https://www.faz.net/-gtm-9j2po

Fußball-Bundesliga : Beziehungsstress bei Schalke 04

  • -Aktualisiert am

Ob sie sich wirklich so gern haben, wie sie öffentlich bekunden? Schalkes Aufsichtsratsvorsitzender Clemens Tönnies (l.) und Manager Christian Heidel Bild: dpa

Ob die Liaison zwischen Manager Christian Heidel und Schalke 04 noch zu retten ist, scheint ungewiss. Nachfolgekandidaten werden bereits genannt – und der Aufsichtsratschef handelt wie zu alten Zeiten.

          3 Min.

          Eine kleine Bemerkung inmitten der Facherläuterungen von Domenico Tedesco vor dem Spiel des FC Schalke 04 an diesem Freitag bei Hertha BSC Berlin (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und im Eurosport Player) überraschte viele Zuhörer. „Wir sind in einem Prozess, der uns gefällt“, sagte der Trainer des Revierklubs, der seit vielen Wochen von einem tiefen Krisengefühl umgeben ist. Auch der 2:1-Sieg zum Rückrundenauftakt gegen den VfL Wolfsburg war überwölbt von unangenehmen Debatten: So hat der Kapitän und Stammtorhüter Ralf Fährmann seine Position in der Startelf an den jungen Alexander Nübel verloren. Und nicht zuletzt wurde Manager Christian Heidel mit Gerüchten konfrontiert, denen zufolge der Aufsichtsrat an der Qualität seiner Arbeit zweifele.

          Bundesliga

          Tedesco scheint all das wenig zu interessieren. Seine Zuversicht speist sich aus dem Eindruck, dass sich durch Maßnahmen wie die Beförderung Nübels „die Gruppendynamik ändert“. Der umstrittene Verkauf des Verteidigers Naldo habe ähnliche Folgen, „das gibt anderen Spielern immer wieder die Chance, sich in der Hierarchie hochzuarbeiten“, erläuterte Tedesco.

          Von den Grundsatzdebatten, die sonst noch so geführt werden, versucht er die Profis fernzuhalten. Die Kontroversen rund um den Manager Christian Heidel, der einem Bericht der „Bild am Sonntag“ zufolge „auf der Kippe“ stehe, sind ja auch reichlich verwirrend. Am Donnerstag äußerte sich nun der mächtige Aufsichtsratschef Clemens Tönnies in der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ zu den Berichten der vergangenen Tage: Sowohl Tedesco als auch Heidel hätten das „uneingeschränkte Vertrauen“ seines Gremiums, versicherte Tönnies, und sein eigenes „persönliches freundschaftliches Verhältnis zu Christian Heidel“ sei „völlig intakt, anderslautende Spekulationen gehen vollkommen an der Realität vorbei“.

          Laut Heidel habe man sich ausgesprochen

          In der „Bild“ war hingegen zu lesen, dass „Tönnies und der Aufsichtsrat zunehmend an Heidels Fußball-Kompetenz zweifeln“. Schon im Herbst hatte die Zeitung berichtet, das Gremium und sein Vorsitzender wollten dem Sportvorstand „einen Einkaufs-Experten an die Seite stellen“. Damals wehrte Heidel sich mit deutlichen Worten: „Bei uns braucht sich niemand zu bewerben. Wir haben keinen Bedarf“, es sei „einfach komplett überflüssig, das Thema in der Öffentlichkeit zu diskutieren. Ich dachte, dass die Zeiten vergangen sind und wir nur intern darüber reden.“ Um sein gutes Verhältnis zu Tönnies zu illustrieren, versicherte Heidel nun am vorigen Sonntag, er sei „nicht sauer“ auf den Klubchef gewesen, „als es um den Berater ging, wir haben darüber gesprochen und uns später sogar in den Armen gelegen“.

