23).

          Was bleibt ist derzeit nur die Flucht in Sarkasmus: „Wir müssen nur noch üben, wie wir an den Strafraum gehen, und dann schießen wir jemandem an die Hand“, meinte Bayern-Coach Niko Kovac: „Gar nicht mehr flanken, wir müssen gar nicht mehr schauen, wo  unser Mann steht. Dann üben wir Elfmeterschießen.“

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