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Christian Streich im Gespräch : „Ich habe Respekt - und auch Angst“

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Mann mit Weitblick: Christian Streich will nicht nur an Ergebnissen gemessen werden - der Gedanke an Misserfolg ist ihm dennoch ein Graus Bild: dpa

Christian Streich gilt als unangreifbarer Trainer, weil er den SC Freiburg in den Europacup geführt hat. Im F.A.Z.-Interview spricht er über die Verführungskraft des Fußballs, die Arbeit mit jungen Spielern und seine eigene Popularität.

          Im Tagesgeschäft ist der Trainer des SC Freiburg stark gefordert. Er muss den Weggang mehrerer Stammkräfte auffangen und nach Platz fünf in der Bundesliga die Zusatzbelastung Europa League in den Griff bekommen. Aber der 48-Jährige, der in kurzer Zeit zum Gesicht des Sportclubs wurde, hat sich immer auch Zeit genommen, über grundsätzliche Fragen des Fußballs und des Lebens nachzudenken.

          Sie sind einer der profiliertesten Nachwuchstrainer in Deutschland, Sie haben die Profis des SC Freiburg in der vergangenen Saison auf Platz fünf in der Bundesliga geführt, und Trainer des Jahres wurden Sie danach auch noch. Verführt so viel Erfolg - zum Beispiel zu größerer Eitelkeit?

          Ich bin selbstverständlich eitel. Aber ich kann das, was in meinem Leben passiert ist, einordnen - glaube ich jedenfalls. Es grüßen mich natürlich mehr Leute als früher, manche winken von der anderen Straßenseite und rufen „Hallo, Herr Streich!“. Und wissen Sie, was ich mache? Ich grüße zurück, fertig. Wenn sie sagen, ich sei ein Vollidiot, dann grüße ich nicht mehr.

          Was bedeutet das im Alltag?

          Egal, in welches Wirtshaus in Deutschland ich gehe, von sechs besetzten Tischen erkennt mich an einem mindestens ein Gast. Dieses Gesicht, das sie sehen, war im Fernsehen, die Menschen haben eine gewisse Assoziation, und diese Assoziation ist in meinem Fall derzeit in der Regel positiv. Bei denen läuft chemisch im Kopf genau das ab, was bei mir auch abläuft: Wenn ich jetzt den Franz Beckenbauer sehen würde, dann würde ich mir auch sagen: Schau, da sitzt der Franz Beckenbauer, er trinkt ein alkoholfreies Bier, er hat die Beine übereinandergeschlagen. So beobachte ich eben Menschen. Und andere tun es auch. Das ist in Ordnung so.

          Die Veränderung findet also vor allem bei anderen statt?

          Man verändert sich selbst immer, sonst hätte der Stoffwechsel ja aufgehört zu arbeiten, und sie wären tot. Ich hätte mich auch verändert, wenn ich nicht Bundesliga-Trainer geworden wäre. Jetzt bin ich nur einem anderen Einfluss ausgesetzt, und damit muss ich mich auseinandersetzen. Und ich habe großen Respekt davor, auch Angst, das gebe ich offen zu.

          Wovor genau?

          Vor Misserfolg. Oder dass die Leute sagen: Was spielen die denn für einen Fußball? Das wäre grausam.

          Weil Sie es gar nicht kennen, auch mal als erfolgloser Trainer durch Freiburg zu spazieren? Vielleicht sogar als Trainer eines Absteigers?

          Das kenne ich mein ganzes Leben lang als Trainer nicht. Und die Vorstellung gefällt mir nicht. Abstieg, an so etwas mag ich gar nicht denken, mein Gott, da steckt ein ganzes Jahr Arbeit dahinter. Ich habe das bei den Fürthern in der vergangenen Saison doch fast körperlich gespürt: die oft knappen Niederlagen, das Arbeiten mit einem kleinen Etat, und wie es dann am Ende nicht funktioniert hat. Das hat mich nicht kaltgelassen. So etwas kann durchaus Ängste auslösen. Aber ich glaube und hoffe, dass uns viele in Freiburg nicht nur an den Ergebnissen messen.

          „Die Bundesliga ist nicht dafür da, immer das richtige Vorbild abzugeben“, sagt Christian Streich

          Was ist leichter, die Arbeit mit Profis oder mit jungen Spielern?

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