          Das freundschaftliche Verhältnis der beiden Erfolgsmenschen scheint demnach intakt zu sein, viel interessanter als solche Befindlichkeiten ist aber ohnehin der Vorgang an sich. Eine der zentralen Errungenschaften der nunmehr zweieinhalb Jahre Heidels in Gelsenkirchen besteht ja darin, dass Tönnies’ Verhalten von einer ungekannten Besonnenheit geprägt war. Zuvor hatte dieser imposante Mann immer wieder Trainer und Manager durch mehr oder weniger deutliche Aussagen geschwächt und so regelmäßig das Schalker Alltagsleben verunsichert.

          Bislang ist unklar, ob Kalkül hinter diesen öffentlichen oder halböffentlichen Aktivitäten steckte oder einfach nur eine fatale Neigung zur Achtlosigkeit. Heidel jedenfalls ist es gut zwei Jahre lang gelungen, Tönnies so eng ins Tagesgeschäft einzubinden, dass keine Störaktivitäten mehr von dieser Stelle zu vernehmen waren. Bis jetzt, wo sich ein vertrautes Muster zeigt: Tönnies macht Andeutungen (in diesem Fall, ohne sich zitieren zu lassen), rudert irgendwie zurück und legt dann doch wieder nach. Sein Verbreitungsorgan ist dabei immer gleich: die „Bild“. Genau dieser Mechanismus ist schon etlichen Trainer- und Managerwechseln auf Schalke vorausgegangen.

          Allerdings hatte der eigenwillige Großmetzger laut Heidel nie zuvor ein solch enges Verhältnis zu einem führenden Mitarbeiter, und in diesem Fall klingt auch der angeschlagene Vorstand selbst mitunter so, als sei er gar nicht mehr so überzeugt davon, der passende Fachmann für diesen schwierigen Klub zu sein. „Beide Seiten müssen entscheiden, ob der Weg, den wir gehen wollen, der richtige ist“, hat der ehemalige Autohändler am vorigen Wochenende erklärt. Heidels Vertrag läuft noch bis 2020, aber längst kursieren die Namen möglicher Nachfolger: Jonas Boldt, der im Herbst Bayer Leverkusen verließ, zum Beispiel. Oder Hannovers Horst Heldt, Heidels Vorgänger.

          Ob die Liaison zwischen dem langjährigen Mainzer Funktionär und dem eigensinnigen Traditionsklub aus Gelsenkirchen noch zu retten ist, bleibt daher ungewiss, wobei die eigentlichen Erträge von Heidels Arbeit noch gar nicht erkennbar sind. Nach Jahren, in denen das eingenommene Geld vorwiegend dazu diente, kurzfristige Erfolge zu ermöglichen, wurde zuletzt opulent in die Infrastruktur investiert. Derzeit wird das Vereinsgelände für 70 Millionen Euro modernisiert, „mit diesen Investitionen werden wir Schalke noch weiter im oberen Bereich des europäischen Fußballs etablieren“, sagte Tönnies im Sommer. Profitieren wird davon womöglich aber nicht mehr Christian Heidel.

          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

          Mehr erfahren

          Weitere Themen

          Ein zweiter „Fall Jatta“?

          VfB-Profi Silas Wamangituka : Ein zweiter „Fall Jatta“?

          Einem Medienbericht zufolge soll der Stuttgarter Königstransfer Silas Wamangituka unter falschem Namen spielen und auch bei seinem Alter falsche Angaben gemacht haben. Gegenüber der F.A.Z. hat der VfB Stuttgart nun Stellung bezogen.

          Topmeldungen

          Klimakonferenz in Madrid : Keinen Schritt weiter

          Mit dem Minimalkonsens der Madrider Klimakonferenz sind die Staaten auf dem Stand von vor einem Jahr geblieben. Vielleicht sollte das Format grundsätzlich überdacht werden.
          Abschied vom Kollegen: Feuerwehrleute am Samstag vor Beginn der Trauerfeier in der Pfarrkirche St. Ägidius in Neusäß

          Gewalttat in Augsburg : Mal wieder junge Männer

          Nach dem Tod eines Feuerwehrmannes auf dem Königsplatz in Augsburg stellen sich viele Fragen: Sind junge Migranten heute gewaltbereiter als früher? Und woran starb das Opfer?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.